Mutt / CC BY-SA 4.0

Zhoukoudian


Datei:Zhoukoudian Caves July2004.jpg
Höhle von Zhoukoudian, Fundstelle des Peking-Menschen (Aufnahme Juli 2004)

Zhōukǒudiàn (chinesisch 周口店地区) oder Choukoutien oder Chou Kou Tien ist ein Stadtunterbezirk des Stadtbezirks Fangshan (房山区) der chinesischen Hauptstadt Peking. Er liegt etwa 42 km südwestlich des Stadtzentrums. Zhoukoudian ist bekannt für das dort befindliche Höhlensystem.

Bedeutung erlangten mehrere Höhlen durch die Entdeckung von fossilen Frühmenschen und von nahezu 100 Tierarten. Unter anderem wurden hier bis 1966 die Reste von etwa 45 sogenannten Peking-Menschen (Homo erectus), die Fossilien des Shandingdong-Menschen („Upper Cave Man“) sowie zehntausende Steinwerkzeuge gefunden.

Der Name des Hügels Longgushan über den Höhlen kann mit Drachenknochen-Hügel übersetzt werden. Dies ist eine Bezeichnung für die Verwendung von Fossilien in der Chinesischen Medizin.

Geschichte der wissenschaftlichen Entdeckung

Lange als Quelle für „Drachenknochen“ bekannt, ahnte der Schwede Johan Gunnar Andersson, Bergbauberater der chinesischen Regierung, die mögliche Bedeutung der Höhlen und führte selbst 1918 sowie 1921 mit dem Österreicher Otto Zdansky (auch: Otto Stausky) Ausgrabungen durch.

Nachbildung des ersten, 1929 entdeckten Schädels eines Peking-Menschen

Die geologische Behörde Chinas begann 1921 mit Ausgrabungen in der Unteren Höhle, unter der Leitung von Otto Zdansky. 1921 und im Sommer 1926 entdeckte sein Team einen oberen Molaren und einen unteren Prämolaren. 1927 beschrieb Zdansky diese fossilen Zähne im Bulletin of the Geological Survey, China als zugehörig zur Gattung Homo. Daraufhin warb der kanadische Arzt Davidson Black, der in Peking als Professor für Neuroanatomie und Embryologie tätig war, eine großzügige Zuwendung der Rockefeller-Stiftung ein und begann 1927 mit eigenen Ausgrabungen. Nachdem auch er einen Zahn gefunden und als nicht dem Homo sapiens zugehörig identifiziert hatte, benannte er eine neue Gattung und Art, die er Sinanthropus pekinensis („Peking-Mensch“) nannte (heute wie der „Java-Mensch“ bei Homo erectus eingeordnet). 1929 fanden Pei Wenzhong (1904–1982) und andere aus Blacks Team einen gut erhaltenen Schädel, bei dem bis auf die Gesichtsknochen und den Oberkiefer fast alle Knochen erhalten geblieben waren.

Klüfte im Kalkstein enthielten Ablagerungen des mittleren Pleistozän mit den Resten von vermutlich mehr als 40 Individuen, sowie fossile Knochen von Tieren, frühe Werkzeuge (Chopping Tools) und Abschläge, die bei ihrer Herstellung angefallen waren. Die ältesten waren vermutlich mehr als 400.000 Jahre alt.[1] Im Jungpaläolithikum wurde das Höhlensystem durch Homo sapiens wieder genutzt; ihn zugeschrieben wird beispielsweise ein rund 40.000 Jahre altes Unterkieferfragment aus der Tianyuan-Höhle.

Im Dezember 1941 wurden während der Kriegswirren alle bisher gefundenen Teile der altsteinzeitlichen Fossilien der Peking-Menschen in Kisten verpackt, um in die USA transportiert zu werden. Nur zwei Zähne waren schon früher nach Schweden geschickt worden. Zum Abtransport kam es wegen der japanischen Invasion Chinas nicht mehr. Eine Theorie geht davon aus, dass Japaner die Holzkisten nach Japan bringen wollten, diese jedoch bei einem Angriff zerstört wurden. Als eine andere Hypothese wird genannt, dass die Fossilien als „Drachenknochen“ auf dem lokalen Markt gelandet sind. Von den damaligen Funden existieren nur noch Gips-Abgüsse und genaue Zeichnungen der Funde.

In der Umgebung sind auch heute noch weiterhin wissenschaftliche Teams beschäftigt, wobei neue Höhlen mit derzeit noch nicht identifizierten Funden entdeckt wurden.

Die Höhlen als Lebensort

Die Höhlen von Zhoukoudian werden häufig als einer der ersten Belege für die Benutzung des Feuers durch Menschen genannt. Während inzwischen ältere Feuerstätten gefunden wurden, bezweifeln Noel Boaz und Russel Ciochon die Kontrolle über das Feuer in den Höhlen von Zhoukoudian. Sie stellen die Altsteinzeit-Bewohner als Aasfresser dar, die – ihrer Theorie nach – nicht dort gelebt haben, sondern von Hyänen als Futter in die Höhle verschleppt wurden. Eine regelmäßige Feuernutzung konnte von Brandspur-Experten des Teams nicht festgestellt werden.

Aufnahme in das Weltkulturerbe

In den 1960er-Jahren wurde Zhoukoudian durch den chinesischen Staatsrat als bedeutendes kulturelles Relikt aufgeführt. 1987 wurde der Fundort von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Der Ort sei nicht nur ein Gedenkort für die prähistorische Geschichte Asiens, sondern illustriere auch den Prozess der Evolution.

Weiteres

Der Krater Choukoutien auf dem Asteroiden (243) Ida wurde nach der Höhle benannt.

Einzelnachweise

  1. Peter Brown: Chinese Middle Pleistocene hominids and modern human origins in east Asia. In: Lawrence Barham und Kate Robson Brown (Hrsg.): Human Roots. Africa and Asia in the Middle Pleistocene. Western Academic & Specialist Publishers, Bristol 2001, S. 140–141, ISBN 978-0-9535418-4-3, Volltext (PDF; 3,5 MB)

Literatur

  • Noel T. Boaz, Russell L. Ciochon: Dragon Bone Hill: An Ice-Age Saga of Homo erectus Oxford University Press, New York 2004 ISBN 0-19-515291-3
  • Deborah A. Bakken: Taphonomic Parameters of Pleistocene Hominid Sites in China (Online)
  • Franz Weidenreich: The Skull of Sinanthropus pekinensis; A Comparative Study on a Primitive Hominid Skull. 1943 (archive.org)

Belletristik

Weblinks

 <Lang> Commons: Zhoukoudian – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

39.689166666667115.92388888889Koordinaten: 39° 41′ 21″ N, 115° 55′ 26″ O


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...