OH7 - Homo habilis

Kategorie:


FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
juveniles maskulines TeilskelettOlduvai-Schlucht, Tansania1,75 Millionen JahreJonathan Leakey4. November 1960
VERÖFFENTLICHUNG
Leakey, L. S. B. , P.V. Tobias und J. R. Napier, 1964. A new species of the genus Homo from Olduvai Gorge. Nature 202: 7-9

Obwohl OH 7 nicht der erste fossile Fund von Homo habilis ist, wurde er als typischer Vertreter seiner Spezies ausgewählt. Schon früher, im Jahr 1959 stieß Heslon Mukiri, ein Mitarbeiter der Leakeys, an einer anderen Stelle in Bett I, der ältesten geologischen Schichtung in der Olduvai-Schlucht, auf einen Molaren und einen Prämolaren. Doch die beiden Zähne wurden durch Mary Leakeys Schädelfund OH 5 (Zinjanthropus boisei) wenige Wochen danach erst mal zu den Akten gelegt.

Erst als man im Jahr 1960 OH 7 entdeckte, wandte sich die Aufmerksamkeit wieder dem zarter gebauten Homininen zu, der etwa zur gleichen Zeit wie die robusten Australopithecinen vom Typ des OH 5 lebte. Vermutlich hatte OH 7 die überall in der Schlucht gefundenen Steinwerkzeuge hergestellt.

Obwohl Louis Leakey die OH-7-Knochen formlos als "Prä-Zinjanthropus" bezeichnete war er schon bald überzeugt, dass sie zu einer frühen Form von Homo gehörten.

Er sicherte sich zur Beschreibung der Knochen die Hilfe des Paläoanthropologen Phillip Tobias und des Anatomen John Napier, und diese blieben bis zu eingehenderen Untersuchungen vorsichtig. Auf die auffällige Größe der Scheitelbeine wies Tobias hin und stellte dabei fest, dass OH 7 ein deutlich größeres Gehirn besaß als Australopithecus africanus oder Australopithecus boisei; andererseits war es aber kleiner als das des Homo erectus aus Java und China. Für einen Teilabguss des Schädelinneren ermittelte Tobias ein Volumen von 363 Kubikzentimetern, und daraus errechnete er für das gesamte Schädelvolumen einen Wert von 674 cm³ - 50 Prozent mehr als der Durchschnittswert für sechs Schädel von Australopithecus africanus.

Der Nachweis eines derart deutlichen Unterschieds in der Gehirngröße war ein erster Schritt zur Benennung einer neuen Spezies. Weitere Indizien lieferten die Zähne: Sie lagen außerhalb des für Australopithecus africanus bekannten Formenspektrums und ähnelten viel stärker denjenigen des späteren Homo. Die Schneidezähne von OH 7 waren im Vergleich zu Australopithecus wie auch zu Homo erectus relativ groß. Die Prämolaren erschienen zu schmal und lang, als dass sie zu irgendeinem Australopithecinen gehören konnten. Auch die Handknochen ähnelten denen späterer Arten von Homo, und ebenso verhielt es sich mit einer fast vollständigen Gruppe von Fußknochen, die man ebenfalls in der Nähe fand, die aber zu einem anderen Skelett gehörten.

Alle diese Indizien von drei verschiedenen Teilen des Skeletts wiesen also darauf hin, dass es sich bei dem Fund um etwas Neues handelte. Auch weitere Fossilien, die man Ende 1963 in der Olduvai-Schlucht fand - die Stücke OH 13, 14, 15 und 16 - bestätigten, dass dort neben Australopithecus boisei eine zweite Homininenart gelebt hatte. Im Januar 1964, über drei Jahre nach der Entdeckung von OH 7, stellten Leakey, Tobias und Napier den neuen Homininen der Öffentlichkeit vor; den Namen hatte Raymond Dart vorgeschlagen, der über 40 Jahre zuvor auch die Gattung Australopithecus benannt hatte. Homo habilis heißt "geschickter Mensch" - eine Anspielung auf die mutmaßliche Fähigkeit der Spezies, Werkzeuge herzustellen.

Nachdem der Name veröffentlicht war, stellten mehrere angesehene Anthropologen seine Stichhaltigkeit in Frage. Sie argumentierten, die neuen Fossilien unterschieden sich nicht so stark von Australopithecus africanus (oder auch von Homo erectus), dass es sich um eine eigene Art handeln könne, sondern seien eher so etwas wie eine Unterart. Andere Namen und Interpretationen wurden eingeführt und diskutiert, seit den 1970ger Jahren ist habilis allerdings bei der Mehrheit der Paläoanthropologen anerkannt. Vor allem setzte sich diese Meinung durch, nachdem man den Schädel 1470 entdeckt hatte - mittlerweile gibt es jedoch überzeugende Argumente, dass dieser zu einer zweiten Spezies des frühen Homo, zu Homo rudolfensis gehört.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
AL 333-122
AL 333-122

Australopithecus afarensis

Elemente: MC4 (proximal)

Hadar, Äthiopien

06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
Protokolle zur Umwandlung von pluripotenten Stammzellen (iPSC) in Organoide, Mini-Organe, ermöglichen es Forschern Entwicklungsprozesse in verschiede...
17.06.2020
Ein Neandertaler aus der Tschagyrskaja-Höhle
Bisher hatten Forschende die Genome von zwei Neandertalern in einer hohen Qualität sequenziert. Einer dieser beiden Neandertaler stammte aus der Vind...
17.06.2020
Beeindruckende Zeugnisse des Krieges
Schon vor mehr als 3000 Jahren gab es Krieg: Der nun abgeschlossene LOEWE-Schwerpunkt „Prähistorische Konfliktforschung“ von Goethe-Universität ...
17.06.2020
Historisches Superfood: Grünkern wussten schon die Kelten zu schätzen
Bislang ältester Grünkernfund: Forschung der Uni Hohenheim weist erstmals nach, dass es sich bei Funden aus Keltensiedlung von Hochdorf um bis heute...
29.05.2020
Wer waren die Kanaaniter?
Die Menschen, die in dem als Südlevante bekannten Gebiet – das heute als Israel, Jordanien, Libanon und Teile Syriens bekannt ist – um 3.500 bis ...
29.05.2020
Frauen mit Neandertal-Gen bringen mehr Kinder zur Welt
Eine von drei Frauen in Europa hat den Rezeptor für Progesteron von Neandertalern geerbt - eine Genvariante, die mit erhöhter Fruchtbarkeit, weniger...
20.05.2020
300.000 Jahre alter Elefant aus Schöningen fast vollständig erhalten
Was am Seeufer geschah: Archäologen dokumentieren Spuren von Steinzeitmenschen und Fußabdrücke von Elefanten.
12.05.2020
Ältester Homo sapiens Europas lebte im Jungpaläolithikum
Ein internationales Forschungsteam berichtet über neue Fossilien des Homo sapiens aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien. Diese wurden auf ein Alter ...
23.04.2020
Evolutionäre Wurzeln des Sprachnetzwerks im Gehirn entdeckt
Das Sprachnetzwerk im Gehirn von Menschen hat einen früheren evolutionären Ursprung als bislang angenommen. Die Wurzeln der für die Sprache entsche...
21.04.2020
Das menschliche Gebiss als Spiegel unserer Evolution
Wissenschaftler der Universität Tübingen ermitteln, welche Eigenschaften der Zähne zur Rekonstruktion genetischer Verwandtschaft genutzt werden kö...
21.04.2020
300.000 Jahre alter Wurfstock dokumentiert die Evolution der Jagd
Eiszeitmenschen aus Schöningen setzten Holzwaffen bei der Jagd auf Wasservögel und Pferde ein.