Kategorie:


FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
rekonstruiertes, adultes CraniumHöhle Zhoukoudian, Chinaca. 750.000 JahreW. C. Pei1928 - 1937
(für die Rekonstruktion benutzte Funde)
VERÖFFENTLICHUNG
Weidenreich, F., 1943. The skull of Sinanthropus pekinensis: a comparative study of a primitive skullPalaeontologia Sinila, New Series D, Ne. 10 Geological Survey of China, Pehpey, Chung King

Der sogenannte Pekingmensch ist 750.000 Jahre alt – und damit etwa 200.000 Jahre älter als bislang angenommen. Das haben chinesische Forscher 2009 herausgefunden, als sie erstmals die paläontologisch bedeutenden Höhlenfunde datieren konnten, zu denen auch die berühmten Homo erectus-Überreste gehören. Nach den Ergebnissen haben die frühen Menschen auch die damalige, als mild eingestufte Eiszeit hindurch in der Region um das heutige Peking gelebt.

Der Durchbruch in der Anerkennung des asiatischen Frühmenschen kam vor allem mit umfangreichen Funden aus China. Einer alten Tradition entsprechend werden in chinesischen Drogerien fossile Knochen in Pulverform als Medizin gegen Verdauungsstörungen gehandelt. Um die Jahrhundertwende kaufte dort der Naturforscher Karl Haberer eine Reihe fossiler Zähne unter denen sich auch ein ungewöhnlicher Backenzahn befand, der sehr schlecht erhalten war. Der Paläontologe Max Schlosser vermutete 1903 aufgrund dieses Stückes, dass es späteren Forschern vielleicht vergönnt sein werde, in China die Reste fossiler Menschen zu finden.

Die ersten Fundstücke aus China landeten in Uppsala. Ein schwedischer Geologe hatte sie in einem Höhlensystem bei Zhoukoudian, damals ca. 45 km südwestlich, heute am Stadtrand von Beijing (Peking) gelegen, entdeckt. Da sich unter dem Material auch menschliche Zähne befanden, begann der kanadische Anatom Davidson Black zusammen mit W. Ch. Pei weitere Geländearbeiten und fand in Zhoukoudian zwischen 1928 und 1937 Teile von 14 Schädeln, darunter auch vollständige, 14 Unterkiefer, mehr als 150 Zähne sowie Skelettreste, die er als Relikte des Sinanthropus pekinensis (Chinamensch) bezeichnete. Die Funde repräsentieren mehr als 45 Individuen jeden Alters und Geschlechts. Da fast alle Schädel künstlich geöffnet worden waren, wurde früher auf kannibalisches Verhalten geschlossen, während man heute eher Totenriten als Ursache der Beschädigungen ansieht.

Der Anatom und Anthropologe Franz Weidenreich, der die Arbeiten nach Blacks Tod weiterführte, nahm eine detaillierte wissenschaftliche Bearbeitung vor, wobei er auch von sämtlichen Fossilien Abgüsse erstellte. Seine Zeichnungen und diese ersten Abgüsse sind das einzige, was heute von den Homininen-Resten übrig ist, denn niemand weiß, wo sich die Originale befinden. Zwar wurde versucht, sie in den Kriegswirren gut verpackt aus China hinauszuschaffen, doch kamen die Kisten ohne ihren wertvollen Inhalt in Amerika an: eines der mysteriösesten Kapitel in der Geschichte der Paläoanthropologie. Es bleibt die Hoffnung, dass die Fundstücke "nur" entwendet wurden und durch einen Zufall irgend wann ein zweites Mal ans Tageslicht gelangen.


Fossilien von der Fundstelle Zhoukoudian

Seit 1949 wurden sowohl in Zhoukoudian als auch an weiter südlich gelegenen Orten in Mittel- und Südchina Reste der heute zu Homo erectus gezählten chinesischen Homininen entdeckt, zum Beispiel in den 1960ger Jahren in Lantian, Provinz Shaanxi. In der Langtandong-Höhle, Provinz Hexian, wurde 1980 ein vollständiger Schädel gefunden. Seit einigen Jahren werden von den Anthropologen und Paläontologen der Academia Sinica, Beijing, Großgrabungen in Zhoukoudian durchgeführt.

Es bestehen zwei wesentliche Unterschiede zwischen den chinesischen Fundstellen und jenen auf Java. Die meisten Fundstellen in China sind mit einem Alter von ca. 600.000 bis 300.000 Jahren sehr viel jünger. Nur in der Höhle von Longgupo bei Wushan und aus Yuanmou (Provinz Yunnali) sind die Reste vielleicht älter als 1,5 Millionen Jahre. Allerdings sollen zwei kürzlich gefundene Homininen-Zähne ca. 1,9 Millionen Jahre alt sein.

