AL 444-2 - Schädel von Australopithecus afarensis

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FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
adultes CraniumHadar, Äthiopienca. 3.0 Millionen JahreYoel Z. Rak26. Februar 1992
VERÖFFENTLICHUNG
Kimbel, W.H.; D. C. Johanson und Y. Rak, 1994. The first Skull and other new discoveries of Australopithecus afarensis at Hadar, Ethiopia. Nature 368:449-451. DOI:10.1038/368449a0

Paläoanthropologen sind sich bei der Beschreibung von Fossilen im allgemeinen am sichersten, wenn man die Schädel kennt. Als Australopithecus afarensis 1978 als neue Spezies definiert wurde, begründete man dies hauptsächlich auch mit anatomischen Merkmalen des Schädels.

Die neue Art Australopithecus afarensis wurde dennoch nicht sofort von allen Fachleuten anerkannt, unter anderem weil kein mehr oder weniger gut erhaltener Schädel vorhanden war. Zwar waren fast alle Bereiche der Schädelanatomie bekannt, jedoch nur von Bruchstücken verschiedener Individuen. 1983 versuchte man schließlich - aufgrund dieser Fragmente - den Schädel eines männlichen Australopithecus afarensis zu rekonstruieren. Manche Fachleute vermuteten aber - da man die verschiedenen anatomischen Merkmale nicht an ein und dem selben Schädel gefunden hatte - dass mehrere Homininenarten in einen Topf geworfen wurden und man das Gesicht einer Spezies mit dem Schädeldach einer anderen zusammenfügte.



1992 ergab sich die Gelegenheit, die zusammengesetzte Rekonstruktion zu überprüfen. Yoel Rak von der Universität Tel Aviv in Israel entdeckte in diesem Jahr einen recht kompletten Schädel eines Australopithecus afarensis in einer Bodenvertiefung in Hadar fand und der aus 13 großen und unzähligen kleinen Fragmenten bestand. Nach dem der Schädel von der Afar Locality (A. L.) 444-2 wieder zusammengesetzt war, ähnelte er verblüffend genau der Rekonstruktion aus dem Jahre 1983. Nun konnte man argumentieren, dass bei dieser Rekonstruktion tatsächlich nur Elemente einer einzigen Spezies verwendet wurden.

Nachdem der Schädelfund genau vermessen wurde, ergab sich das Bild eines sehr voluminösen Australopithecus-Schädels, der größte, der jemals gefunden wurde, und er ist etwas über 3 Millionen Jahre alt. Trotzdem liegt die Gehirngröße schätzungsweise bei nur knapp 500 cm³. Der Fund wird wegen seiner Größe, der langen Eckzähne, des robusten Unterkiefers und der starken Muskelansätze als männlich interpretiert. Bei Australopithecinen herrscht ein hoher Grad von Sexualdimorphismus vor, so sind Männchen um einiges größer als Weibchen, ein Zustand, den man auch beiden drei großen Arten der Menschenaffen findet. Andere Funde aus Hadar, die, wie beispielsweise der Fund A. L. 417-1, kleine Eckzähne und ein weniger vorstehendes Gesicht besitzen, werden als weiblich interpretiert.

AL 444-2 war nach der starken Abnutzung der Zähne zu schließen schon ein recht altes Individuum. Große Bereiche des Zahnbeins liegen frei und der Zahnschmelz ist zu einem großen Teil abgeschliffen. Ebenfalls starken Verschleiß zeigen die Schneidezähne, mit denen das Individuum wahrscheinlich Pflanzenstängel abbiss und es seine Nahrung mit Lippen und Vorderzähnen verarbeitete. Diese Annahme wird durch seinen den Scheitelkamm gestützt, der weit hinten liegt und flach ist.

Um den enormen Zugkräften zu widerstehen, wie sie beim Kauen mit einem prognathen (vorstehenden) Gesicht entstehen, sind die Äste des Schläfenmuskels auf der Schädelrückseite waagerecht angeordnet und verdickt. In dieser Hinsicht zeigt Australopithecus afarensis eine große Ähnlichkeit mit Schimpansen und vor allem mit Gorillas. Die Verhältnisse bei den robusten Australopithecinen stellen sich jedoch ganz anders dar. Bei ihnen arbeiten die vorderen Äste des Schläfenmuskels in senkrechter Richtung und erzeugen damit starke Kaukräfte für das Zermahlen faseriger und harter Pflanzenteile zwischen den mächtigen Backenzähnen. Bei einigen Individuen sind die Äste des Schläfenmuskels derart vergrößert, dass sich ein nach vorn ausgerichteter Scheitelkamm ausbildete. A.L. 444-2 besitzt einen kleinen, sehr flachen und weit hinten positionierten Scheitelkamm.

AL 444-2 war nach der starken Abnutzung der Zähne zu schließen schon ein recht altes Individuum. Große Bereiche des Zahnbeins liegen frei und der Zahnschmelz ist zu einem großen Teil abgeschliffen. Ebenfalls starken Verschleiß zeigen die Schneidezähne, mit denen das Individuum wahrscheinlich Pflanzenstängel abbiss und es seine Nahrung mit Lippen und Vorderzähnen verarbeitete. Diese Annahme wird durch seinen den Scheitelkamm gestützt, der weit hinten liegt und flach ist.

Um den enormen Zugkräften zu widerstehen, wie sie beim Kauen mit einem prognathen (vorstehenden) Gesicht entstehen, sind die Äste des Schläfenmuskels auf der Schädelrückseite waagerecht angeordnet und verdickt. In dieser Hinsicht zeigt Australopithecus afarensis eine große Ähnlichkeit mit Schimpansen und vor allem mit Gorillas. Die Verhältnisse bei den robusten Australopithecinen stellen sich jedoch ganz anders dar. Bei ihnen arbeiten die vorderen Äste des Schläfenmuskels in senkrechter Richtung und erzeugen damit starke Kaukräfte für das Zermahlen faseriger und harter Pflanzenteile zwischen den mächtigen Backenzähnen. Bei einigen Individuen sind die Äste des Schläfenmuskels derart vergrößert, dass sich ein nach vorn ausgerichteter Scheitelkamm ausbildete. A.L. 444-2 besitzt einen kleinen, sehr flachen und weit hinten positionierten Scheitelkamm.

Literatur

Johanson, D. und Edgar, B. 1996. From Lucy to language. New York: Nevraumont


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