Die Spezies Homo antecessor wurde von Juan Luis Arsuaga und Kollegen beschrieben und 1997 im amerikanischen Fachblatt "Science" der Öffentlichkeit präsentiert. Die menschlichen Überreste von mehreren Individuen wurden in einem ausgedehnten Höhlensystem (Gran Dolina) in Spanien gefunden.

Die Entdeckung war unter anderem auch deshalb so bedeutungsvoll, weil die Fossilien mit einiger Sicherheit auf ein Alter von über 780.000 Jahre datiert werden konnten. Damit gehören die Menschen aus der Gran Dolina zu den frühesten bekannten Homininen in Europa. Der Fund ließ die alte Debatte wieder aufkommen, ob Homo heidelbergensis eine eigene Art darstellt und ob es gerechtfertigt ist, so schnell eine ganz neue Spezies, Homo antecessor, zu schaffen. Homo antecessor war und ist eine höchst kontrovers diskutierte Art.

Das vollständigste Exemplar ist Hominid 3, das auch als Typusexemplar für Homo antecessor verwendet wurde. Nicht zuletzt deshalb wurden die Entdecker von Fachkollegen kritisiert, denn bei H3 handelt es sich um ein ungefähr 10 Jahre altes Kind, dessen Skelettmerkmale noch nicht vollständig entwickelt waren. Das Exemplar wurde trotzdem gewählt, weil es alle Merkmale hervorhob, die die Forscher versuchten, als „art-typisch” für Homo antecessor zu beschreiben.

Diese Merkmale sind aber alle variabel, (sogar innerhalb der Fundstücke von Gran Dolina selbst), und keines ist autapomorph .

Nur wenige Forscher akzeptieren Homo antecessor deshalb als eigene Art, man geht stattdessen davon aus, dass es sich bei den Funden von Gran Dolina in Wirklichkeit um Homo heidelbergensis handelt. Homo antecessor ist aber möglicherweise eine Chronospezies von heidelbergensis. Auch die Behauptung der spanischen Forscher, es handele sich um den unmittelbaren Vorfahren des afrikanischen und europäischen Homo heidelbergensis, aus dem auch der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens sapiens) hervorgegangen ist, steht nach Ansicht vieler Forscher auf sehr wackeligen Beinen. Auch ist umstritten, ob man Homo antecessor überhaupt von Homo erectus oder Homo heidelbergensis abtrennen darf.

Die Gran Dolina ist eine Höhle in der Sierra de Atapuerca in der Nähe der Stadt Burgos in Spanien. Zur Zeit hält der Fundort den Rekord als älteste Homininen-Fundstätte Europas. Die menschlichen Fossilien befanden sich in Schicht TD6, deren Alter mittels paläomagnetischer Methoden auf 780.000 Jahre bestimmt wurde. Dies macht die darin eingebetteten Fossilien mindestens ebenso alt, wenn nicht gar älter. Dieser Befund wird von Tierfossilien bestätigt, die ebenfalls auf dieses hohe Alter hinweisen.

Mit Hominid 3 kamen Überreste von wenigstens sechs weiteren Individuen ans Tageslicht, die alle in einem bemerkenswert guten Zustand sind. Bei Hominid 3 handelt es sich um ein jugendliches (wahrscheinlich weibliches) Individuum, das ungefähr 10-11 Jahre alt war, als es starb. Dieses Exemplar ist zur Erstbeschreibung von Homo antecessor verwendet worden, weil es jene Merkmale, die sich die spanischen Forschungen bemühten hervorzuheben, eindeutig zeigt. Das Exemplar zeigt eine Mischung "archaischer" und "moderner" Merkmale, mit einem besonders modern aussehenden mittleren Gesichtsteil.

Probleme mit der Artbezeichnung

Viele Forscher geben zu bedenken, dass einige Merkmale von Homo antecessor sowohl beim älteren Homo erectus (ergaster) als auch beim späteren Homo heidelbergensis vorkommen. Überdies seien viele der Merkmale, die Homo antecessor von Homo heidelbergensis unterscheiden sollen, keine Autapomorphien, und träten bei einigen Exemplaren beider Arten in Erscheinung. Dies mache eine Unterscheidung basierend auf morphologischen Charakteristika verdächtig. Viele ordnen dieses Material daher dem Homo heidelbergensis zu. Möglicherweise aber erringt Homo antecessor wegen seines hohen Alters - im Vergleich zu anderen heidelbergensis-Exemplaren - auch den Status einer Chronospezies.

