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LB1 - »Hobbit« - Homo floresiensis

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Die Gattung Mensch hat Zuwachs bekommen: Homo floresiensis war nur gut einen Meter groß und lebte vor 18.000 Jahren. Wissenschaftler haben auf der indonesischen Insel Flores ein Skelett des nur gut einen Meter großen Menschen gefunden. Das Exemplar der Spezies Homo floresiensis lebte vor 18.000 Jahren und ist das bisher kleinste bekannte Mitglied der Gattung Homo, zu der auch Homo erectus und Homo sapiens zählen. Peter Brown von der Universität in Armingdale (Australien) und seine Kollegen berichten über den Fund im Fachmagazin Nature

Auf der Suche nach Spuren der Wanderung des Homo sapiens von Asien nach Australien fand ein australisch-indonesisches Archäologenteam unter der Leitung von Mike Moorwood (University of New England, Armingdale) in einer Karsthöhle namens Liang Bua im September 2003 erstmals Fossilien des Homo floresiensis. Die gefundenen Knochen waren nicht versteinert, sondern mürbe und durchfeuchtet. Nach sehr vorsichtiger Freilegung wurden sie mehrere Tage getrocknet, anschließend mit Leim gefestigt und konnten schließlich abtransportiert werden.

Es handelte sich um einen weitgehend vollständigen Schädel, einen Oberschenkel-, einen Hüftknochen sowie Fragmente von Händen und Füßen, die alle zu einem Individuum gehören. Im Jahre 2005 wurde gemeldet, dass auch die bisher noch fehlenden Ober- und Unterarmknochen des als LB1 bezeichneten Individuums geborgen werden konnten. Das Alter der Knochen wird aufgrund der in knapp fünf Metern Tiefe liegenden Erdschicht, in der sie sich befanden, auf 18.000 Jahre geschätzt. Bei weiteren Grabungen wurden die Überreste von fünf bis sieben weiteren Individuen gefunden, die jüngsten 13.000 Jahre, die ältesten 94.000 Jahre alt. Weiter stießen die Ausgräber auf Steinwerkzeuge wie Klingen, Keile und Ahlen, Feuerstellen und verkohlte Knochen eines Komodowarans und Schädel des heute ausgestorbenen Zwergelefanten Stegodon.

Bei dem frühmenschlichen Skelett handelt es sich wahrscheinlich um die Überreste einer erwachsenen Frau. Dennoch war sie nur etwa einen Meter groß mit einem Kopf von der Größe einer Pampelmuse. Die Forscher konnten den Fund keiner bekannten menschlichen Spezies zuordnen, sondern benannten die menschliche Lebensform nach ihrem Fundort Homo floresiensis. Am Fundort stießen Wissenschaftler noch auf weitere Überreste von kleinen Frühmenschen, die wahrscheinlich bis vor etwa 12.000 Jahren gelebt haben. Es handele sich daher nicht um eine Missbildung einer bekannten Art, so die Forscher.

Die Untersuchungen durch den Paläoanthropologen Peter Brown (ebenfalls University of New England) ergaben, dass es sich bei dem ersten Fund um die Reste einer etwa 30-jährigen Frau von nur einem Meter Größe, einem geschätzten Körpergewicht von 16 bis 29 Kilogramm und einem Gehirnvolumen von etwa 380 Kubikzentimeter (vergleichbar dem von Schimpansen) handelt. Das Geschlecht wurde anhand des Hüftknochens, das Lebensalter anhand des Gebisses ermittelt. Die weiteren Funde belegen, dass die geringe Körpergröße nicht eine individuelle Anomalie darstellt, sondern offenbar die durchschnittliche Größe des Homo floresiensis.

Ähnlich klein war nur der afrikanische Australopithecus, der jedoch schon vor mindestens zwei Millionen Jahren ausstarb und ein anders geformtes Gesicht mit weit stärkerem Gebiss besaß. Das Gesicht des Homo floresiensis ist dagegen bereits menschenähnlich und erinnert, wie auch andere Merkmale, an den Homo erectus, der die Insel vermutlich vor 800.000 Jahren besiedelte. Kleinwüchsige Formen des Homo sapiens (z. B. Pygmäen) wiederum unterscheiden sich in Gehirnvolumen und Schädelaufbau kaum von den großwüchsigen. Es wird daher vermutet, dass sich der Homo floresiensis aus dem etwa 1,80 Meter großen Homo erectus zu einer Zwergenform entwickelt hat.

Aufgrund der Beifunde zeigt sich, dass der Homo floresiensis trotz seines geringen Gehirnvolumens in der Lage war, Steinwerkzeuge herzustellen und das Feuer beherrschte. Es ist auch nicht auszuschließen, dass es zu Kontakten mit dem modernen Menschen kam, der bereits vor rund 40.000 Jahren in der Region siedelte.

Ausgestorben ist der Homo floresiensis wahrscheinlich durch einen Vulkanausbruch, der sich vor rund 12.000 Jahren auf der Insel ereignete und den gesamten Regenwald verwüstete. Auch vom Stegodon sind bisher keine jüngeren Spuren gefunden worden.

Einheimische berichteten dem australischen Forscher Richard Roberts von der Universität Wollongong allerdings von sogenannten Ebu Gogo, die ihre Vorfahren noch getroffen hätten: „Die Ebu Gogo waren winzig wie kleine Kinder, außer im Gesicht komplett behaart und hatten lange Arme und einen runden Trommelbauch. Sie murmelten ständig in einer unverständlichen Sprache, plapperten aber auch nach, was wir ihnen sagten.“ Der letzte dieser Ebu Gogo soll erst kurz vor der Kolonisation der Insel durch die Holländer verschwunden sein.

Da die Funde erst seit kurzer Zeit untersucht werden, sind die Schlussfolgerungen und die Einordnung als Unterart des Homo erectus als vorläufig zu betrachten. Die Entdeckung des Homo floresiensis gilt jedoch schon heute als eine der bedeutendsten der letzten Jahrzehnte. Von besonderem Interesse ist dabei die Verbindung von geringem Hirnvolumen (weniger als die Hälfte verglichen mit dem Homo erectus und weniger als ein Viertel verglichen mit dem Homo sapiens) mit der Fähigkeit Kulturtechniken wie Werkzeugherstellung und den Gebrauch des Feuers zu beherrschen.

Peter Brown wurde, angesprochen auf die vielen offenen Fragen im Zusammenhang mit dem weiblichen Skelett, in New Scientist (18. Juni 2005) so zitiert: „Was sie uns wirklich zeigt, ist, wie wenig wir über die Evolution des Menschen wissen.“


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