Thomas Quine / Flickr

Die Entdeckung der ersten Höhle Altamira

Kategorie:


Das alte Landgut von Altamira, was soviel bedeutet wie »Hohe Aussicht« erstreckt sich über leicht abschüssiges, aber hochgelegenes Wiesenland, etwa vier Kilometer von der spanischen Nordküste entfernt. Im Süden beherrscht das Kantabrische Gebirge den Horizont, und im Westen erheben sich die häufig schneebedeckten Penas de Europa zu Gipfeln von beinahe 3000 Metern. Es ist eine großartige Szenerie. Unter dem Landgut windet sich ein unterirdisches System von Kavernen und engen Gängen durch den Kalkfels. dass die ganze Gegend von Höhlen durchsiebt ist, ist allgemein bekannt, aber bis 1868 war die heute so berühmte Altamira-Höhle dem Eigentümer des Landes, Don Marcellino de Sautuola, unbekannt. In jenem Jahr stieß ein Jäger bei dem Versuch, seinen Hund zu retten, der bei der Verfolgung eines Fuchses zwischen einige Felsbrocken gefallen war, auf den Eingang der Höhle.

Marcelino Sanz de Sautuola (1831–1888), spanischer Archäologe und Prähistoriker, entdeckte die Höhle von Altamira

Als Sautuola von der Höhle unter seinem Landgut hörte, reichte sein Interesse gerade soweit, sie kurz zu untersuchen. Er war zwar so etwas wie ein Amateur-Archäologe, aber außer ein paar alten Knochen sah er nichts Außergewöhnliches.

Rechts: Don Marcelino Sanz de Sautuola, auf dessen Land 1868 ein Jäger die Höhle Altamira entdeckte.

Bei einem Besuch in Paris im Jahre 1878 sprach Sautuola mit dem berühmten französischen Prähistoriker Edouard Piette über das Leben in der Eiszeit, wobei Piette ihm Ratschläge gab, worauf er in der Höhle achten solle. Durch diese Unterhaltung angeregt, drang Sautuola erneut in die Höhle ein und untersuchte sie dieses Mal gründlicher. Er stellte fest, dass sich der kleine Eingang zu drei zickzackförmig hintereinander gelegenen Galerien mit mehreren seitlichen Abzweigungen erweiterte. Weiter hinten verengten sich diese Galerien zu einem langen, engen, gewundenen Korridor von etwa 50 Meter Länge, so dass das gesamte Höhlensystem eine Länge von rund 300 Metern erreichte.

Als Sautuola auf Händen und Knien alles sorgfältig absuchte, fand er eine Anzahl Steinwerkzeuge, aber sonst nichts, und so wären denn ohne seine kleine Tochter Maria die großartigen Geheimnisse der Höhle für immer verborgen geblieben. Als diese eines Tages im Jahre 1879 ihren Vater begleitete, lief sie auch in einen niedrigen Höhlenraum, den ihr Vater schon früher untersucht hatte. Der Vater hatte dabei auf allen vieren kriechen müssen, aber das Kind konnte aufrecht stehen, und als es nach oben blickte, gewährte es auf der niederen Höhlendecke eine Anzahl farbiger Bilder, die ihr Vater zuvor noch nicht bemerkt hatte. Sautuola traute seinen Augen nicht, als Maria ihn herbeirief. Die rotbraunen Gestalten von fast zwei Dutzend Wisenten drängten sich da im flackernden Lampenlicht. Am Rande der Gruppe waren noch andere Tiere dargestellt: zwei Wildpferde, ein Wolf, drei Wildscheine und drei Hirschkühe.


Bison aus Altamira

In ihren roten, gelben und schwarzen Farben war die Szene so frisch, als ob sie eben erst gemalt worden wäre. Auf eine raffinierte Weise hatten die altsteinzeitlichen Künstler die Höcker und Vertiefungen der buckligen Decke genutzt, den Bildern einen dreidimensionalen Ausdruck zu verleihen. Dieses Merkmal ist zwar allen Eiszeitmalereien gemein, aber nirgends ist es so gelungen wie in Altamira.


Bildergalerie

Gemälde eines Bisons

Nashorn (Original in roten Linien gemalt)

Rentier im schwarzen Modell überlagert Pferde in schwarzen Linien

Pferd mit Überlagerung eines zweiten Pferdes

Pferd mit Überlagerung eines zweiten Pferdes


Als Sautuola 1878 in Paris gewesen war, hatte er auf der Großen Internationalen Ausstellung eine Kollektion mit Ritzzeichnungen versehener Steine gesehen, die aus einer Anzahl französischer Höhlen zusammengetragen waren und von der Welt der Wissenschaft als prähistorisch anerkannt wurden. Sautuola sah in den Malereien von Altamira einen Widerhall der in den Ritzzeichnungen dargestellten Figurenwelt. Man kann sich seine Freude und Begeisterung vorstellen - und ebenso den Schock und die Enttäuschung, als die Gelehrten ganz Europas die Malereien einfach als das Werk eines modernen Künstlers verwarfen.


