Australopithecus (Paranthropus) boisei

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Australopithecus boisei sah ähnlich wie Australopithecus robustus aus, hatte aber ein massiveres Gesicht und riesige Backenzähne, einige Molare erreichten bis zu 2 cm im Durchmesser. Auch glich die Größe des Gehirns mit ungefähr 530 cm³ dem des A. robustus. Australopithecus boisei war bis zu 1,40 Meter groß und wog etwa 40 bis 80 Kilogramm.

Anatomie

Die Gebiss- und Schädelmerkmale, die den südafrikanischen Australopithecus robustus kennzeichnen, wurden bereits vom "hyperrobusten" Australopithecus boisei aus Ostafrika entwickelt. Dessen Überreste stammen aus Ablagerungen, die etwa zwischen 2,4 und 1,0 Millionen Jahre alt sind - er lebte somit zeitgleich mit Mitgliedern unserer eigenen Gattung, etwa Homo habilis und Homo erectus (Walker und Leakey, 1978).

Australopithecus boisei war ähnlich groß wie Australopithecus robustus mit einem geschätzten Körpergewicht von etwa 50 Kilogramm. Die Überreste zeigen in Größe und Schädelform einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus. Verglichen mit Australopithecus robustus hat Australopithecus boisei kleinere Schneide- und Eckzähne, absolut größere Backenzähne und einen schwereren Unterkiefer. Der Schädel hat ein extrem breitens, kurzes Gesicht mit großen Schläfengruben (Fossa temporalis) zwischen den weit ausladenden Jochbögen und ein relativ kleines Gehirn. Große Männchen haben einen ausgeprägten Sagittal- und Nackenkamm.

Zähne

Das auffallendste Merkmal der A. boisei-Fundstücke ist ihre "Megadontie" (Riesenbezahnung). Australopithecus boisei hat die absolut größten Zähne, die in irgendeiner Gruppe von Menschenartigen gefunden wurden - ähnlich groß wie die Zähne von Gorillas, wobei letztere rund 3 mal soviel wiegen, wie Australopithecus boisei gewogen haben dürfte. Er besaß die größten Backenzähne aller Homininen, daher der Name "Nussknacker-Mensch". Mit seiner kräftigen Kaumuskulatur, die an massiven Kieferknochen und an einem »saggitalen Kamm« ansetzte, konnte dieser Hominide härtere Pflanzennahrung wie Samen oder zähe Fasern zerkleinern.

Skelett

Obwohl nur wenige Extremitätenknochen sicher Australopithecus boisei zugeordnet werden können, werden einige sehr große Armknochen von ostafrikanischen Fundorten mit dieser Spezies in Verbindung gebracht. Diese Knochen deuten auf gewisse Fähigkeiten, sich hangelnd unter den Ästen fortzubewegen (McHenry, 1973; Howell, 1978). Oft sind in Verbindung mit Australopithecus boisei Werkzeuge gefunden worden, aber die Existenz von fortschrittlicheren Hominiden (Menschen) während der gleichen Zeitspanne macht es fast unmöglich, Australopithecus boisei die Fähigkeit zur Herstellung von Steinwerkzeugen zu bescheinigen. Wie Australopithecus robustus scheint Australopithecus boisei vor etwa einer Million Jahre ausgestorben zu sein.

Historisches

Die Entdeckung des Schädels OH 5 im Jahr 1959 durch Mary Leakey war ein Wendepunkt in der Geschichte der Paläoanthropologie. Die Entdeckung krönte Louis und Mary Leakeys Suche in der Olduvai-Schlucht, die in den 30 Jahren davor verhältnismäßig ergebnislos verlaufen war und führte zu einem neuem Forschungsinteresse in diesem Bereich. Australopithecus boisei schloss auch eine Lücke in diesem wichtigen Stadium der Menschheitsgeschichte, da Funde hier extrem spärlich waren. Auch beginnt mit diesem Fund ein Trend hin zu immer mehr interdisziplinärer Forschung, der bis heute anhält.

Louis Leakey gab dem ziemlich kompletten Schädelfund (samt Unterkiefer) den Artnamen Zinjanthropus boisei, der schließlich als Australopithecus boisei Einzug in die wissenschaftliche Fachliteratur hielt. Am weithin bekanntesten ist er jedoch unter dem Spitznamen "Zinj" (von Zinjanthropus) oder als "Nussknackermensch".

Bedeutung

Die Fundstücke, die Australopithecus boisei zugeschrieben werden, stammen zum größten Teil aus Äthiopien, Tansania und Kenia in Ostafrika. Das älteste Stück ist bei Omo in Äthiopien gefunden worden und ist ungefähr 2,3 Millionen Jahre alt (Inventarnummer L 74a-21), das jüngste wurde in der Olduvai Schlucht ausgegraben und ist ungefähr 1,2 Millionen Jahre alt (OH-3 und OH-38). Australopithecus boisei scheint am Ende einer Evolutionslinie zu stehen, die durch Anpassung an harte und nährstoffarme Nahrung ein immer mächtigeres Kau- und Kiefersystem entwickelte. Die Art wird manchmal - wegen der relativen Größe ihrer Zähne - als "hyper-robust" bezeichnet. Möglicherweise ist diese Überspezialisierung der Grund für das Aussterben der robusten Australopithecinen, da sie nach einem Klimawandel mit den veränderten Umweltbedingungen nicht mehr fertig wurden. Diese Annahme ist in Fachkreisen weitestgehend akzeptiert und es gibt keine harten Beweise, die dagegen sprechen würden.

Australopithecus boisei ist ein wichtiger Fund in der Geschichte der Paläoanthropologie und liefert wichtige Anhaltspunkte für die Stammesgeschichte des Menschen. Wegen der Eigenschaften, die A. boisei mit gleichzeitig und später lebenden Spezies teilt, ordnet man ihn stammesgeschichtlich eindeutig den robusten Australopithecinen zu. Er lebte zu einer Zeit, als Werkzeuggebrauch bei Homo immer üblicher wurde und möglicherweise hat auch A. boisei ebenfalls Werkzeuge verwendet und sogar selbst hergestellt. Am Ende jedoch scheint es, dass A. boisei mit den klimatischen Veränderungen nicht mehr fertig wurde und wegen seiner "Überspezialisierung" ausstarb.

Vor allem wegen des starken Gebisses zählt er - mit Australopithecus robustus und Australopithecus aethiopicus - zu den »robusten« Australopithecinen, die manche Forscher in eine eigene Gattung stellen - Paranthropus (»Nebenmensch«). Einige wenige Experten betrachten boisei und robustus als Varianten der gleichen Spezies.

Literatur

Broom, R.A. 1938. The Pleistocene anthropoid apes of South Africa. Nature 142, pp. 377-379, 897-899.

Leakey, L. S. B., 1959. A new fossil skull from Olduvai. Nature 184: 491-493. DOI: 10.1038/184491a0.

A. Walker, R. E. F. Leakey. 1978. The hominids of East Turkana. Scientific American 239(2):54-66

H. M. McHenry. 1973. Humerus of robust Australopithecus. Science 182:396

Howell F. C. 1978. Hominidae. In: Evolution of African Mammals. M. J. Maglio and H. B. S. Cooke (eds), pp 154-288. Cambridge Mass.: Harvard University Press.

McHenry, H. M., Coffing. K. 2000. Australopithecus to Homo: transformations in body and mind Annual Review of Anthropology 29: 125–146. DOI: 10.1146/annurev.anthro.29.1.125


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