Homo sapiens in Ostasien

Kategorie:


Die ostasiatischen Funde von Homo sapiens werden von den Befürwortern der Multiregionalen Hypothese über die Ausbreitung des modernen Menschen oft als Beweise angeführt, um ihre Theorie zu stützen, während im Gegensatz dazu die Anhänger des Out-Of-Africa-Modells die Region Ostasien als Ganzes häufig ignorieren. So scheinen die Funde aus China die besten Argumente für eine kontinuierliche Evolution des Homo sapiens außerhalb Afrikas zu liefern.

Die Funde aus Indonesien hingegen haben mit Problemen im Zusammenhang mit der Datierung und ihrem Ursprung zu kämpfen, was jeden Versuch, eine Verbindung zwischen den einzelnen Funden herzustellen, sehr schwierig gestaltet. Aktuell scheinen die Forschungen in Ostasien und Australien auf einen knappen Entscheidungskampf zwischen den Befürwortern der Out-Of-Africa Hypothese und den Befürwortern der multiregionalen Hypothese hinauszulaufen. Die fraglichen Funde sind also sehr wichtig für künftige Debatten, die über generelle Theorien bezüglich des Ursprungs des modernen Menschen auf unserem Planeten geführt werden.

Unabhängig von der Position jedes einzelnen Forschers wird aber niemand behaupten wollen, dass die Funde aus Ostasien weniger wichtig oder interessant wären, als die Funde aus Afrika oder Europa. Die Funde aus Indonesien waren Gegenstand vieler Diskussionen, wobei es hauptsächlich um die Datierung und um die Herkunft vieler altertümlicher, ostasiatischer Menschen geht.

Ngandong

Das Fundmaterial von Ngandong auf Java ist ein gutes Beispiel für die anhaltenden Kontroversen. Obwohl die Überreste aus anatomischer Sicht von den meisten Forschern dem Homo erectus zugeordnet werden, geben sie wegen des geringen Alters, jüngst auf 53.000 bis 27.000 Jahre datiert, immer wieder Stoff für heftige Diskussionen. Kernpunkt der Debatten ist die Frage, ob oder ob nicht eine direkte Verbindung von Homo erectus aus Ngandong zu den heutigen Menschen Ostasiens besteht. Die meisten Forscher sind diesbezüglich sehr skeptisch, aber die Möglichkeit ist sehr faszinierend und kann aufgrund der Fundlage nicht einfach ignoriert werden. Die Funde von Ngandong stellen die größte Sammlung von Schädeln auf Java dar (15 Exemplare, einschließlich zweier Schienbeine), die man in den höheren Terrassen des Flusses Solo entdeckte. Zusätzlich wurden die Überreste einer Frau in der nahe gelegenen Region Ngawi entdeckt.

Datierung von Ngandong

Die Funde aus Ngandong (häufig auch einfach als Solo-Material bezeichnet) wurden wegen der assoziierten Fauna ursprünglich dem späten Pleistozän zugeordnet. Mehrere radiometrische Datierungsversuche ergaben unterschiedliche Altersangaben für die Fossilien, so errechnete man mit der Uran-Thorium-Methode ein Alter von 101.000 ± 10.000 Jahren, die Datierung von nahegelegenen Ablagerungen (Terrassen) ergab 165.000 Jahre, mehr als 300.000 Jahre ergab eine modifizierte ESR-Bestimmung einer der Schädel, und die Kalium-Argon Datierung eines Tuffsteins aus der Nähe ergab ein Alter von ca. 500.000 Jahren. Ziemlich bunt, möchte man meinen, aber die eigentliche Sensation gelang Carl Swisher et. al., als sie - basierend auf der Uranreihendatierung kombiniert mit der ESR-Methode - für tierische Zähne aus den gleichen Ablagerungen ein Alter von lediglich 53.000 bis 27.000 Jahren präsentierten. Jedoch werden diese neuen Altersangaben nicht von allen Wissenschaftlern akzeptiert, da die Tierzähne, die man zur Untersuchung heranzog, sich mit ihrer graublauen Farbe in Folge von Manganeinlagerungen deutlich von den menschlichen Fossilien unterscheiden, die eher bräunlich bis schwarz sind. Die Exemplare, die zur Untersuchung herangezogen wurden, wurden also in unterschiedlichen Umgebungen zum Fossil, und es gibt keinen stichhaltigen Beweis dafür, dass sie aus der gleichen Epoche stammen.

