sgrunden / Pixabay

Die Gattung Australopithecus

Kategorie:


Australopithecus ist der Gattungsname von mehreren aufrechtgehenden Menschenaffen, die ab dem späten Miozän in Afrika verbreitet waren. Eine der uns heute bekannten Arten steht in dringendem Verdacht - um es einmal kriminalistisch auszudrücken - der direkte Vorfahr der Gattung Homo, also von uns selbst, zu sein. Dringend tatverdächtig sind Spezies wie A. garhi, A. sediba oder A. afarensis.

Die meisten Funde von Australopithecus stammen aus dem südlichen und östlichen Afrika (es gibt nur einen einzigen Fund, der weit westlich des ostafrikanischen Rift-Valley liegt). Die frühesten Spezies sind von Fundstellen bekannt, die zwischen 4,5 und 3 Millionen Jahre alt sind, z.B. aus Tansania, Kenia und Äthiopien. Die jüngsten Mitglieder der Gattung lebten bis in das Pleistozän vor 1,5 Millionen Jahren. Ihre Überreste wurden ebenfalls in Süd- und Ostafrika gefunden.

Alle Arten der Australopitecinen haben im Vergleich zum modernen Menschen große Zähne und kleine Gehirne. Alle Mitglieder sind kleiner als der durchschnittliche moderne Mensch. Das kleinste Individuum wog etwa 30 Kilogramm, das größte etwa 85 Kilogramm. Die Arten der Gattung Australopithecus unterscheiden sich erheblich in ihrer Schädel- und Zahnanatomie. Je älter die Arten sind, umso mehr ähneln sie heute lebenden Menschenaffen.

Die jüngsten Arten sind sehr spezialisiert - in mancher Hinsicht spezialisierter als die frühen Menschen. Im Vergleich zu heute lebenden Menschenaffen haben alle Arten des Australpithecus im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht kleine Schneide- und Eckzähne (Kay, 1985). Die unteren vorderen Prämolaren dienen nicht als Schleifstein für die oberen Eckzähne. Die Backenzähne von Australopithecus variieren von groß bis sehr groß und sind mit dickem bis sehr dickem Schmelz überzogen. Sie weisen bauchige Höcker auf, ein Merkmal, das sie mit Sivapithecus aus dem Miozän teilen (ohne Verwandschaftsverhältnisse ausdrücken zu wollen).

Der Unterkiefer ist dick und hat einen hohen aufsteigenden Ast. Die Schädelproportionen von Australopithecus erinnern mit dem großen Gesicht und dem relativ kleinen Gehirn an einen Menschenaffen. Auf der anderen Seite sind die relativ kurze Schnauze (in Verbindung mit reduzierten Frontzähnen) und das ventral gelegene Foramen magnum (in Verbindung mit dem aufrechten Gang) sehr menschenähnlich.

Männer haben häufig große Nacken- und Sagittalkämme, die sich weit nach vorn erstrecken. Details der Morphologie des Gehirns von Australopithecus sind seit der ersten Entdeckung der Gattung teils heftig diskutiert worden, denn es gibt Probleme bei der Abschätzung der Körpergröße der Arten und es sind nur wenige deutliche Abdrücke an der inneren Oberfläche des Schädels erhalten.

Im Allgemeinen scheint es, dass ihre Gehirne relativ größer als die der anderen, nicht-menschlichen Primaten waren, aber viel kleiner als die der späteren Homininen oder gar der heute lebenden Menschen. Morphologisch sind ihre Gehirne in der Regel menschenaffenähnlich, mit einigen wenigen menschlichen Merkmalen (Falk, 1987).

Von fast allen Arten gibt es vereinzelte Skelettelemente und von einigen sogar relativ vollständige Skelette, besonders von A. afarensis, einer der frühesten Spezies. Wie alle späteren Hominiden war Australopithecus ein Zweibeiner. Dies ist durch viele Aspekte seines Skeletts belegt, darunter die relativ langen Beine, das kurze und breite Darmbein (Ilium) und die Winkelung des Kniegelenks. Außerdem wurde der aufrechte Gang der Australopithecinen recht drastisch durch eine ca. 20m langer Abfolge von Fußspuren bei Laetoli'>Laetoli in Tansania bestätigt. Trotzdem sind die frühen Arten von Australopithecus in vielen Eigenschaften des Skeletts, einschließlich Schulter, Hand, Fuß und auch in Einzelheiten des Beckens, Femurs und der Tibia heutigen Menschenaffen ähnlicher als dem Menschen.