Die chinesischen Fundstellen bieten weitaus größere Möglichkeiten zur Rekonstruktion der Lebensweise von Homo erectus. Während die Reste in Java erst durch Flüsse an ihren späteren Einbettungsort gespült wurden (allochthone Einbettung), sind die Fossilien in China am ursprünglichen Lebens- und/oder Todesort entstanden. Nur diese sogenannte autochthone Einbettung bietet die Chance, auch kulturelle Hinterlassenschaften in demselben Fundzusammenhang aufzuspüren. Die meisten chinesischen Fundstellen sind gleichzeitig ehemalige Rastplätze, an denen auch Pebble tools oder einfache Acheuléen-Werkzeuge, z.B. Proto-Faustkeile, gefunden wurden.

Seit den 1920er Jahren wurden die Fossilien von Zhoukoudian ausgegraben und erhielten von dem kanadischen Arzt Davidson Black den Namen Sinanthropus pekinensis; er stützte sich dabei nur auf ein paar einzelne Zähne, und später wurden alle Fossilien der Spezies Homo erectus zugeordnet. Die erste Schädeldecke fand man 1929. Nachdem in den folgenden zehn Jahren immer mehr Fossilien zum Vorschein kamen, stellte Weidenreich an ihnen umfangreiche Untersuchungen an; er wollte damit seine "multiregionale" Theorie der menschlichen Evolution anhand zwölf anatomischer Merkmale belegen, die der Peking-Mensch angeblich mit den heutigen Chinesen gemeinsam hat. Seine Monographien, die zwischen 1936 und 1943 erschienen, sind bis heute stichhaltig, und wir können nur dankbar für seine Voraussicht sein: Er nahm alle ursprünglichen Gussformen und Abgüsse - die hergestellt wurden, bevor die Fossilien verlorengingen - mit und brachte sie ins American Museum of Natural History, wo sie seither aufbewahrt werden.

Die fünf Schädeldecken zeigen ein mittleres Schädelvolumen von 1043 Kubikzentimetern. Der Überaugenwulst ist beim Pekingmenschen kleiner als bei OH 9 oder Sangiran 17 aus Java. Die Hinterhauptknochen sind stark gebogen (dies erkennt man in der Seitenansicht hinten am Schädel), so dass sich über die ganze Breite des Knochens eine Verdickung zieht. Weitere Kennzeichen dieser Funde sind flache, dicke, rechteckige Scheitelbeine, kräftige Gesichtsknochen und ein klobiger Kiefer.

Zhoukoudian enthielt außerdem eine Fülle von Tieren und archäologischen Funden. Sie belegen, dass die Höhle über 200.000 Jahre lang bewohnt war. Offenbar beherbergte sie abwechselnd Raubtiere und Homininen, die manchmal auch zur gleichen Zeit um Nahrung und Obdach konkurrierten. Man hat dort Knochen von 97 Säugetier- und 62 Vogelarten ausgegraben. Die Bewohner stellten mindestens 17.000 Steinwerkzeuge her, vorwiegend aus Quarz, in geringerem Umfang auch aus Bergkristall, Sand- und Flintstein. Außerdem blieb in Zhoukoudian der bis vor kurzem älteste Beleg für die Verwendung des Feuers durch Menschen erhalten.

Das Alter der Fossilien schätzten Wissenschaftler meist auf 400.000 bis 500.000 Jahre. Einem Team um Guanjun Shen gelang 2009 erstmals eine eindeutige Datierung [1]. Dabei nutzten die Forscher die sogenannte Aluminium-Beryllium-Methode, mit der zwar nicht das Alter der Knochen selbst bestimmt werden kann, wohl aber das des anhaftenden Sandes: In Quarz, der an der Erdoberfläche lagert und damit der kosmischen Strahlung ausgesetzt ist, stehen die Isotope der beiden Elemente Aluminium und Beryllium in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Wird der Quarz von der kosmischen Strahlung abgeschirmt, in diesem Fall durch die Höhle, nimmt der Anteil der Isotope bedingt durch den radioaktiven Zerfall unterschiedlich schnell ab. Aus der Differenz des normalen Verhältnisses zu dem des fossilen Gesteins lässt sich das ungefähre Alter des Quarzes berechnen.