Kinder kann man leicht begeistern: Eine lehrreiche Tour, die tief in die Altamira-Höhle führt

Ein spanischer Experte erklärte, dass die Malereien »nichts vom Charaker steinzeitlicher, archaischer, assyrischer oder phönizischer »Kunst« hätten. Sie seien "ganz einfach das Erzeugnis eines mittelmäßigen Studiosus moderner Malerei". Ein französischer Gelehrter ging sogar soweit, einen anklagenden Finger gegen einen Künstler namens Retier zu erheben, der eine Zeitlang bei Sautuola zu Besuch gewesen war. Gekränkt und fassungslos über die Kaltschnäuzigkeit der Gelehrten, ließ Sautuola die Höhle verschließen. Er starb 1888, ohne dass seine Entdeckung anerkannt worden wäre. Ironischerweise konnten die Gelehrten einfach deswegen nicht an die Echtheit der Malereien von Altamira glauben, weil sie eine so überlegene Fertigkeit verrieten.

Stock mit Hirschfigur und Geweih aus dem Magdalenien (13.000-11.500 Jahre). Ausgestellt im Altamira Museum.

Allerdings waren nicht alle Gelehrten gegen Sautuola eingestellt. Edouard Piette besaß genügend Hellsicht, sich Altamira als ein Produkt des Eiszeitmenschen vorzustellen. Ein Jahr vor dem Tode Sautuolas schrieb er an Emile Cartailhac, den Anführer der Altamiragegner, und redete ihm zu, seine Einstellung zu überprüfen. Aber seine Vorstellungen blieben ergebnislos, und so blieb Altamira für die akademische Welt noch zwanzig Jahre nach der Entdeckung bedeutungslos.

Aber genau wie schon beim Neandertaler wurden immer mehr ähnliche Funde gemacht, und so kam es schließlich zwangsläufig zu einem Umdenken. Zuerst wurde im Jahre 1895 in der Dordogne die Höhle von La Mouthe entdeckt, die Malereien und Ritzzeichnungen von Wisenten sowie ein schönes Exemplar einer steinernen Lampe enthielt und deren Datierung in die Eiszeit unanfechtbar war. Dann kamen in Frankreich weitere ausgemalte Höhlen ans Tageslicht, so beispielsweise Font-de-Gaume und Les Combarelles in der Dordogne. Die überzeugungen begannen zu wanken, und der endgültige Wendepunkt kam 1902, als Emile Cartailhac seinen Fehler einsah und dies aller Welt in einem Aufsatz unter dem Titel »Mea Culpa d´un Sceptique« (Schuldbekenntnis eines Ungläubigen) verkündete. Damit war Altamira als authentisch anerkannt.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
SK 88
SK 88

Australopithecus robustus

Elemente: M

Swartkrans, Südafrika

10.12.2020
Fossilien zeigen Folgen der Ozeanerwärmung auf
Forschende aus Berlin und Großbritannien haben die ökologischen Auswirkungen einer raschen und ungewöhnlich intensiven Phase der Klimaerwärmung während der Jurazeit vor etwa 182 Millionen Jahren auf die Meeresfauna erforscht.
03.12.2020
Das älteste “Ortsnamenschild” der Welt
Wissenschaftler der Universität Bonn haben zusammen mit dem Ägyptischen Antikenministerium das älteste Ortsnamenschild der Welt entschlüsselt.
30.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
25.11.2020
Treue Paare im Regenwald
Rote Springaffen verzichten auf Seitensprünge.
24.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Millionen Jahren als Ursache für die Ausbreitung der weithin bekannten Langhalssaurier (Sauropoden).
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge so nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten.
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde sich nur teilweise mit der des Menschen deckt.
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten menschlichen Fossils, das bis jetzt in der Mongolei gefunden wurde, analysiert: Die 34.000 Jahre alte Frau hatte rund 25 Prozent ihrer DNA von Westeurasiern geerbt.
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler durch Experimente mit einer künstlichen Grammatik herausgefunden. Daraus lässt sich schliessen, dass diese Fähigkeit auf gemeinsame Vorfahren zurückgeht.
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und den vorgelagerten Steppen durch bronzezeitliche Viehhalter im heutigen Süden Russlands.
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde im vergangenen Jahrtausend ausgerottet.
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp berichtet über einen Reaktionsweg, bei dem sich Zucker an Mineralien ohne Wasser bilden.
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht.
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht und weitestgehend rekonstruieren können. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die Evolution der Arten während der Kreidezeit zu.
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, untersuchten über 60 verschiedene säbelzahntragende Tierarten.
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in der Zeitschrift Science Advances, veröffentlichte Studie ca.
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat die Y-Chromosomen-Sequenzen von drei Neandertalern und zwei Denisova-Menschen bestimmt.
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabungen durch.
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzögertes Wachstum und gesundheitliche Probleme können die Folgen sein.
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspermien. Offenbar hatte das winzige Krustentier sich kurz zuvor gepaart, ehe es im Baumharz eingeschlossen wurde.
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) hat den Einfluss der Umweltvariabilität auf das Verhaltensrepertoire von 144 sozialen Gruppen untersucht.
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa.