Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens

Presseldung vom 12.10.2020


Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam sollen sie rund 3000 Jahre alt sein. Der Fund legt nahe, dass sich die aufkommenden Reitertruppen Zentralasiens mit Ballspielen fit hielten

Ballspiele gehören heute zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen, Sportarten zur Massenunter-haltung und Geschäftsfeldern der Welt. Aber wer erfand überhaupt Bälle, wo und wann? Die ältesten, derzeit bekannten Bälle wurden aus Leinen vor ungefähr 4500 Jahren in Ägypten gemacht. Mittel-amerikaner spielten Bälle seit mindestens 3700 Jahren, wie aus monumentalen Stadien aus Stein und Darstellungen von Ballspielern zu schliessen ist. Ihre ältesten Bälle waren aus Gummi. Bisher glaubte man, dass Europa und Asien erst viel später folgten: Griechenland vor rund 2500 Jahren und China etwa 300 Jahre später.


Gaochang, Turpan oder Turfan, Xinjiang, China

Publikation:


Patrick Wertmann, Xinyong Chen, Xiao Li, Pavel E. Tarasov, Mayke Wagner
New evidence for ball games in Eurasia from ca. 3000-year-old Yanghai tombs in the Turfan depression of Northwest China
Journal of Archaeological Science, September 2020

DOI: 10.1016/j.jasrep.2020.102576



Älteste bekannte Bälle in Eurasien

Wissenschaftler der Universität Zürich haben nun zusammen mit deutschen und chinesischen For-schenden drei Lederbälle mit Durchmessern zwischen 7,4 und 9,2 cm in Gräbern des alten Friedhofs Yanghai in der Nähe der Stadt Turfan im Nordwesten Chinas genauer untersucht. Die Forschungsergebnisse enthüllen ein Alter zwischen 3200 und 2900 Jahren für diese Bälle. «Damit sind diese Bälle etwa fünf Jahrhunderte älter als die bisher bekannten antiken Bälle und Darstellungen von Ballspielen in Eurasien», sagt Erstautor Patrick Wertmann vom Asien-Orient-Institut der Universität Zürich. «Lei-der reichen die zugehörigen archäologischen Informationen jedoch nicht aus, um die Frage zu be-antworten, wie diese Bälle genau eingesetzt wurden.»


Die drei Lederbälle mit Durchmessern zwischen 7,4 und 9,2 cm sind zwischen 3200 und 2900 Jahre alt.

Die frühesten Bilder aus Griechenland zeigen laufende und die aus China reitende Spieler mit Stöcken. Vergleichbare gebogene Stöcke wurden zwar auch in Yanghai gefunden, jedoch nicht in direk-ter Verbindung mit den Bällen. Zudem sind sie auf einen jüngeren Zeitraum datiert. «Daher erweitern die Yanghai-Lederbälle weder die Geschichte von Hockey noch von Polo, auch wenn zwei der Bälle in Gräbern von Reitern gefunden wurden», so Wertmann.



Neue Ära der zentralasiatischen Reitertruppen

In einem der Reitergräber haben sich die Überreste eines Kompositbogens und von Hosen (1) erhalten, die damals in der Region hergestellt wurden und zu den ältesten der Welt gehören. Beides sind Anzeichen für eine neue Ära des Reitens, des Kampfes zu Pferd und grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen, die damals mit zunehmenden Klimaveränderungen und steigender Mobilität im östlichen Zentralasien einhergingen. Die aktuelle Studie zeigt, dass Bälle und Ballspiele als eine Form der körperlichen Ertüchtigung und des militärischen Trainings von Anfang an dazugehörten. Genau wie heute war Sport aber auch zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und diente der allgemeinen Unterhaltung. Die Studienergebnisse unterstreichen einmal mehr, dass diese Region vor mehreren Jahrtausenden eines der innovativen Zentren Eurasiens war.


Info
SNF-Forschungsprojekt „Sino-Indo-Iranica rediviva“ und BMBF-Forschungsprojekt „Silk Road Fashion“


Diese Publikation ist Teil des Forschungsprojekts „Sino-Indo-Iranica rediviva – Early Eurasian migratory terms in Chinese and their cultural implications“ des Asien-Orient-Instituts der Universität Zürich, das durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert wird, und ein Beitrag zum Projekt „Silk Road Fashion“ der Aussenstelle Peking der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI).

Im Rahmen des Projekts „Sino-Indo-Iranica rediviva“ wird anhand von sprachlichen, historischen und archäologischen Daten der früheste Austausch von materiellen Gütern zwischen Zentralasien und China untersucht.

An dem Projekt beteiligt sind Wissenschaftler der Universität Zürich, des Deutschen Archäologischen Instituts, der Freien Universität Berlin, des Museums der Autonomen Region der Uiguren Xinjiang, der Academia Turfanica und der Renmin-Universität Peking.


Diese Newsmeldung wurde mit Material der Universität Zürich via Informationsdienst Wissenschaft ertellt


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