Die Bedeutung der Jagd in der Evolution des Menschen

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Erste Hinweise auf gezielte Jagd nach Beutetieren stammen von Homo erectus. Aus Funden von Steinwerkzeugen und Tierknochen mit Schnittspuren dieser Gerätschaften ist zu schließen, dass eine Zerlegungstechnik entwickelt war. So konnte Jagdbeute, die in größeren Mengen gemacht wurde, intensiv und systematisch ausgeschlachtet werden. Dadurch stand vor allem stillenden Müttern die hochwertige Nahrung zur Verfügung, die notwendig war, um das nach der Geburt stark anwachsende Gehirn der Säuglinge mit energiereicher Nahrung zu versorgen.

Die Jagdbeute wurde an festen Rastplätzen geteilt. Möglicherweise bildeten sich Spezialisten für verschiedene Tätigkeiten heraus, deren Erfolg nicht nur von allgemeinen biologischen Fähigkeiten, sondern in zunehmendem Maße von speziellen Begabungen - wie beispielsweise erforderlich für die Herstellung von Werkzeugen - abhing. Das typische Werkzeug des Homo erectus, der Faustkeil, ist auf einer Seite stumpf, auf der anderen mit einer scharfen Klinge versehen. Er wurde zum Beispiel zum Zerlegen der Jagdbeute, zum Zerkleinern von Brennmaterial und zum Graben eingesetzt. Vermutlich wurden Steine auch als "Wurfgeschosse" verwendet.

Die ersten Homo erectus Gruppen, die ihre tropische Stammheimat verließen und weiter nach Norden zogen, mussten eine Menge lernen. Mit den Jahreszeiten wechselt in den gemäßigten Klimazonen auch das Nahrungsangebot. Pflanzliche Nahrung, dieser Grundstock frühmenschlicher Ernährung, war nur noch im Sommerhalbjahr verfügbar. Die Jagd auf Wild wurde deshalb immer wichtiger.

Neben dem langsam größer werdenden Gehirn und dem allmählich sich zurückentwickelnden mächtigen Kauapparat veränderte sich auch die Hautfarbe der ersten Europäer und Asiaten: Die dunklen Pigmente lassen im Norden nicht genug ultraviolettes Licht für die Produktion des lebenswichtigen Vitamins D in der Haut durch (und sie sind als Schutz vor zerstörerischem Sonnenlicht nicht mehr nötig), so dass hellhäutige Menschen eine bessere Überlebenschance hatten. Und überlebt hat Homo erectus trotz Wintersonne und Eiszeit, wie in Europa zum Beispiel die Funde aus dem ungarischen Vértesszóllós beweisen, wo 1964 Schädelbruchstücke gefunden wurden, die vor rund 350.000 Jahren ein für damalige Zeiten enorm großen Gehirn von 1400 Kubikzentimeter Inhalt umschlossen. Noch älter, vielleicht 600.000 Jahre, ist der sehr kräftige menschliche Unterkiefer, der 1907 in einer Kiesgrube beim Dorf Mauer in der Nähe von Heidelberg in Südwestdeutschland gefunden wurde: Der »Heidelberg-Mensch« war einer jener Menschen, die in den Zwischeneiszeiten den riesigen Tierherden der Kältesteppen folgten. Zu jagen gab es also genug.

Mit wie viel Einfallsreichtum und Organisationstalent die eiszeitlichen Jäger, nur mit Holzspeer, Knochenmesser und Faustkeil bewaffnet, selbst den größten Tieren ihrer Zeit nachstellten, zeigen die Funde aus Torralba und Ambrona, zwei gegenüberliegenden Berghängen in der zentralspanischen Sierra da Guadarrama, rund 150 Kilometer nordöstlich von Madrid. Die Hänge überschauen ein Flusstal, das Zugang zum einzigen Pass durch das Gebirge weit und breit ist. Ende des 19. Jahrhunderts stießen Eisenbahnarbeiter bei Grabungen auf riesige Knochen und Stoßzähne, die einige Jahre später das Interesse eines gebildeten spanischen Edelmannes namens Marqués de Cerralbo erregten. Er grub in Torralba eine 300.000 Jahre alte Schlachtstätte aus. Die Arbeiten, 1961 von dem amerikanischen Forscher F. Clark Howell an beiden Hängen weitergeführt, brachten allein in Torralba die Überreste von ungefähr 30 urzeitlichen Elefanten mit langen, geraden Stoßzähnen, 25 Pferden, 25 Hirschen, zehn Wildrindern und sechs Nashörnern an den Tag - aber nicht einen Knochen eines Menschen.

Dennoch erlaubt die Arbeit der Ausgräber eine Rekonstruktion der Jagdszenen aus der Eiszeit. Mehrere Homo erectus Horden, die das ganze Jahr über verstreut lebten, mussten sich während der großen Tierwanderung im Herbst zu einer Jagdgemeinschaft zusammengeschlossen haben. Hatten die Jäger eine Elefantengruppe mit Jungtieren ausgemacht, legte einer von ihnen Feuer im trockenen Gras. Mit Gebrüll und Feuer trieben die Jäger ihre vier Meter hohen und 20 Tonnen schweren Beutetiere in sumpfiges Gelände, wo die Kolosse einsanken. Die leichteren Menschen bewarfen ihre Beute so lange mit Speeren und Steinen bis sie sich nicht mehr rührte. Dann begann das Schlachtfest.

Warum aber jagte Homo erectus ausgerechnet die mächtigsten Tiere seiner Zeit? Vermutlich waren es die gigantischen Fleischberge, die vielleicht ein Dutzend miteinander versippter Horden mit zusammen etwa 500 Frühmenschen zum Ereignis des Jahres nach Torralba und Ambrona lockten. Allem Anschein nach wurde die Jagdbeute redlich geteilt, bevor die einzelnen Gruppen ihre Jagdhütten wieder abbrachen und weiterzogen. Über die reine Fleischbeschaffung hinaus diente das Jagdereignis zudem als Gelegenheit, Informationen und Werkzeuge auszutauschen, aber auch, um Töchter und Schwestern innerhalb der lose verwandten Jagdgemeinschaft an den Mann zu bringen.

Noch verwendeten die eiszeitlichen Jäger die einfachen Werkzeuge der acheuléischen Kultur. Doch die erfolgreiche Durchführung von herbstlichen Großjagden zeigt, dass die kulturellen Fähigkeiten des Homo erectus mächtig angewachsen waren: Die Menschen von Torralba und Ambrona konnten planend vorausschauen - und sie konnten sich mit einer wahrscheinlich noch sehr einfachen Sprache gegenseitig informieren.

Neue Werkzeuge und bessere Jagdmethoden tauchten auf, je länger die Eiszeit andauerte. Als sie vor 10.000 Jahren zu Ende ging, hatte der Mensch seine steinzeitliche Kultur so vervollkommnet, dass er Klimakatastrophen nicht mehr fürchten musste. Im Gegenteil: Seine Jagdlust trug möglicherweise entscheidend mit dazu bei, dass wir heute solche eiszeitlichen Giganten wie das Mammut oder das Wollnashorn allenfalls als tiefgefrorene Leichname kennen.

Die Beherrschung der Großwildjagd wird auch eindrucksvoll durch die Schöninger Speere belegt.


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