Schnittspuren auf Knochen

Ein wichtiges Merkmal stellen Schnittspuren dar, die man bei den Untersuchungen des Materials auf fast allen Knochen feststellte. Auf einem Fragment mit der Bezeichnung ATD 6-16 fand man beispielsweise 12 parallele Schnitte an einer Stelle, wo der Kopfwender-Muskel (Musculus sternocleidomastoideus) befestigt ist. Eindeutige Schnitte gibt es auch auf zwei Zehengliedern in dem Bereich wo der Beugemuskel befestigt ist. Dies deutet darauf hin, dass die fachgerechte Zerlegung dieses Körperteils das wahrscheinliche Ziel war. Tierischen Begleitfossilien zeigen die gleichen Spuren, wobei solche, die von Fleischfressern stammen, eindeutig in der Unterzahl sind. So sind die Menschen wohl hauptsächlich selbst verantwortlich für diese Schnitte, wie sie bei der Bearbeitung von Knochen mit Steinwerkzeugen entstehen. Dies ist der früheste gut-dokumentierte Fall von Kannibalismus in einer Homininen-Population und gibt wichtige Informationen preis, die wichtig sind um mehr über das Verhalten dieser Frühmenschen zu erfahren.

Ob Homo antecessor nun ein gültiges Taxon ist oder nicht, die Funde aus der Gran Dolina sind aus mehreren Gründen äußerst wichtig: es ist die früheste (und sehr sicher) datierte Homininen-Fundstätte in Europa, sieht man einmal von den Funden aus Dmanisi, Georgien ab. Es gibt gut erhaltene Überreste von mehreren Individuen, es gibt postcraniale Knochen in Verbindung mit Schädeln und Schädelfragmenten, es gibt Hinweise auf das Verhalten der Menschen und es gibt immer noch Material, das darauf wartet, ausgegraben zu werden.


