Gibraltar 1 - Homo neanderthalensis

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FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
adultes feminines CraniumForbes´ Quarry, GibraltarunsicherLieutenant Flintunbekannt
VERÖFFENTLICHUNG
Busk, G. Pithecoid Priscan Man from Gibraltar.The Reader, 23. Juli 1864

Den 1848 in Gibraltar gefundenen Schädel, könnte man als "vergessenen Neandertaler" bezeichnen. Der eindrucksvolle, bemerkenswert vollständige Schädel wurde acht Jahre früher gefunden als die Schädeldecke und die Extremitätenknochen aus der Feldhofer-Grotte in Deutschland, denen wir den Namen "Neandertaler" verdanken.

Mit dem Fund von Gibraltar wusste damals niemand etwas anzufangen, weshalb er 16 Jahre lang unbeachtet blieb, bevor man seine Bedeutung erkannte. Aber auch danach schenkte man ihm wenig Aufmerksamkeit; erst 1907 wurde er endlich eingehend beschrieben, allerdings nicht von einem Anatomen, sondern von einem Geologen.

Der genaue Ort und die Umstände seiner Entdeckung sind nicht geklärt. Ein gewisser Captain Brome, der Leiter des Militärgefängnisses in Gibraltar, war Amateur- Fossiliensammler und ließ die Häftlinge in den Höhlen der Gegend herum stöbern - eine Übertretung, die Brome seine Stellung kostete.

Der Schädel tauchte offenbar bei Bauarbeiten auf der Halbinsel auf, und zwar irgendwann vor dem 3. März 1848, denn an diesem Tag wurde das Stück in den Notizen der Wissenschaftlichen Gesellschaft von Gibraltar kurz erwähnt. Stratigraphische, archäologische oder botanische Befunde, die zur Bestimmung seines Alters beitragen konnten, gibt es nicht.

Glücklicherweise wurde der Schädel 1863 an George Busk geschickt, einen Londoner Zoologen, der 1861 die Erstbeschreibung von Hermann Schaaffhausen und Johann Fuhlrott über die Funde aus dem Neandertal ins Englische übersetzt hatte. Obwohl der Schädel von anhaftendem Gestein bedeckt war, erkannte Busk darin einen Neandertaler. In Zusammenarbeit mit dem Paläontologen Hugh Falconer stellte er den Fund 1869 der British Association vor. Im gleichen Jahr untersuchte der französische Anatom Paul Broca den Fund aus Gibraltar und bezeichnete ihn ebenfalls als Neandertaler. Falconer nennt den Neandertaler von Gibraltar »einen sehr niedrigen Typus des Menschseins -sehr niedrig und wild, und von äußerster Altertümlichkeit -aber dennoch ein Mensch«. Begeistert schlug er für den Fund mehrere Namen vor, unter anderem Homo calpicus nach Calfe, einem alten Namen für Gibraltar.

Doch auch Gibraltar 1 war nicht der allererste Neandertaler, den man fand. Dieses Attribut gebührt dem Kinderschädel aus der Engis-Höhle in Belgien, der 1829 oder 1830 entdeckt wurde. Auch seine Bedeutung wurde nicht erkannt, unter anderem weil der einflussreiche französische Paläontologe Georges Cuvier das hohe Alter von Engis leugnete. Gibraltar 1 war aber der erste vollständige und ausgewachsene Schädel.

Auf der Rück- und Unterseite zeigt er typische Merkmale der Neandertaler wie das vorspringende Hinterhauptbein mit der Fossa suprainiaca und einer ausgeprägten Knochenleiste hinter dem runden Warzenfortsatz des Schläfenbeins. Außerdem hat er ein Gesicht, das dem Fund aus der Feldhofer-Grotte fehlt, und gerade im Gesicht sind viele besondere Merkmale der Neandertaler zu erkennen.

Es ist bemerkenswert, dass William King, ohne ein Gesicht untersuchen zu können, an den Fossilien aus dem Neandertal eine ausreichende Zahl von Unterschieden beobachtete und deshalb den Artnamen neanderthalensis für gerechtfertigt hielt. Hatte King mit der Veröffentlichung seiner Beschreibung noch gewartet, wäre er sicher auf Busks Stück aufmerksam geworden und hätte diesen weiblichen Neandertalerschädel davor bewahrt, in Vergessenheit zu geraten.


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