Kategorie:


FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
Teilskelett eines SäuglingsAmud-Höhle, Israel50.000 - 60.000 JahreTina Hietala und Yoel Rak9. Juni 1992
VERÖFFENTLICHUNG
Rak, Y., W. H. Kimbel und E. Hovers, 1994. A Neandertal infant from Amud Cave, Israel. Journal of Human Evolution 26: 313 - 324

Das Skelett eines erwachsenen männlichen Homininen, das in der Amud-Höhle in Israel gefunden wurde, kann man mit zwei Superlativen beschreiben. Erstens handelt es sich mit 1,80 Metern um den größten bekannten Neandertaler, und zweitens befand sich in seinem Schädel das größte Gehirn aller bekannten Homininen - ein Klotz von 1740 Kubikzentimetern. Nach der Verwachsung der Schädelnähte zu schließen, starb er vermutlich mit etwa 25 Jahren.

Das zerstückelte Skelett lag mit angewinkelten Gliedmaßen auf der linken Seite oben auf einer Schicht aus dem mittleren Paläolithikum, umgeben von jüngeren Werkzeugen des oberen Paläolithikums und sogar von noch jüngerer Keramik. Die blassgrauen Knochen waren nicht vollständig versteinert und erwiesen sich im feuchten Höhlenboden als sehr brüchig. Als erstes fand man den von der Seite her zerquetschten Schädel; er war so mit Kalksteinschutt verkrustet, dass man ihn fast für ein heruntergefallenes Stück der Höhlendecke gehalten hatte. Leider fehlen der Gaumen und ein großer Teil der aufschlussreichen Gesichtsregion, aber der gewaltige Unterkiefer ist unversehrt. Die Kiefer enthalten das vollständige Gebiss mit 32 Zähnen, die für ein Individuum dieser Größe recht klein sind. Viele andere Teile sind weniger vollständig: Wirbel, Becken und rechtes Bein zum Beispiel waren stark beschädigt oder fehlten ganz.

Amud 1 zeigt eine bunte Mischung anatomischer Merkmale. Er ist zwar eindeutig ein Neandertaler, entspricht aber nicht dem "klassischen" Typ, zu dem die meisten berühmten Funde aus Europa gehören. Die größte Ähnlichkeit hat Amud 1 mit den Neandertalern aus der Shanidar-Höhle im Irak - Shanidar I diente bei der Rekonstruktion des Schädels als Orientierung - und Tabun in Israel, er hat jedoch auch einige Ähnlichkeit mit den Populationen des frühen modernen Homo sapiens aus Skhul und Qafzeh.

Das große, lange, schmale Gesicht liegt im gleichen Größenbereich wie das der europäischen Neandertaler, allerdings gibt es in den Einzelheiten Unterschiede. Der Überaugenwulst über den Augen ist viel schmaler und seitlich am Gesicht nach hinten abgeknickt. Die Augenhöhlen haben scharf umrissene Grenzen wie beim Jetztmenschen und nicht die typischen abgerundeten Kanten der Neandertaler. Der Oberkiefer sieht im Wangenbereich weniger "aufgeblasen" aus als bei dem Neandertaler von La-Chapelle-aux-Saints oder sogar den Funden von Shanidar, und auch das Kinn ist deutlicher ausgeprägt, als es sonst bei Neandertalern üblich ist.

Am Gehirnschädel setzt sich die Mischung von Merkmalen der Neandertaler und Jetztmenschen fort. Der Schädel ist breit und lang, länger als bei allen Jetztmenschen und als bei dem größten europäischen Neandertaler, dem Fund von La Ferrassie. Der Warzenfortsatz des Schläfenbeins, der hinter dem Ohr wie ein Knopf vorsteht, hat fast die gleiche Größe wie bei heutigen Menschen und ist größer als bei den Neandertalern von La-Chapelle-aux-Saints und Gibraltar. Von hinten sieht der Schädel völlig rund aus wie eine Kegelkugel - ein typisches Merkmal der Neandertaler -, aber das Hinterhauptbein zeigt eine Kombination aus dem für Neandertaler typischen, quer verlaufenden Wulst und einer stark gewölbten Gesamtform, die der eines modernen menschlichen Schädels ähnelt. Amud ist das hebräische Wort für "Pfeiler" und bezieht sich auf eine Steinsäule am Höhleneingang. Die Höhle lag etwa 30 Meter über dem Flussbett Wadi Amud, dessen Wasser in den See Genezareth fließt.

Auch eine nahegelegene, ganzjährig wasserführende Quelle könnte die Neandertaler angezogen haben. Erste Versuche, die Besiedlungszeit der Höhle mit der Radiokarbonmethode zu ermitteln, ergaben nicht das wahre Alter. Neuere Untersuchungen mit dem Elektronenspin-Resonanzverfahren lassen auf ein Alter von 40.000 bis 50.000 Jahren schließen, also auf eine relativ späte Phase im Dasein der Neandertaler. Das recht geringe Alter und die besonderen anatomischen Eigenschaften sind möglicherweise ein Hinweis, dass es sich bei Amud 1 um eine weiterentwickelte Form der Neandertaler handelt, als bei seinen unmittelbaren europäischen Vorfahren; vielleicht sind die Abweichungen aber auch einfach durch die geographische Trennung entstanden.