Geschlechter von Ngandong

Die Funde von Ngandong wurden von Franz Weidenreich (1873-1948) gründlich untersucht, leider starb er während der Vorbereitungen zu einer Monographie über die Fossilien - mit der Folge, dass sie unvollständig veröffentlicht wurden. Von den dreizehn Schädeln (oder Schädelfragmenten) gehörten neun eindeutig zu erwachsenen Individuen, einer der Schädel ist eindeutig jugendlich. Man geht davon aus, dass Solo 5, 9, 10 und 11 männlich und Solo 1, 4, 6, 8 sowie der Fund aus der Region Ngawi weiblich ist. Das jugendliche Exemplar (Solo 2) ist wahrscheinlich männlich. Die Bestimmung des Geschlechts basiert hauptsächlich auf der Größe der Schädel und der Ausprägung der Überaugenwülste. Diese Merkmalsunterschiede zwischen den Geschlechtern überlappen sich bei den Funden nicht. Andere Eigenschaften überlappen sich zwar, dies sind aber bekannte, durchschnittliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Dazu gehören etwa die Dicke des Schädeldachs und die unterschiedliche Ausprägung jener Knochenbereiche, an denen die Muskeln ansetzen.

Die Exemplare von Ngandong zeigen eine Reihe von mutmaßlichen, regionalen Ähnlichkeiten (falls die multiregionale Hypothese in Ostasien zutrifft), die sie mit älteren indonesischen Fundstücken wie Sangiran oder Sambungmachan teilen.

Geographische Verteilung der Fundorte

Obwohl es einzelne, isolierte Zähne gibt, die man mit der Fauna aus dem späten Mittelpaläolithikums mehrerer ostasiatischer Regionen in Verbindung bringen kann, kommt die große Mehrzahl dieses Zeitraums aus China. Die Funde stammen aus einem riesigen Gebiet und umfassen mehrere, fast vollständige Schädel, sowie viele Knochen des postcranialen Skeletts.

China und die Multiregiole Hyphthese

China ist jene Region, in der die Anhänger der Multiregionalen Hypothese ihre schlüssigsten Belege ausgegraben haben. Mittlerweile gibt es in der Tat einige Forscher, die sich eine kontinuierliche Entwicklung von Homo erectus zu Homo sapiens in Ostasien vorstellen können, während sie weiterhin die Verdrängungstheorie (Replacement) auf dem europäischen Kontinent unterstützen.

Der Schädelfund von Dali

Die bei weitem ältesten Hinweise auf Homo sapiens in China liefert der Schädel von Dali aus der Provinz Shaanxi, sowie mehrere Zähne aus Tongzi in der Provinz Guizhou.

Der Schädel von Dali wurde in Flussablagerungen gefunden, so hat er einige Beschädigungen im unteren Teil des Gesichts davongetragen, die wahrscheinlich nie mehr 100%-ig rekonstruiert werden können. Die Beschädigung drückte den Oberkiefer (Maxilla) weit nach oben, was das Gesicht kürzer erscheinen lässt, als es wahrscheinlich tatsächlich war. Der Schädel gehörte zu einem Mann, der mit weniger als ca. 30 Jahren starb. Dali besitzt mehrere anatomische Merkmale, die man als Beweis für eine Verbindung zwischen modernen Asiaten und frühen chinesischen Funden aus Zhoukoudian, als auch zwischen modernen Asiaten und den Funden aus Java (Ngandong) heranzog. Diese Merkmale werden darüber hinaus als Beweis angeführt, um den Schädel von Dali in die "spezielle" Abstammungslinie einzuordnen, welche die Fossilien des ostasiatischen Homo erectus mit heutigen Asiaten in Verbindung bringt.

Leider kann man die Form der Schneidezähne beim Schädel von Dali nicht mehr bestimmen, da ihm das Gebiss fehlt. Dies wäre deshalb so interessant, weil eine charakteristische, schaufelartige Form der Schneidezähne ein unverwechselbares Merkmal heutiger Ostasiaten ist. Unter den sechs Zähnen aus Tongzi befand sich aber tatsächlich ein Schneidezahn, der diese charakteristische Form aufwies. Dies wäre ein weiterer Punkt zugunsten der ostasiatischen Kontinuität.