Literatur

[1] Guanjun Shen, Xing Gao, Bin Gao & Darryl E. Granger. 2009. Age of Zhoukoudian Homo erectus determined with 26Al/10Be burial dating Nature 458, 198-200. DOI: 10.1038/nature07741


Fossil | Homo | Homo heidelbergensis
Arago XXI - Homo heidelbergensis
Die eindrucksvolle Kalksteinhöhle Arago liegt hoch über dem Fluss Verdouble in den Pyrenäen.
Fossil | Homo | Homo heidelbergensis
Atapuerca 4, 5 - Homo heidelbergensis
Ein Glücksfall der besonderen Art trug sich im Norden Spaniens zu.
Paläoökologie | Fossil | Homo | Homo erectus
Bilzingsleben - Homo erectus bilzingslebensis
Am Rande des Thüringer Beckens, nahe der kleinen Ortschaft Bilzingsleben im Kreis Sömmerda, befindet sich eine einzigartige archäologische Grabungsstelle.
Fossil | Homo | Homo sapiens
Combe Capelle - Homo sapiens
Combe Capelle (deutsch: Bergkapelle) ist ein Abri mit mehreren paläolithischen Kulturschichten im Tal der Couze, 38 km südöstlich von Bergerac im französischen Département Dordogne.
Paläoanthropologie | Anatomie | Fossil
Die Fossilien
Als Darwin 1859 seine gewagten Überlegungen zum Ursprung des Menschen veröffentlichte, kannte man noch keine Fossilien, die für einen allmählichen Übergang von einem schimpansenähnlichen Vorfahren zum heutigen Menschen gesprochen hätten.
Fossil | Hominine
Kenyanthropus platyops - KNM-WT 40000
Justus Erus und Meave Leakey fanden 1999 in Lomekwi an der Westseite des Turkanasees in Kenia diese außergewöhnlichen Fossilien.
Fossil | Homo
KNM-ER 1813 - Homo habilis
Von einem früheren Fund (KNM-ER 1470) bei Koobi Fora wusste man, dass dort vor zwei Millionen Jahren eine Art von Homo mit relativ großem Gehirn, großem Gesicht und großen Zähnen gelebt hatte.
Fossil | Australopithecus
KP 29281 - Australopithecus anamensis
Bis 1994 war Australopithecus afarensis die älteste bis dahin entdeckte hominine Spezies.
Fossil | Homo
LB1 - »Hobbit« - Homo floresiensis
Die Gattung Mensch hat Zuwachs bekommen: Homo floresiensis war nur gut einen Meter groß und lebte vor 18.
Fossil | Australopithecus
LH 4 - Typusexemplar - Australopithecus afarensis
Vielleicht war Louis Leakeys vorgefasste Ansicht über das Wesen des "wahren Menschen" der Grund, warum er den linken unteren Eckzahn eines Homininen nicht erkannte, der 1935 in Laetoli zusammen mit zahlreichen anderen Wirbeltierfossilien aus dem Pliozän gefunden wurde.
Fossil | Australopithecus
Lucy - AL 288-1 - Australopithecus afarensis
Lucy war ein kleiner weiblicher Australopithecus afarensis, der vor mehr als drei Millionen Jahren an einem prähistorischen See bei Hadar im heutigen Äthiopien lebte.
Fossil | Australopithecus
OH5 »Zinjanthropus«, »Nussknacker Mensch« - Australopithecus boisei
OH 5 ist das Typusexemplar der Spezies Australopithecus boisei und wurde 1959 von Mary Leakey entdeckt - genau hundert Jahre nach Darwins „Entstehung der Arten“.
Fossil | Hominine
Sahelanthropus tchadensis - TM 266-01-060-1 »Toumaï«
Das bislang älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahelzone in Zentralafrika.
Fossil | Neandertaler
Shanidar 1 - Homo neanderthalensis
Die Shanidar Höhle ist die älteste prähistorische Stätte im Irak, einem Land, das archäologisch berühmt ist für die kulturellen Errungenschaften, die man in Mesopotamien entdeckte.
Fossil | Australopithecus
SK 6 - Typusexemplar Australopithecus robustus (Paranthropus crassidens)
Eine wichtige Entdeckung von Robert Broom war SK 6, ein Teil eines Unterkiefers sowie einige Zähne, die er bei Swartkrans, Südafrika, entdeckte.
Fossil | Homo | Homo erectus
Skelett KNM-WT 15000 - »Turkana Boy« - Homo ergaster
Am 22.
Fossil | Homo | Homo erectus
