Alte Werkzeugkulturen - Die Artefakte aus Lomekwi

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Wissenschaftler haben in der Wüstenregion bei Lomekwi im Nordwesten Kenias Steinwerkzeuge gefunden, die 3,3 Millionen Jahre alt sind und lange vor der Entstehung des ersten Menschen hergestellt wurden. Es sind die mit Abstand ältesten Artefakte, die jemals entdeckt wurden. Die Werkzeuge, deren Hersteller möglicherweise Vorfahren des Menschen sind (oder auch nicht), sind rund 700.000 Jahre älter als die 2,3 bis 2,6 Millionen Jahre alten Artefakte aus der Olduvai-Schlucht, die üblicherweise der Oldowan-Kultur und dem Homo habilis zugeordnet werden.

Der Fund bringt auch die vorherrschende Meinung ins Wanken, dass es nur ein direkter Vorfahre des modernen Menschen gewesen sein konnte, der zwei Steine aufeinander schlug und damit den Grundstein für eine Technologie legte, die mittlerweile bis zu den Sternen reicht.

Kein Hinweis auf Homo habilis

Diese neue Entdeckung ist also der erste Hinweis darauf, dass bereits noch frühere Gruppen von Vormenschen jene Denkfähigkeit besaßen, die notwendig ist, um scharfkantige Werkzeuge herzustellen. Die Steinwerkzeuge markieren "einen neuen Zeitpunkt der frühesten, bekannten archäologischen Funde", sagen die Autoren über die Entdeckung, die im Fachjournal Nature der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Homininen sind eine Gruppe von aufrechtgehenden Primaten, zu der man den modernen Homo sapiens und seine nächsten evolutionären Vorfahren zählt. Anthropologen dachten lange, dass unsere frühen Verwandten aus der Gattung Homo - die Linie, die direkt zum Homo sapiens führt - die ersten und einzigen waren, die solche Steinwerkzeuge hergestellt haben. Doch nun haben die Forscher erstaunliche Hinweise zutage gefördert, dass eine andere frühe Homininenart, ein entfernter Verwandter, wenn man so will, die Herstellung von Werkzeugen erfunden hat.

Wer war der Werkzeugmacher?

Die Forscher wissen nicht, wer diese ältesten Werkzeuge hergestellt hat. Aber andere Funde deuten auf einen möglichen Kanditaten hin: Kenyanthropus platytops, dessen 3,3 Millionen Jahre alter Schädel im Jahr 1999 etwa einen Kilometer von der Fundstelle der Werkzeuge entfernt gefunden wurde. Ein Zahn, ebenfalls von K. platyops, und ein Schädelknochen wurden ein paar hundert Meter entfernt entdeckt, sowie ein bis jetzt noch nicht identifizierter Zahn etwa 100 Meter entfernt.

Der genaue Stammbaum des modernen Menschen ist umstritten, und bisher weiß niemand genau, in welcher Beziehung K. platyops zu den anderen Homininen steht. Er lebte etwa eine halbe Million Jahre früher als die frühesten bekannten Homo-Arten und könnte somit der Werkzeugmacher gewesen sein. Oder es war eine andere Art, wie etwa Australopithecus afarensis, der zur gleichen Zeit lebte, oder auch eine bislang unentdeckte frühe Art von Homo.

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Die Forscher wissen nicht, wer diese ältesten Werkzeuge hergestellt hat. Aber andere Funde deuten auf einen möglichen Kanditaten hin: Kenyanthropus platytops, dessen 3,3 Millionen Jahre alter Schädel im Jahr 1999 etwa einen Kilometer von der Fundstelle der Werkzeuge entfernt gefunden wurde. Ein Zahn, ebenfalls von K. platyops, und ein Schädelknochen wurden ein paar hundert Meter entfernt entdeckt, sowie ein bis jetzt noch nicht identifizierter Zahn etwa 100 Meter entfernt.

Der genaue Stammbaum des modernen Menschen ist umstritten, und bisher weiß niemand genau, in welcher Beziehung K. platyops zu den anderen Homininen steht. Er lebte etwa eine halbe Million Jahre früher als die frühesten bekannten Homo-Arten und könnte somit der Werkzeugmacher gewesen sein. Oder es war eine andere Art, wie etwa Australopithecus afarensis, der zur gleichen Zeit lebte, oder auch eine bislang unentdeckte frühe Art von Homo.

Für was die Steinwerkzeuge benutzt wurden

Eine Denkrichtung ist, dass Homininen begannen Steine gegeneinander zu hämmern, um scharfkantige Abschläge zu erhalten, mit denen sie Fleisch von Tierknochen ablösen konnten. Aber die Größe und die Gebrauchsspuren an den neu entdeckten Werkzeugen deuten darauf hin, dass sie auch für etwas anderes genutzt wurden, besonders weil sie in einer waldreichen Umgebung mit Zugang zu verschiedenen pflanzlichen Rohstoffen lebten. Die Forscher glauben, die Werkzeuge könnten auch zum Knacken von Nüssen oder Knollen gedient haben, oder zum Aufbrechen von Totholz, um an die Insekten im Inneren zu kommen, oder vielleicht an etwas anderes, an das bisher noch nimand gedacht hat.

Schon immer sind Forscher davon ausgegangen, dass es eine Abschlagtechnik gegeben haben muß, die den einfachen, bislang bekannten Werkzeugtechnologien vorausging. Die Forschungen von Sonia Harmand's Team zeigen wie diese noch simplere Steinbearbeitung ausgesehen hat, lange bevor fortschrittlichere Technologien ein grundlegender Bestandteil des frühmenschlichen Verhaltens wurden.