Jinniushan

Etwas jüngeren Datums sind die Funde aus Jinniushan in der Provinz Liaoning in China. Die menschlichen Überreste bestehen aus dem Cranium und vielen postcranialen Knochen einer etwa 20-jährigen Frau. Zu den postcranialen Skelettteilen gehören vier Wirbel, einige Rippen, ein Hüftbein (Os coxae), eine Elle (Ulna), eine Kniescheibe (Patella) und 30 Hand- und Fußknochen. Die Überreste wurden in einer mit verfestigtem Material aufgefüllten Felsspalte in einem isolierten Karstgebiet gefunden. ESR-Datierungen von Chen Tiemei et al. haben ein Alter von etwa 187.000 Jahren (165.000, 195.000) für dieses Material gegeben. Der Gehirnschädel weist ein relativ großes Volumen von 1.260 Kubikzentimeter und ungewöhnlich dünne Wände auf, das Stirnbein ist breit und die Überaugenwülste in der Mitte dünn.

Diese und andere Merkmale machen Jinniushan zum ältesten Fund mit solch modernen Eigenschaften, wobei es aber andere Merkmale gibt, die nicht modern wirken. Trotzdem handelt es sich bei der Frau von Jinniushan zweifellos genauso um einen Homo sapiens, wie bei afrikanischen (Klasies River Mouth) und westasiatischen (Qafzeh) Funden, die aber fast um die Hälfte jünger sind als Jinniushan. Dieses Exemplar wurde auch als Verbindung zu den älteren Funden von Zhoukoudian gesehen.

Andere Fundorte von Homo sapiens in China

Andere frühe Funde aus China, die Homo sapiens zugeschrieben werden, sind ein Oberkiefer (Maxilla) und Hinterhauptbein (Os occipitale) aus Chaohu (auch bekannt als Chaoxian und Yinshan) in der Provinz Anhui, der Changyang-Oberkiefer aus Hubei, das Scheitelbein (Os parietale) und Zähne eines Kindes aus Dincun (Shanxi), Zähne aus Xindong (Beijing), das Schädeldach aus Maba in der Provinz Guangdong, sowie Knochenmaterial von zehn Personen aus Xujiayao in der Provinz Shanxi.

Andere Fundorte von Homo sapiens in Ostasien

Weitere Funde des kontinentalen Ostasien, die unmissverständlich der Art Homo sapiens angehören, sind die Funde aus Liujiang (67.000 Jahre), die Schädel- und Gliederknochen aus Sulawusu (50.000 bis 37.000 Jahre), die Funde von Laishui (60.000 Jahre), die Funde aus Ziyang, die je nach Schicht, aus der man eine Probe nimmt, entweder 39.000 bis 36.000 Jahre, oder nur 7.000 Jahre alt sind. Die genaue Schicht, aus der die Funde stammen, kann man heute nicht mehr bestimmen. Weiterhin gibt es Funde des modernen Homo sapiens aus der oberen Höhle von Zhoukoudian (29.000 bis 24.000 Jahre), ein Hinterhauptbein (Os occipitale) aus Shiyu (28.000 Jahre), die Funde von Hamakita und Yamashita-Cho, beide Japan (32.000 Jahre), das Schädelfragment sowie postcraniale Knochen von Pinza-Abu (26.000 Jahre), Funde aus Minatogawa, Japan (18.000 Jahre), die Funde aus der Niah-Höhle auf Borneo (40.000 Jahre), sowie Funde aus Wadjak, Indonesien.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
OMO 6-69-477
OMO 6-69-477