Mehr zu den Themen

Fossil | Homo | Homo heidelbergensis
Arago XXI - Homo heidelbergensis
Die eindrucksvolle Kalksteinhöhle Arago liegt hoch über dem Fluss Verdouble in den Pyrenäen.
Fossil | Homo | Homo heidelbergensis
Atapuerca 4, 5 - Homo heidelbergensis
Ein Glücksfall der besonderen Art trug sich im Norden Spaniens zu.
Paläoökologie | Fossil | Homo | Homo erectus
Bilzingsleben - Homo erectus bilzingslebensis
Am Rande des Thüringer Beckens, nahe der kleinen Ortschaft Bilzingsleben im Kreis Sömmerda, befindet sich eine einzigartige archäologische Grabungsstelle.
Fossil | Homo | Homo sapiens
Combe Capelle - Homo sapiens
Combe Capelle (deutsch: Bergkapelle) ist ein Abri mit mehreren paläolithischen Kulturschichten im Tal der Couze, 38 km südöstlich von Bergerac im französischen Département Dordogne.
Paläoanthropologie | Anatomie | Fossil
Die Fossilien
Als Darwin 1859 seine gewagten Überlegungen zum Ursprung des Menschen veröffentlichte, kannte man noch keine Fossilien, die für einen allmählichen Übergang von einem schimpansenähnlichen Vorfahren zum heutigen Menschen gesprochen hätten.
Fossil | Hominine
Kenyanthropus platyops - KNM-WT 40000
Justus Erus und Meave Leakey fanden 1999 in Lomekwi an der Westseite des Turkanasees in Kenia diese außergewöhnlichen Fossilien.
Fossil | Homo
KNM-ER 1813 - Homo habilis
Von einem früheren Fund (KNM-ER 1470) bei Koobi Fora wusste man, dass dort vor zwei Millionen Jahren eine Art von Homo mit relativ großem Gehirn, großem Gesicht und großen Zähnen gelebt hatte.
Fossil | Australopithecus
KP 29281 - Australopithecus anamensis
Bis 1994 war Australopithecus afarensis die älteste bis dahin entdeckte hominine Spezies.
Fossil | Homo
LB1 - »Hobbit« - Homo floresiensis
Die Gattung Mensch hat Zuwachs bekommen: Homo floresiensis war nur gut einen Meter groß und lebte vor 18.
Fossil | Australopithecus
LH 4 - Typusexemplar - Australopithecus afarensis
Vielleicht war Louis Leakeys vorgefasste Ansicht über das Wesen des "wahren Menschen" der Grund, warum er den linken unteren Eckzahn eines Homininen nicht erkannte, der 1935 in Laetoli zusammen mit zahlreichen anderen Wirbeltierfossilien aus dem Pliozän gefunden wurde.
Fossil | Australopithecus
Lucy - AL 288-1 - Australopithecus afarensis
Lucy war ein kleiner weiblicher Australopithecus afarensis, der vor mehr als drei Millionen Jahren an einem prähistorischen See bei Hadar im heutigen Äthiopien lebte.
Fossil | Australopithecus
OH5 »Zinjanthropus«, »Nussknacker Mensch« - Australopithecus boisei
OH 5 ist das Typusexemplar der Spezies Australopithecus boisei und wurde 1959 von Mary Leakey entdeckt - genau hundert Jahre nach Darwins „Entstehung der Arten“.
Fossil | Hominine
Sahelanthropus tchadensis - TM 266-01-060-1 »Toumaï«
Das bislang älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahelzone in Zentralafrika.
Fossil | Neandertaler
Shanidar 1 - Homo neanderthalensis
Die Shanidar Höhle ist die älteste prähistorische Stätte im Irak, einem Land, das archäologisch berühmt ist für die kulturellen Errungenschaften, die man in Mesopotamien entdeckte.
Fossil | Australopithecus
SK 6 - Typusexemplar Australopithecus robustus (Paranthropus crassidens)
Eine wichtige Entdeckung von Robert Broom war SK 6, ein Teil eines Unterkiefers sowie einige Zähne, die er bei Swartkrans, Südafrika, entdeckte.
Fossil | Homo | Homo erectus
Skelett KNM-WT 15000 - »Turkana Boy« - Homo ergaster
Am 22.
Fossil | Homo | Homo erectus
Trinil 2 - »Javamensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Fossil | Homo | Homo erectus
Zhoukoudian - »Der Pekingmensch« - Homo erectus
Der sogenannte Pekingmensch ist 750.
Fossil | Neandertaler
Shanidar 1 - Homo neanderthalensis
Die Shanidar Höhle ist die älteste prähistorische Stätte im Irak, einem Land, das archäologisch berühmt ist für die kulturellen Errungenschaften, die man in Mesopotamien entdeckte.

Diese Artikel könnten dir auch gefallen


Die News der letzten 14 Tage 0 Meldungen

Knochen des Tages
BM 53
BM 53

Dryopithecus


Elemente: L. FEM prox
Maboko , Kenia