Krapina C - Homo neanderthalensis

Kategorie:


FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
adultes feminines TeilcraniumHöhle Krapina, Kroatien130.000 JahreKarl Gorjanovic-Kramberger23. August 1899
VERÖFFENTLICHUNG
Gorjanovic-Kramberger, K., 1906. Der diluviale Mensch von Krapina in Kroatien (C. W. Kreidels Verlag, Wiesbaden)

Paläoanthropologen arbeiten meist mit einzelnen Bruchstücken von Schädeln und Skeletten. Manchmal findet man aber auch ein vollständiges oder fast vollständiges Skelett, und in sehr seltenen Fällen kommt an einer Stelle eine ganze urzeitliche Bevölkerungsgruppe ans Licht. So war es in der Kalksteinhöhle Krapina im Gebirge bei Hrvatsko Zagorje in Kroatien, wo man die weltweit größte Ansammlung von Resten der Neandertaler gefunden hat.

Unter den insgesamt über 850 Fossilien von bis zu 80 Individuen, die meist mit 16 bis 24 Jahren gestorben sind, befinden sich Reste von Männern und Frauen vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter und fast alle Teile des Skeletts. Außerdem fand man 3000 Tierknochen und 1000 Steinwerkzeuge. Da viele Homininenknochen in kleine Stücke zerbrochen waren, war ihre Zuordnung zu den einzelnen Individuen seit den Ausgrabungen um die Jahrhundertwende eine fast unlösbare Aufgabe, jedoch konnten fünf Schädel teilweise rekonstruiert werden. Der vollständigste ist Krapina C.

Wie bei derart umfangreichen Funden zu erwarten, zeigen die Fossilien von Krapina in Größe und Anatomie beträchtliche Schwankungen, insbesondere bei Zähnen, Unterkiefern und bestimmten Merkmalen des Schädels. Unter den insgesamt 279 Zähnen sind Schneidezähne mit großer Krone und Molaren mit der für Neandertaler typischen Taurodontie, einer vergrößerten Pulpahöhle und verschmolzenen Zahnwurzeln. In Merkmalen wie dem vorstehenden mittleren Gesichtsteil, der Lücke hinter den letzten Molaren im Unterkiefer und der Knochenverdickung am Hinterkopf gleichen die Funde von Krapina anderen, jüngeren europäischen Neandertalern; das gleiche gilt für die postcranialen Knochen: Die Menschen von Krapina hatten offenbar eine tonnenförmige Brust, muskulöse Unterarme und kräftige Hände.

Allgemein jedoch fehlt den Fossilien von Krapina der typische Körperbau der Neandertaler aus weiter westlich gelegenen Gebieten wie La Ferrassie. Auch den Neandertalern aus dem Nahen Osten gleichen sie nicht völlig. Im Vergleich zu den "klassischen" Neandertalern waren die Bewohner von Krapina eher zierlich gebaut, hatten aber ein großes Gesicht, weit auseinanderliegende Augen und einen breiten Schädel. Manche von ihnen hatten eine höhere Stirn, und ihre Extremitätenknochen ähnelten stark denen der Jetztmenschen. Die Zwischenstellung ihrer Anatomie wurde als Indiz angeführt, dass die Neandertaler von Krapina sich in gerader Linie zu der heutigen Bevölkerung Mitteleuropas weiterentwickelt haben, aus anderen Regionen in Europa fehlen allerdings solche Belege für eine Übergangsphase.

Der stark zerstückelte Zustand der Fossilien aus Krapina und Vindija, einer weiteren Höhle in Kroatien, aber auch Schnittspuren von Steinwerkzeugen auf manchen Knochen legen stark die Vermutung nahe, dass manche dieser Neandertaler zerlegt und vielleicht von ihren Artgenossen gegessen wurden. Die Diskussion um diese Frage hält an, seit der Erstentdecker Karl Gorjanovic-Kramberger zu dem Schluss gelangte, die Verteilung der Knochenbrüche und einige verbrannte Knochen seien ein Anzeichen für Kannibalismus.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
AL 2-46
AL 2-46

Cercopithecoides meaveae

Elemente: VER

Leadu, Äthiopien

17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
Protokolle zur Umwandlung von pluripotenten Stammzellen (iPSC) in Organoide, Mini-Organe, ermöglichen es Forschern Entwicklungsprozesse in verschiede...