Theropithecus

Elemente: L. LM3

Omo, Äthiopien

14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Nahrungsgewohnheiten der Vorfahren heutiger Hauskatzen untersucht..
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.000 Muschelfossilien aus einer Tongrube in Buttenheim, Franken..
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet..
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden..
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
P.
17.06.2020
Ein Neandertaler aus der Tschagyrskaja-Höhle
Bisher hatten Forschende die Genome von zwei Neandertalern in einer hohen Qualität sequenziert..
17.06.2020
Beeindruckende Zeugnisse des Krieges
S.
17.06.2020
Historisches Superfood: Grünkern wussten schon die Kelten zu schätzen
B.
29.05.2020
Wer waren die Kanaaniter?
Die Menschen, die in dem als Südlevante bekannten Gebiet – das heute als Israel, Jordanien, Libanon und Teile Syriens bekannt ist – um 3.500 bis 1.150 v..
29.05.2020
Frauen mit Neandertal-Gen bringen mehr Kinder zur Welt
Eine von drei Frauen in Europa hat den Rezeptor für Progesteron von Neandertalern geerbt - eine Genvariante, die mit erhöhter Fruchtbarkeit, weniger Blutungen zu Beginn der Schwangerschaft und weniger Fehlgeburten in Verbindung steht..
20.05.2020
300.000 Jahre alter Elefant aus Schöningen fast vollständig erhalten
Was am Seeufer geschah: Archäologen dokumentieren Spuren von Steinzeitmenschen und Fußabdrücke von Elefanten.
12.05.2020
Ältester Homo sapiens Europas lebte im Jungpaläolithikum
Ein internationales Forschungsteam berichtet über neue Fossilien des Homo sapiens aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien..
23.04.2020
Evolutionäre Wurzeln des Sprachnetzwerks im Gehirn entdeckt
Das Sprachnetzwerk im Gehirn von Menschen hat einen früheren evolutionären Ursprung als bislang angenommen..
21.04.2020
Das menschliche Gebiss als Spiegel unserer Evolution
Wissenschaftler der Universität Tübingen ermitteln, welche Eigenschaften der Zähne zur Rekonstruktion genetischer Verwandtschaft genutzt werden können.
21.04.2020
300.000 Jahre alter Wurfstock dokumentiert die Evolution der Jagd
Eiszeitmenschen aus Schöningen setzten Holzwaffen bei der Jagd auf Wasservögel und Pferde ein.
09.04.2020
Landwirtschaft begann im Amazonas vor 10.000 Jahren
Wie eine neue Studie zeigt, begannen die Menschen vor mehr als 10’000 Jahren im Südwesten des Amazonas mit dem Anbau von Maniok und Kürbissen, 8'000 Jahre früher als bisher angenommen..
27.03.2020
Auch Neandertaler aßen Muscheln, Fisch und Robben
Bereits die Neandertaler ernährten sich vor über 80.000 Jahren regelmäßig von Muscheln, Fisch und anderen Meeresbewohnern..
03.03.2020
Affen kommunizieren, Menschen haben Sprache
So verzückt Eltern auch sind, wenn ihr Kleines das erste Mal „Ma-Ma“ oder „Pa-Pa“ brabbelt – ehe daraus Sätze entstehen, muss noch viel passieren..
25.02.2020
Ausgewandert
Sibirische Neandertaler stammten von verschiedenen europäischen Populationen ab
25.02.2020
Jede Mittelmeerinsel hat eigenes genetisches Muster
Schon vor der Zeit der mediterranen Seefahrerzivilisationen gab es prähistorische Wanderungen aus Afrika, Asien und Europa auf die Mittelmeerinseln..
18.02.2020
Die Ernährungsweise fossiler Wirbeltiere rekonstruieren
Aus prähistorischer Zeit liegen bisher nur wenig gesicherte Erkenntnisse über die Ernährung der damaligen Tiere und Menschen vor..
18.02.2020
2.700 Jahre alter Tempel im äthiopischen Hochland entdeckt
E.
05.02.2020
Prähistorisches Skelett in Südmexiko entdeckt
Ein prähistorisches menschliches Skelett, das in Südmexiko geborgen werden konnte, ist mindestens 10.000 Jahre alt und stammt wahrscheinlich aus der letzten Eiszeit..
28.01.2020
Neandertaler gingen für ihre Werkzeuge ins Wasser
Neandertaler sammelten Muschelschalen und Bimsstein aus den Küstengewässern, um sie als Werkzeuge zu benutzen.
06.01.2020
Forscher bestimmen das Alter des letzten bekannten Lagerplatzes von Homo erectus
Ein internationales Forscherteam hat das Alter des letzten bekannten Lagerplatzes von Homo erectus bestimmt, einem der direkten Vorfahren des modernen Menschen..
MAP ERROR