Shanidar 1 - Homo neanderthalensis

Kategorie:


FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
9 SkeletteShanidar-Höhle, Irakzwischen 70.000 und 40.000 JahreRalph SoleckiZwischen 1953 und 1960
VERÖFFENTLICHUNG
Solecki, Ralph S. New York, Knopf, 1971

Die Shanidar Höhle ist die älteste prähistorische Stätte im Irak, einem Land, das archäologisch berühmt ist für die kulturellen Errungenschaften, die man in Mesopotamien entdeckte. Die Shanidar Höhle liegt rund 400 Kilometer nördlich von Bagdad im Nordosten Kurdistans auf einer Höhe von 747 Metern in den Barradost Bergen, einer der westlichen Ausläufer des Zagros-Gebirges und eine Gebirgskette, deren schwerer dolomitischer Kalkstein die häufigste Gesteinskomponente ist. In diesem Gestein hat die Erosion Höhlen und Unterstände geformt, die bis heute von Menschen genutzt werden.

In der Vergangenheit wie heute war die Shanidar Höhle ein attraktiver Lebensraum für Menschen. Sie ist leicht zu Fuß erreichbar und in der Nähe sprudelt eine permanente Wasserquelle. Der Eingang zur Höhle öffnet sich nach Südwesten mit Blick auf den Großen Zab Fluss und hat die Form eines etwa 8 Meter hohen und 25 Meter breiten Dreiecks. Heute umfasst der Höhlenboden eine Fläche von über tausend Quadratmetern, das Gewölbe des Innenraums ist von unzähligen Feuern rußgeschwärzt.

Das vielleicht bemerkenswerteste Zeichen menschlicher Anwesenheit in der Höhle ist ein Grab mit der Bezeichnung Shanidar 4. Berühmt wurde es im Jahr 1961, als es Ralph Solecki entdeckte und mit den Worten "Touched by Spirits" popularisierte. Möglicherweise war es das Begräbnis eines körperlich stark beeinträchtigten Schamanen, der von seiner Gemeinschaft gepflegt und versorgt wurde. Soleckis Bericht inspirierte auch Jean Auel, die das Thema in ihrem populären Roman "Der Clan des Bären" aufgriff. Seitdem wurden neun Bestattungen von Neandertalern aus der Zeit zwischen 32.000 und 49.000 Jahren in der Höhle gefunden. Die Bestattungen mit den Bezeichnungen Shanidar 1 und Shanidar 4 bieten wichtige Einblicke in das Leben der Neandertaler.

Shanidar 4, oder das Blumengrab, ist eines der markantesten Beispiele eines Begräbnisritus von Neandertalern. Der männliche Verstorbene war etwa 35 bis 40 Jahre alt und wurde auf der Seite liegend in einer fötalen Position beerdigt. Pollenanalysen aus dem Boden, der das Grab bedeckte, ergaben Spuren von Schafgarbe, Kornblumen, Disteln, Kreuzkraut, Traubenhyazinthen, Kiefer, Malve und andere, die in anderen Teilen der Höhle abwesend waren. Dies deutet darauf hin, dass diese Blüten - von denen die meisten in der Medizin auch heute noch als Diuretika, Stimulanzen oder Entzündungshemmer genutzt werden - speziell auf die Grabstätte gebracht wurden, und die wahrscheinlich in irgendeinem Zusammenhang mit dem Beerdigten standen. Es muss allerdings darauf aufmerksam gemacht werden, dass einige Forscher die Anwesenheit der Blüten als Ergebnis natürlicher Umstände interpretieren, wie etwa Einwehungen oder Einschwemmungen.

So bieten die Shanidar Fossilien aus dem Irak überzeugende Beweise (E. Trinkaus, 1983) dafür, dass sich die Neandertaler um ihre Kranken und Verletzten kümmerten. Das männliche Individuum Shanidar 1 war wirklich in einem bedauernswerten Zustand. Er überlebte mehrere Traumata, unter anderem einen heftigen Schlag auf die linke Seite seines Gesichts, der ihn auf einem Auge erblinden ließ, mehrere Frakturen des rechten Arms und eine Fehlstellung seines rechten Unterschenkels und Fußes, was ihm beim Gehen starke Schmerzen bereitet haben muss. Wenn die Shanidar Fossilien ein Beweis für dauerhaftes Pflegeverhalten sind, kann man vernünftigerweise folgern, dass dieses Verhaltensmuster sowohl von Neandertalern und modernen Menschen an den Tag gelegt wurde und damit von einem gemeinsamen Vorfahren vor etwa 500.000 Jahren vererbt wurde.