Trinil 2 - »Javamensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Fossil | Homo | Homo erectus
Zhoukoudian - »Der Pekingmensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Werkzeuge | Paläoökologie | Homo
Acheuléen - Steinwerkzeuge
Schon zu einem frühen Zeitpunkt in der Geschichte der Steinwerkzeuge machte man Fortschritte bei der Formgebung und Gestaltung.
Fossil | Homo | Homo heidelbergensis
Arago XXI - Homo heidelbergensis
Die eindrucksvolle Kalksteinhöhle Arago liegt hoch über dem Fluss Verdouble in den Pyrenäen.
Fossil | Homo | Homo heidelbergensis
Atapuerca 4, 5 - Homo heidelbergensis
Ein Glücksfall der besonderen Art trug sich im Norden Spaniens zu.
Paläoökologie | Fossil | Homo | Homo erectus
Bilzingsleben - Homo erectus bilzingslebensis
Am Rande des Thüringer Beckens, nahe der kleinen Ortschaft Bilzingsleben im Kreis Sömmerda, befindet sich eine einzigartige archäologische Grabungsstelle.
Fossil | Homo | Homo sapiens
Combe Capelle - Homo sapiens
Combe Capelle (deutsch: Bergkapelle) ist ein Abri mit mehreren paläolithischen Kulturschichten im Tal der Couze, 38 km südöstlich von Bergerac im französischen Département Dordogne.
Werkzeuge | Paläoökologie | Homo
Das Mittelpaläolithikum - Steinwerkzeuge
Das Mittelpaläolithikum folgt dem Unteren Paläolithikum mit seinen Kulturstufen Oldowan und Acheuléen nach.
Gehirn | Homo
Der Mensch und sein Spieltrieb
Von jeher haben die Menschen gespielt.
Werkzeuge | Eiszeit | Homo sapiens | Kultur | Kunst
Die Kunst der Eiszeit - Figürliche Darstellungen
Die Menschen der Oberen Altsteinzeit machten dramatische kulturelle Fortschritte, die in der Kunst der späten Eiszeit gipfeln.
Taxonomie | Hominine | Feuer | Homo heidelbergensis
Homo heidelbergensis
Der allmähliche Übergang vom Homo erectus über Homo heidelbergensis zum Neandertaler ist durch ungewöhnlich zahlreiche Fossilien sehr gut belegt.
Hominine | Homo
Kenyanthropus platyops
Meave Leakey und Justus Erus fanden im Jahr 1999 in Lomekwi, an der Westseite des Turkanasees in Kenia die außergewöhnlichen Fossilien eines bis dahin unbekannten Homininen.
Fossil | Homo
KNM-ER 1813 - Homo habilis
Von einem früheren Fund (KNM-ER 1470) bei Koobi Fora wusste man, dass dort vor zwei Millionen Jahren eine Art von Homo mit relativ großem Gehirn, großem Gesicht und großen Zähnen gelebt hatte.
Fossil | Homo
LB1 - »Hobbit« - Homo floresiensis
Die Gattung Mensch hat Zuwachs bekommen: Homo floresiensis war nur gut einen Meter groß und lebte vor 18.
Werkzeuge | Paläoökologie | Homo
Oberes Paläolithikum - Steinwerkzeuge
Im Nahen Osten wurden vor etwa 40.
Fossil | Homo | Homo erectus
Skelett KNM-WT 15000 - »Turkana Boy« - Homo ergaster
Am 22.
Fossil | Homo | Homo erectus
Trinil 2 - »Javamensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Fossil | Homo | Homo erectus
Zhoukoudian - »Der Pekingmensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Paläoökologie | Fossil | Homo | Homo erectus
Bilzingsleben - Homo erectus bilzingslebensis
Am Rande des Thüringer Beckens, nahe der kleinen Ortschaft Bilzingsleben im Kreis Sömmerda, befindet sich eine einzigartige archäologische Grabungsstelle.
Fossil | Homo | Homo erectus
Skelett KNM-WT 15000 - »Turkana Boy« - Homo ergaster
Am 22.
Fossil | Homo | Homo erectus
Trinil 2 - »Javamensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Fossil | Homo | Homo erectus
Zhoukoudian - »Der Pekingmensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.

Diese Artikel könnten dir auch gefallen


Die News der letzten 14 Tage 0 Meldungen

Knochen des Tages
STW 384
STW 384

Australopithecus africanus


Elemente: R. LP4-M3
Sterkfontein , Südafrika