Lucas Martínez Farrapeira / Wikimedia Commons

Atapuerca 4, 5 - Homo heidelbergensis

Kategorie:


FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
adultes CraniumSima de los Huesos, Sierra de Atapuerca, Spanienca. 300.000 JahreJuan-Luis Arsuaga8. Juli 1992 und 24. Juli 1993
VERÖFFENTLICHUNG
Arsuaga, J. -L., I. Martinez, A. Gracia, J. -M. Carretero und E. Carbonell, 1993. Three new human skulls from the Sima de los Huesos Middle Pleistocene site in Sierra de Atapuerca.Nature 362: 534 - 537

Ein Glücksfall der besonderen Art trug sich im Norden Spaniens zu. Sierra de Atapuerca heißt ein Höhenzug nahe Burgos. Eisenbahnbauer sprengten sich im 19. Jahrhundert ihren Weg durch den roten Sandstein und dabei legten die Ingenieure ausgedehnte Höhlensysteme frei.

Zwei davon, Sima des los Huesos und die ältere Gran Dolina, entpuppen sich heute als Schatzkammern: Die seit Hunderttausenden von Jahren unberührten Sedimente am Höhlengrund bergen Massen versteinerter Knochen. So ist Atapuerca 5 der vollständigste fossile Schädel aus der Zeit vor dem modernen Homo sapiens und er ist sogar in einem besseren Zustand als die Reste der Cro-Magnon-Menschen, die grob geschätzt nur etwa ein Zehntel seines Alters haben. Doch noch wichtiger ist: Dieser Schädel und über 700 weitere Fossilien von derselben Fundstelle vermitteln den ersten umfassenden Eindruck von der Frühzeit der Neandertaler. Der Schädel trägt den Spitznamen »Miguelón«, nach dem bekannten spanischen Rennradfahrer Miguel Induráin

Die Sima de los Huesos, »Knochengrube«, am Boden eines 15 Meter tiefen Schachtes ist eine bemerkenswerte Fundstelle. Die winzige, niedrige Kammer enthielt die Reste von mindestens 30 Individuen, darunter Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Alle Knochen des Skeletts sind vorhanden, sogar das empfindliche Zungenbein, das man zuvor nur bei dem Neandertalerskelett von Kebara gefunden hatte. Über 70 Prozent aller postkranialen menschlichen Knochen aus dem mittleren Pleistozän (der Zeit vor 700.000 bis 200.000 Jahren) stammen von hier, wodurch Atapuerca die einmalige Gelegenheit bot, alters- und geschlechtsbedingte Unterschiede in einer einzigen menschlichen Population aus jener Zeit zu untersuchen.

1976 suchte der spanische Paläontologe Trinidad Torres hier nach Bärenfossilien – und stieß auf erste menschliche Relikte. Ihr großes Geheimnis gab die 18 Meter tiefe Gran Dolina indes erst preis, als Paläoanthropologen mit systematischen Grabungen in den metertiefen Ablagerungen begannen. Dies sollte sich schließlich auszahlen: Kleine Knochen, zum Beispiel von den Fingerspitzen, überzeugten das Team davon, dass in der Grube vollständige menschliche Skelette zu finden wären.

Im Jahr 1992 wurde das vollständige Schädeldach des Schädels 4 gefunden - ein Anlass, in der Höhle mit Champagner anzustoßen. Am letzten Freilandarbeitstag des Jahres entdeckte die Arbeitsgruppe ganz in der Nähe das Calvarium des Schädels 5. Als die Wissenschaftler zum Saisonabschluss noch einmal zurückkamen und ein wenig gruben, stießen sie auf ein Gesicht, das zum Schädel 5 passte. Als man dann 1993 noch den Unterkiefer entdeckte, war der Schädel 5 komplett.

Atapuerca 5 hat ein breites, klobiges Gesicht mit der weitesten Nasenöffnung aller bekannten menschlichen Fossilien. Der Schädel ist relativ klein und rund. Sein Gehirnvolumen ist mit 1125 Kubikzentimetern geringer als bei allen erwachsenen Menschen von Atapuerca (und sogar kleiner als bei fast allen anderen Homininen des mittleren Pleistozäns aus Afrika, Europa oder Asien), aber sein oberer Eckzahn ist der größte in der ganzen Sammlung - ein Indiz für starke Größenschwankungen bei den einzelnen Individuen. Der Schädel 4 dagegen hat wohl das größte bekannte Gehirnvolumen aller menschlichen Fossilien aus dem mittleren Pleistozän: 1390 Kubikzentimeter. Eine solche Gehirngröße geht über die von Homo erectus hinaus und nähert sich den Verhältnissen bei den Neandertalern. Der Größenunterschied zwischen den Schädeln 4 und 5 ist mit dem zwischen dem Steinheim - und dem Petralona-Schädel vergleichbar.

Manche Eigenschaften der Schädel van Atapuerca lassen Merkmale der "klassischen" europäischen Neandertaler vorausahnen, so der kräftige, in zwei Bögen verlaufende Brauenwulst über den Augen, der vorspringende mittlere Gesichtsteil (besonders auffällig beim Schädel 5), ein gut erkennbarer Nackenwulst auf der Rückseite des Gehirnschädels, abgenutzte Schneidezähne und beim Schädel 5 eine Lücke hinter dem dritten Molaren, die durch die nach vorn verlagerte Gesichtsmitte entsteht. Es fehlt die Vertiefung der Jochbeine über den Eckzähnen (Fossa canina), die bei Jetztmenschen vorhanden ist, nicht aber bei Neandertalern, so dass deren Wangen "aufgeblasen" aussehen. Bei einem anderen Fund aus dieser Sammlung ist die Vertiefung aber vorhanden.

Die Fossilien von Atapuerca zeichnen das Bild eines frühen Stadiums der isolierten Evolution, die ihren Höhepunkt im Auftauchen und Aussterben der Neandertaler fand. In Verbindung mit den Knochen wurden zwar weder Werkzeuge noch andere Indizien für dauerhaften Aufenthalt gefunden, auch waren sie nicht absichtlich bestattet, aber sie durften von Menschenhand in die Grube gelangt sein, womit sie vielleicht ein weiteres Verhaltensmerkmal der Neandertaler vorwegnehmen: die Bestattung der Toten.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
HORTUS XXII
HORTUS XXII

Homo neanderthalensis

Elemente: R. HUM

Hortus, Frankreich

17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
Protokolle zur Umwandlung von pluripotenten Stammzellen (iPSC) in Organoide, Mini-Organe, ermöglichen es Forschern Entwicklungsprozesse in verschiede...