Die Anatomie des Skeletts von Australopithecus ist in vielerlei Hinsicht ein Mittelding zwischen Menschenaffen und Menschen, was darauf hindeutet, dass diese frühen Homininen zwar hauptsächlich terrestrische (bodenlebende) Zweibeiner waren, aber durchaus noch geschickt in den Bäumen klettern konnten. Die Vielfalt der lokomotorischen Fähigkeiten der einzelnen Arten von Australopithecus ist schwierig zu rekonstruieren, da es bei vielen Arten an Skelett-Material mangelt und es Probleme bei der Entwicklung von Modellen mit nur einer vorhandenen Analogie, uns selbst, gibt.

Systematik und Biogeographie der Gattung Australopithecus werden durch die gleichen Faktoren erschwert, die auch bei den meisten anderen Gruppen von fossilen Primaten für Verwirrung sorgen: Schwierig zu datierende Fundorte, fragmentarische Überreste, sexueller Dimorphismus und unterschiedliche taxonomische Philosophien.

Die meisten Fachautoren erkennen fünf bis sechs Arten von Australopithecus an, dazu gehören die drei älteren und primitiveren Arten A. anamensis und A. afarensis aus Ostafrika und A. africanus aus Südafrika, sowie die stärker spezialisierten "robusten" Arten A. robustus aus dem südlichen Afrika, A. boisei und A. aethiopicus aus Ostafrika. Die robusten Arten (robustus, boisei, aethiopicus) werden oft in eine eigene Gattung Paranthropus gestellt, da es immer mehr Anzeichen dafür gibt, dass sie eine separate Linie der Homininen repräsentieren, die erst vor etwa einer Million Jahren ausstarben, als es schon lange Menschen gab.

Literatur

D. Falk. 1987. Hominid paleoneurology. Annu. Rev. Anthriopol. 16:13-30

R. F. Kay. 1985. Dental evidence for the diet of Australopithecus. Ann. Rev. Anthropol. 14:315-342


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
NDUTU
NDUTU

Homo rhodesiensis

Elemente: CRA

Ndutu, Tansania

10.12.2020
Fossilien zeigen Folgen der Ozeanerwärmung auf
Forschende aus Berlin und Großbritannien haben die ökologischen Auswirkungen einer raschen und ungewöhnlich intensiven Phase der Klimaerwärmung während der Jurazeit vor etwa 182 Millionen Jahren auf die Meeresfauna erforscht.
03.12.2020
Das älteste “Ortsnamenschild” der Welt
Wissenschaftler der Universität Bonn haben zusammen mit dem Ägyptischen Antikenministerium das älteste Ortsnamenschild der Welt entschlüsselt.
30.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
25.11.2020
Treue Paare im Regenwald
Rote Springaffen verzichten auf Seitensprünge.
24.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Millionen Jahren als Ursache für die Ausbreitung der weithin bekannten Langhalssaurier (Sauropoden).
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge so nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten.
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde sich nur teilweise mit der des Menschen deckt.
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten menschlichen Fossils, das bis jetzt in der Mongolei gefunden wurde, analysiert: Die 34.000 Jahre alte Frau hatte rund 25 Prozent ihrer DNA von Westeurasiern geerbt.
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler durch Experimente mit einer künstlichen Grammatik herausgefunden. Daraus lässt sich schliessen, dass diese Fähigkeit auf gemeinsame Vorfahren zurückgeht.
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und den vorgelagerten Steppen durch bronzezeitliche Viehhalter im heutigen Süden Russlands.
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde im vergangenen Jahrtausend ausgerottet.
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp berichtet über einen Reaktionsweg, bei dem sich Zucker an Mineralien ohne Wasser bilden.
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht.
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht und weitestgehend rekonstruieren können. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die Evolution der Arten während der Kreidezeit zu.
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, untersuchten über 60 verschiedene säbelzahntragende Tierarten.
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in der Zeitschrift Science Advances, veröffentlichte Studie ca.
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat die Y-Chromosomen-Sequenzen von drei Neandertalern und zwei Denisova-Menschen bestimmt.
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabungen durch.
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzögertes Wachstum und gesundheitliche Probleme können die Folgen sein.
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspermien. Offenbar hatte das winzige Krustentier sich kurz zuvor gepaart, ehe es im Baumharz eingeschlossen wurde.
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) hat den Einfluss der Umweltvariabilität auf das Verhaltensrepertoire von 144 sozialen Gruppen untersucht.
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa.