Dorfähnliche Siedlungen gab es schon in der Altsteinzeit an besonders begünstigten Orten. Erst die Erfindung der Landwirtschaft machte es jedoch möglich, dass mehr als nur ein Bruchteil der Menschheit einen festen Wohnsitz nehmen konnte. Im Nahen Osten lebten steinzeitliche Ackerbauer schon vor rund 9.500 Jahren in dörflicher Gemeinschaft. Archäologische Ausgrabungen im palästinensischen Jericho, im türkischen Yayönü oder im iranischen Ali Kosh verraten Details über die Lebensweise der frühen Dörfler. In Ali Kosh lebten die Siedler sowohl von wilden wie von gezüchteten Pflanzen: von Weizen und Gerste, von Hafer und Luzerne, von Linsen, Erbsen, Kapern und anderen nahrhaften Gewächsen. Außerdem hielten sie bereits Schafe als Haustiere, wie der Fund eines hornlosen Schafschädels beweist: Wildlebende weibliche Schafe haben Hörner, zahme dagegen nicht.

Einige hundert Jahre später schon bauten die Bauern erste Häuser mit Steinfundamenten und Ziegelrnauern. Die frühesten Siedlungen bestanden oft aus Ansammlungen sehr kleiner, runder Hütten; später wurden die Gebäude größer und rechteckig.

Rohstoffe für Werkzeuge und andere Gebrauchsgegenstände, soweit sie nicht vor Ort verfügbar waren, tauschten die frühen Bauern ein. So wurde das besonders harte und scharfkantige Vulkanglas Obsidian über Hunderte von Kilometern hinweg gehandelt. »Exportgut« waren auch landwirtschaftliches Wissen und die seßhafte Lebensweise: Erste Dörfer gab es in Griechenland vor etwa 8.000 Jahren, in ägypten vor 6.500 Jahren. Unabhängig vom Nahen Osten erbauten Menschen in China (vor 5.000 Jahren), in Hinterindien (vor 6.000 Jahren) und in Mittel- und Südamerika (vor 4.000 Jahren) erste Bauerndörfer.

Es ist noch umstritten, ob die ersten Bauern besser lebten als die Jäger und Sammler. Eins ist jedoch sicher: Die Ackerbauern vermehrten sich rascher. Ein Auslösefaktor für die jungsteinzeitliche »Bevölkerungsexplosion« könnte die Verbindung zwischen Fruchtbarkeit und Fett gewesen sein. Das Einsetzen der Pubertät bei Mädchen hängt mehr vom Körpergewicht als vom Alter ab, und auch das Reifen der Eizelle findet nur statt, wenn die Frau über ausreichende Fettreserven verfügt - eine Bedingung, die bei seßhafter, bäuerlicher Lebensweise wahrscheinlich eher erfüllt wurde. In den Dörfern wurden mehr Babys geboren, und mehr von ihnen überlebten.

Der Kindersegen bedeutete aber auch mehr Esser, mehr Nachbarn, mehr Streit und mehr ansteckende Krankheiten. Neue Siedlungen mußten errichtet, schlechtere Böden urbar gemacht werden: Fundstätten wie im osttürkischen Norsuntepe zeigen über Jahrtausende hinweg eine wechselvolle Geschichte. Die Sorge um das tägliche Brot zwang zu größerer Kreativität, zu mehr Erfindungen: Die künstliche Bewässerung wurde entdeckt (vor 7500 Jahren im Irak) und die Brache (damit sich ausgelaugter Ackerboden wieder erholen kann). Bessere Bodenbearbeitung ermöglichten die Hacke und dann der Pflug.

Lange Zeit nahmen Archäologen an, die kulturelle Entwicklung der Menschheit habe Schritt für Schritt von umherziehenden Jäger- und Sammler - Gruppen über die ersten in Dörfern lebenden Ackerbauer zum Bau der ältesten Städte geführt, in denen dann Handwerk, Handel und Religion erblühten, so dass schließlich die moderne Zivilisation möglich wurde. Doch das Bild einer solchen abgestuften kulturellen »Evolution« erwies sich als falsch: Die älteste Stadt der Erde, das biblische Jericho, entstand noch vor der Erfindung der Landwirtschaft und der Töpferkunst. An einer heute noch sprudelnden Quelle in dem tiefen, fast 400 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Tal des Jordans siedelte vor 11500 Jahren das Wildbeuter-Volk der Natufier.

Diese Sammler lebten von der Ernte wildwachsenden Getreides und vom Handel. Denn die Oase in der glutheißen Wüste muß damals schon ein wichtiger Stützpunkt entlang steinzeitlicher Handelswege gewesen sein. Eines der Handelsgüter war Obsidian, das von weit her - aus dem fernen Anatolien - importiert wurde, ein anderes war das begehrte Salz aus dem nahen Toten Meer.

Im Jahr 8000 v. Chr. hatte sich aus dem Siedlungsplatz eine dichtbebaute, vier Hektar große Stadt mit vielleicht 2000 Einwohnern entwickelt, die bereits von einer bis zu sechs Meter hohen Mauer aus sorgsam zusammengefügten Feldsteinen umgeben war. Die Bürger von Jericho wollten sich damit vor möglichen Feinden schützen, und sie konnten dies dank einer gewaltigen gemeinschaftlichen Arbeits- und Organisationsleistung.

Die älteste Mauer von Jericho sollte im Lauf der nächsten 65 Jahrhunderte einige Dutzend Nachfolger bekommen, denn Erdbeben und Angreifer, aber auch der Zahn der Zeit, erforderten immer wieder Ausbesserungen und Neubauten. Als Josua, der Bibel zufolge, die Mauern der Stadt zum Einsturz brachte, war Jericho schon am Ende seiner Geschichte: Nach diesem Ereignis 1500 v.Chr. verfiel die Uralt-Stadt zu einem Schutthügel, der den Forschern heute als fast lückenloses »Archiv« der ältesten Stadtkultur dient. Die ersten Städte waren Handelszentren und Sitz der spezialisierten Handwerker, sie dienten den Bewohnern der um sie herum entstehenden Bauerndörfern als Fluchtburg und vor allem als religiöses Zentrum.

Die uralte Stadt Catal Hüyük in der südlichen Zentral-Türkei zum Beispiel breitete sich 6500 v.Chr. über eine Fläche von 13 Hektar aus, war von 6000 Menschen bewohnt und hatte mindestens 40 Heiligtümer (der größte Teil dieser größten jungsteinzeitlichen Stadt ist noch nicht ausgegraben). Die Bewohner Catal Hüyüks kannten die Töpferei ebenso wie die Weberei mit ersten Webstühlen. Sie bemalten die verputzten Innenwände ihrer Häuser mit Tanzszenen, Tierbildern und sogar einer Ansicht ihrer Stadt, auf der auch eine bedeutende Quelle ihres Wohlstands zu sehen ist - ein naheliegender Vulkan, an dessen Flanken das begehrte Obsidian gefunden wurde.

Als Städte wie Jericho und Catal Hüyük schon jahrtausendelang existierten, wuchsen Ackerbau-Dörfer an Euphrat und Tigris, dem Zweistromland im heutigen Irak, zu großen, wohlgeplanten Städten: Uruk, Zentrum der sumerischen Kultur, hatte 2800 v. Chr. schon etwa 50.000 Einwohner.


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