Mehr zu den Themen

Taxonomie | Stammbaum | Darwin
Charles Darwin und die Abstammung des Menschen
Für seine lange Reise an Bord der »Beagle«, die ihn in fünf Jahren um die Welt führen sollte, packte sich der junge Charles Darwin auch die eben erschienenen »Prinzipien der Geologie von Charles Lyell ein.
Paläoanthropologie | Taxonomie
Die Evolution des Menschen
Viele Menschen sind von der Vorstellung fasziniert, dass es einmal Wesen auf unserer Erde gegeben hat, die zwar aufrecht gingen, aber den Kopf eines Menschenaffen auf den Schultern trugen.
Taxonomie | Aufrechter Gang | Australopithecus
Die Gattung Australopithecus
Australopithecus ist der Gattungsname von mehreren aufrechtgehenden Menschenaffen, die ab dem späten Miozän in Afrika verbreitet waren.
Taxonomie | Hominine | Homo | Australopithecus | Neandertaler | Homo sapiens | Homo erectus | Homo heidelbergensis
hominid oder hominin
Diese Frage sorgt sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Fachwelt oft für Verwirrung.
Taxonomie | Homo erectus
Homo erectus
Als die Paläoanthropologie noch eine junge Wissenschaft war, kannte man nur zwei verschiedene Spezies von frühen Menschen: den Neandertaler und den Homo erectus.
Taxonomie | Homo
Homo ergaster
Der Art Homo ergaster - was soviel wie "der Handwerker" bedeutet - werden von vielen Forschern die frühen afrikanischen Fossilien des Homo erectus mit einem Alter von 1,8 bis 1,5 Millionen Jahren zugeordnet.
Taxonomie | Homo
Homo ergaster (H. georgicus)
Die fossilen Überreste dieses Frühmenschen wurden seit 1991 unter Leitung von David Lordkipanidse bei Dmanisi (oder Dmanissi) in Georgien ausgegraben.
Taxonomie | Feuer | Homo heidelbergensis
Homo heidelbergensis
Der allmähliche Übergang vom Homo erectus über Homo heidelbergensis zum Neandertaler ist durch ungewöhnlich zahlreiche Fossilien sehr gut belegt.
Taxonomie | Homo
Homo naledi
Im Oktober 2013 haben Wissenschaftler aus Südafrika eine Entdeckung angekündigt, eine Fundgrube fossiler Menschen in einem Höhlensystem, das nun als Rising-Star-Höhle bekannt ist.
Taxonomie | Aufrechter Gang | Homo
Homo rudolfensis
Die Benennung von Homo rudolfensis als eigenständige Spezies ist in der Fachwelt ein viel diskutiertes Thema.
Taxonomie | Fossil | Hominine | Homo | Australopithecus
Kenyanthropus platyops - KNM-WT 40000
Justus Erus und Meave Leakey fanden 1999 in Lomekwi an der Westseite des Turkanasees in Kenia diese außergewöhnlichen Fossilien.
Taxonomie | Fossil | Homo
KNM-ER 1813 - Homo habilis
Von einem früheren Fund (KNM-ER 1470) bei Koobi Fora wusste man, dass dort vor zwei Millionen Jahren eine Art von Homo mit relativ großem Gehirn, großem Gesicht und großen Zähnen gelebt hatte.
Taxonomie | Fossil | Aufrechter Gang | Australopithecus
Lucy - AL 288-1 - Australopithecus afarensis
Lucy war ein kleiner weiblicher Australopithecus afarensis, der vor mehr als drei Millionen Jahren an einem prähistorischen See bei Hadar im heutigen Äthiopien lebte.
Anatomie | Taxonomie | Fossil | Australopithecus
OH5 »Zinjanthropus«, »Nussknacker Mensch« - Australopithecus boisei
OH 5 ist das Typusexemplar der Spezies Australopithecus boisei und wurde 1959 von Mary Leakey entdeckt - genau hundert Jahre nach Darwins „Entstehung der Arten“.
Taxonomie | Fossil | Hominine
Sahelanthropus tchadensis - TM 266-01-060-1 »Toumaï«
Das bislang älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahelzone in Zentralafrika.
Taxonomie | Fossil | Australopithecus
SK 6 - Typusexemplar Australopithecus robustus (Paranthropus crassidens)
Eine wichtige Entdeckung von Robert Broom war SK 6, ein Teil eines Unterkiefers sowie einige Zähne, die er bei Swartkrans, Südafrika, entdeckte.
Anatomie | Taxonomie | Fossil | Homo erectus
Skelett KNM-WT 15000 - »Turkana Boy« - Homo ergaster
Am 22.
Anatomie | Taxonomie | Fossil | Homo erectus
Trinil 2 - »Javamensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Taxonomie | Fossil | Homo erectus
Zhoukoudian - »Der Pekingmensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Werkzeuge | Paläoökologie | Homo
Acheuléen - Steinwerkzeuge
Schon zu einem frühen Zeitpunkt in der Geschichte der Steinwerkzeuge machte man Fortschritte bei der Formgebung und Gestaltung.
Anatomie | Fossil | Homo heidelbergensis
Arago XXI - Homo heidelbergensis
Die eindrucksvolle Kalksteinhöhle Arago liegt hoch über dem Fluss Verdouble in den Pyrenäen.
Fossil | Homo heidelbergensis