Die ersten Steinwerkzeuge wurden in der Olduvai-Schlucht im ostafrikanischen Tansania Mitte des 20. Jahrhunderts freigelegt. Später brachten Louis Leakey und sein Sohn Richard diese Werkzeuge mit Fossilen in Zusammenhang, die in den 1960er Jahren gefunden wurden - mit Homo habilis, einem sehr frühen Vorfahren des modernen Menschen, der vor 2,1 bis 1,5 Millionen Jahren in Teilen Ostafrikas heimisch war.

Nachfolgende Funde brachten immer ältere evolutionäre Vorfahren des Menschen ans Licht - und Steinwerkzeuge, was Fragen nach dem ersten Homininen aufwarf, der diesen kognitiven Sprung schaffte. Die im März 2015 bekanntgegebene Entdeckung eines teilweise erhaltenen Unterkiefers aus Ledi Geraru in der Afar-Region von Äthiopien bezeugt ein Alter unserer Gattung Homo von mindestens 2,8 Millionen Jahren. Analysen, die in den letzten Forschungsarbeiten durchgeführt wurden, legen nahe, so die Autoren, dass sich die Gattung Homo vor 2 Millionen Jahren in verschiedene Richtungen entwickelt hat.

Neben den Funden von Lomekwi 3 gibt es sogar noch ältere Hinweise auf primitiven Werkzeuggebrauch: Forscher haben in der Region Dikika in Äthiopien einige Tierknochen mit ungewöhnlichen Schnittspuren ausgegraben, die 3,39 Millionen Jahre alt sind - ein Hinweis darauf, dass jemand scharfkantige Steine verwendete, um Fleisch von den Knochen zu schneiden und vielleicht an das Mark zu kommen. Das wäre der früheste Nachweis des Konsums von Fleisch und Knochenmark von Homininen überhaupt. Am Fundort Dikika wurden allerdings keine Werkzeuge gefunden. Es ist also nicht klar, ob die Schnittspuren von einem gezielt hergestellten Werkzeug stammen, oder ob man einfach nur Steine mit einer scharfen Kante verwendete. Die einzigen homininen Fossilien bei Dikika stammen aus dieser Zeit von Australopithecus afarensis.

Die Entdeckung bei Lomekwi (LOM3) kam fast zufällig: Die Forscher berichten, dass sie am Morgen des 9. Juli 2011 einen falschen Kurs eingeschlagen hätten. So kletterten sie auf einen Hügel, um nach dem richtigen Pfad zu suchen. Sie schreiben, dass sie auf diesem Hügel "etwas Besonderes" spüren konnten. Sie schwärmten aus und suchten einen nahe gelegenen Geländeabschnitt mit schroffen, geologischen Aufschlüssen ab. Später, etwa zur "Teatime", so schrieben sie, fand Sammy Lokorodi, ein Mitglied des in der Region ansässigen Turkana-Stammes, genau das, "was wir hier immer zu finden gehofft haben".

Bis zum Ende der Feldsaison im Jahr 2012 hatten die Ausgrabungen auf dem Gelände des Fundortes Lomekwi 3 genau 149 Steinartefakte zutage gebracht, die auf eine gezielte Bearbeitung hinweisen - sie reichen von Schlagsteinen, Steinkernen und Abschlägen bis hin zu schwereren Felsbrocken, die möglicherweise als Ambosse dienten.

Um besser zu verstehen, auf welche Art und Weise die Werkzeuge von unseren entfernten Verwandten hergestellt wurden, versuchten die Forscher nun auch selbst umherliegende Steine zu bearbeiten. Aus ihren Versuchen folgerten sie, dass die verwendeten Techniken "ein technologisches Mittelding sind zwischen einem hypothetischen, hammer-orientierten Werkzeuggebrauch der frühesten Homininen und einem mehr abschlag-orientierten Werkzeuggebrauch ihrer Nachfahren. Zwar weiß man von Schimpansen und Kapuzineraffen, dass sie Nüsse auf einen Stein legen, der als Amboss dient, und mit einem anderen Stein, der als Hammer dient, draufhämmern. Aber einen Stein für mehrere Zwecke zu verwenden oder mit einem Stein Abschläge von einem anderen herzustellen, um schärfere Werkzeuge zu erhalten, ist ein sehr fortgeschrittenes Verhalten.

Der Fund von Lomekwi hat auch Auswirkungen auf das Verständnis der Entwicklung des menschlichen Gehirns. Für die Herstellung von Werkzeugen braucht man ein Mindestmaß an motorischem Geschick, was darauf hinweist, dass Veränderungen des Gehirns und des Rückenmarks, die für solche Tätigkeiten erforderlich sind, bereits vor 3,3 Millionen Jahren stattgefunden haben, so die Autoren.

"Dies ist eine bedeutsame und gut untersuchte Entdeckung", sagte der Paläoanthropologe Bernard Wood von der George Washington University, der nicht an der Studie beteiligt war. "Ich habe einige dieser Artefakte in natura gesehen bin überzeugt, dass sie bewusst gestaltet wurden." Wood sagte, es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die Werkzeuge der sogenannten Oldowan Kultur sind, die bis jetzt für die ältesten und primitivsten gehalten wurden.

Literatur

Sonia Harmand, Jason E. Lewis, Craig S. Feibel, Christopher J. Lepre, Sandrine Prat, Arnaud Lenoble, Xavier Boës, Rhonda L. Quinn, Michel Brenet, Adrian Arroyo, Nicholas Taylor, Sophie Clément, Guillaume Daver, Jean-Philip Brugal, Louise Leakey, Richard A. Mortlock, James D. Wright, Sammy Lokorodi, Christopher Kirwa, Dennis V. Kent, Hélène Roche. 2015. 3.3-million-year-old stone tools from Lomekwi 3, West Turkana, Kenya. Nature, 2015; 521 (7552): 310 DOI: 10.1038/nature14464


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