Die Anatomie der Neandertaler aus Shanidar ist vergleichbar mit der des modernen Menschen, jedoch zeigt die Wirbelsäule eine deutliche Tendenz zur Robustheit. Die Rippen sind dick und die Knochen der oberen Extremitäten offenbaren ein morphologisches Muster, das diese Menschen in die Nähe der Neandertaler aus dem Nahen Osten und Europa rückt. Dazu gehören beispielsweise kräftige Schultern und Arme und die muskulösen Hände konnten kraftvoll zugreifen. Die unteren Extremitäten entsprechen ganz und gar den Neandertalern. Sie sind robust, sehr muskulös und es scheint, dass während des Laufens eine kraftvolle Beschleunigung möglich war. Darüber hinaus scheint es, dass die Verteilung der Muskulatur große Sprünge und müheloses Klettern ermöglichte.

Literatur

R. Solecki. 1972. Shanidar, the Humanity of Neanterthal Man, London: Allen Lane

E. Trinkaus.1983. The Shanidar Neanderthals. New York: Academic Press


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
KNM-RU 1706
KNM-RU 1706

Proconsul africanus

Elemente: MAN

Rusinga Island, Kenia

06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
Protokolle zur Umwandlung von pluripotenten Stammzellen (iPSC) in Organoide, Mini-Organe, ermöglichen es Forschern Entwicklungsprozesse in verschiede...
17.06.2020
Ein Neandertaler aus der Tschagyrskaja-Höhle
Bisher hatten Forschende die Genome von zwei Neandertalern in einer hohen Qualität sequenziert. Einer dieser beiden Neandertaler stammte aus der Vind...
17.06.2020
Beeindruckende Zeugnisse des Krieges
Schon vor mehr als 3000 Jahren gab es Krieg: Der nun abgeschlossene LOEWE-Schwerpunkt „Prähistorische Konfliktforschung“ von Goethe-Universität ...
17.06.2020
Historisches Superfood: Grünkern wussten schon die Kelten zu schätzen
Bislang ältester Grünkernfund: Forschung der Uni Hohenheim weist erstmals nach, dass es sich bei Funden aus Keltensiedlung von Hochdorf um bis heute...
29.05.2020
Wer waren die Kanaaniter?
Die Menschen, die in dem als Südlevante bekannten Gebiet – das heute als Israel, Jordanien, Libanon und Teile Syriens bekannt ist – um 3.500 bis ...
29.05.2020
Frauen mit Neandertal-Gen bringen mehr Kinder zur Welt
Eine von drei Frauen in Europa hat den Rezeptor für Progesteron von Neandertalern geerbt - eine Genvariante, die mit erhöhter Fruchtbarkeit, weniger...
20.05.2020
300.000 Jahre alter Elefant aus Schöningen fast vollständig erhalten
Was am Seeufer geschah: Archäologen dokumentieren Spuren von Steinzeitmenschen und Fußabdrücke von Elefanten.
12.05.2020
Ältester Homo sapiens Europas lebte im Jungpaläolithikum
Ein internationales Forschungsteam berichtet über neue Fossilien des Homo sapiens aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien. Diese wurden auf ein Alter ...
23.04.2020
Evolutionäre Wurzeln des Sprachnetzwerks im Gehirn entdeckt
Das Sprachnetzwerk im Gehirn von Menschen hat einen früheren evolutionären Ursprung als bislang angenommen. Die Wurzeln der für die Sprache entsche...
21.04.2020
Das menschliche Gebiss als Spiegel unserer Evolution
Wissenschaftler der Universität Tübingen ermitteln, welche Eigenschaften der Zähne zur Rekonstruktion genetischer Verwandtschaft genutzt werden kö...
21.04.2020
300.000 Jahre alter Wurfstock dokumentiert die Evolution der Jagd
Eiszeitmenschen aus Schöningen setzten Holzwaffen bei der Jagd auf Wasservögel und Pferde ein.