Atapuerca 4, 5 - Homo heidelbergensis
Ein Glücksfall der besonderen Art trug sich im Norden Spaniens zu.
Paläoökologie | Fossil | Homo erectus
Bilzingsleben - Homo erectus bilzingslebensis
Am Rande des Thüringer Beckens, nahe der kleinen Ortschaft Bilzingsleben im Kreis Sömmerda, befindet sich eine einzigartige archäologische Grabungsstelle.
Fossil | Homo | Homo sapiens
Combe Capelle - Homo sapiens
Combe Capelle (deutsch: Bergkapelle) ist ein Abri mit mehreren paläolithischen Kulturschichten im Tal der Couze, 38 km südöstlich von Bergerac im französischen Département Dordogne.
Werkzeuge | Paläoökologie | Homo
Das Mittelpaläolithikum - Steinwerkzeuge
Das Mittelpaläolithikum folgt dem Unteren Paläolithikum mit seinen Kulturstufen Oldowan und Acheuléen nach.
Gehirn | Homo
Der Mensch und sein Spieltrieb
Von jeher haben die Menschen gespielt.
Anatomie | Fossil | Homo | Australopithecus
Die Fossilien
Als Darwin 1859 seine gewagten Überlegungen zum Ursprung des Menschen veröffentlichte, kannte man noch keine Fossilien, die für einen allmählichen Übergang von einem schimpansenähnlichen Vorfahren zum heutigen Menschen gesprochen hätten.
Werkzeuge | Eiszeit | Homo sapiens | Kultur | Kunst
Die Kunst der Eiszeit - Figürliche Darstellungen
Die Menschen der Oberen Altsteinzeit machten dramatische kulturelle Fortschritte, die in der Kunst der späten Eiszeit gipfeln.
Taxonomie | Hominine | Homo | Australopithecus | Neandertaler | Homo sapiens | Homo erectus | Homo heidelbergensis
hominid oder hominin
Diese Frage sorgt sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Fachwelt oft für Verwirrung.
Taxonomie | Homo erectus
Homo erectus
Als die Paläoanthropologie noch eine junge Wissenschaft war, kannte man nur zwei verschiedene Spezies von frühen Menschen: den Neandertaler und den Homo erectus.
Taxonomie | Homo
Homo ergaster
Der Art Homo ergaster - was soviel wie "der Handwerker" bedeutet - werden von vielen Forschern die frühen afrikanischen Fossilien des Homo erectus mit einem Alter von 1,8 bis 1,5 Millionen Jahren zugeordnet.
Taxonomie | Homo
Homo ergaster (H. georgicus)
Die fossilen Überreste dieses Frühmenschen wurden seit 1991 unter Leitung von David Lordkipanidse bei Dmanisi (oder Dmanissi) in Georgien ausgegraben.
Hominine | Homo
Homo habilis
Homo habilis ist eine gut erforschte, aber schlecht definierte Spezies.
Taxonomie | Feuer | Homo heidelbergensis
Homo heidelbergensis
Der allmähliche Übergang vom Homo erectus über Homo heidelbergensis zum Neandertaler ist durch ungewöhnlich zahlreiche Fossilien sehr gut belegt.
Taxonomie | Homo
Homo naledi
Im Oktober 2013 haben Wissenschaftler aus Südafrika eine Entdeckung angekündigt, eine Fundgrube fossiler Menschen in einem Höhlensystem, das nun als Rising-Star-Höhle bekannt ist.
Taxonomie | Aufrechter Gang | Homo
Homo rudolfensis
Die Benennung von Homo rudolfensis als eigenständige Spezies ist in der Fachwelt ein viel diskutiertes Thema.
Hominine | Homo
Kenyanthropus platyops
Meave Leakey und Justus Erus fanden im Jahr 1999 in Lomekwi, an der Westseite des Turkanasees in Kenia die außergewöhnlichen Fossilien eines bis dahin unbekannten Homininen.
Taxonomie | Fossil | Hominine | Homo | Australopithecus
Kenyanthropus platyops - KNM-WT 40000
Justus Erus und Meave Leakey fanden 1999 in Lomekwi an der Westseite des Turkanasees in Kenia diese außergewöhnlichen Fossilien.
Taxonomie | Fossil | Homo
KNM-ER 1813 - Homo habilis
Von einem früheren Fund (KNM-ER 1470) bei Koobi Fora wusste man, dass dort vor zwei Millionen Jahren eine Art von Homo mit relativ großem Gehirn, großem Gesicht und großen Zähnen gelebt hatte.
Fossil | Homo
LB1 - »Hobbit« - Homo floresiensis
Die Gattung Mensch hat Zuwachs bekommen: Homo floresiensis war nur gut einen Meter groß und lebte vor 18.
Werkzeuge | Paläoökologie | Homo
Oberes Paläolithikum - Steinwerkzeuge
Im Nahen Osten wurden vor etwa 40.
Anatomie | Taxonomie | Fossil | Homo erectus
Skelett KNM-WT 15000 - »Turkana Boy« - Homo ergaster
Am 22.
Anatomie | Taxonomie | Fossil | Homo erectus
Trinil 2 - »Javamensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Taxonomie | Fossil | Homo erectus
Zhoukoudian - »Der Pekingmensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.

Die News der letzten 14 Tage 0 Meldungen

Knochen des Tages
KNM-ER 30745
KNM-ER 30745

Australopithecus anamensis


Elemente: L. MAX (C-M3) (fragment)
Allia Bay, Kenia