Homo naledi - ein neuer Verwandter des modernen Menschen

Presseldung vom 11.09.2015


Wissenschaftler haben in einer Höhle in Südafrika die fossilen Überreste einer bisher unbekannten Menschenart entdeckt

Die University of the Witwatersrand in Südafrika, die National Geographic Society und das South African Department of Science and Technology/National Research Foundation (DST/NRF) geben am 10. September 2015 die Entdeckung einer neuen Menschenart bekannt. Diese wird zu neuen Erkenntnissen über den Ursprung und die Diversität unserer Gattung beitragen. Darüber hinaus scheint Homo naledi die Körper seiner Verstorbenen bewusst in einem abgelegenen Höhlenraum abgelegt zu haben. Eine Bestattung von Toten hatten Wissenschaftler bisher nur dem modernen Menschen und dem Neandertaler zugeschrieben. An der Studie waren auch Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beteiligt.

Bei der Entdeckung, die aus mehr als 1.550 inventarisierten Fossilienteilen besteht, handelt es sich um den bisher größten zusammengehörigen Fund fossiler menschlicher Überreste auf dem afrikanischen Kontinent. Entdeckt wurden die Fossilien im Jahre 2013 in der Höhle Rising Star ("Aufgehender Stern") im Nordwesten von Johannesburg in Südafrika von Wissenschaftlern der Universität Witwatersrand. Die Überreste befanden sich in einer Kammer, die etwa 90 Meter vom Höhleneingang entfernt war und nur über eine so schmale Rinne zugänglich war, dass ein Spezialteam von besonders schlanken Personen mit der Bergung beauftragt werden musste.

Das Forschungsteam hat bisher die Überreste von mindestens 15 Individuen derselben Art geborgen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich nur um einen Bruchteil der Fossilien, die sich in der Kammer befinden. „Fast alle Knochen des Körpers liegen uns mehrfach vor, sodass Homo naledi uns bereits jetzt schon besser bekannt ist, als alle anderen fossilen Vertreter unserer Abstammungslinie“, sagt Teamleiter Lee Berger, Professor an der Universität Witwatersrand und Forscher für National Geographic, der die beiden Expeditionen zur Entdeckung und Bergung der Fossilien leitete. „Das ist ein ungemein wichtiger Fund“, sagt Terry Garcia von der National Geographic Society, die das Projekt wesentlich unterstützte.

Homo naledi wurde nach der Rising Star-Höhle benannt, in der er gefunden wurde – „naledi“ bedeutet „Stern“ auf Sosotho, einer in der Region gesprochenen Sprache. „Homo naledi ähnelt den frühesten Vertretern unserer Gattung, zeigt aber auch einige überraschend menschenähnliche Eigenschaften, die ihm seinen Platz innerhalb der Gattung Homo sichern“, sagt John Hawks von der University of Wisconsin in Madison in den USA. „Homo naledi hatte ein winziges Gehirn von der Größe einer Orange und einen sehr grazilen Körperbau.“ Homo naledi war im Durchschnitt etwa 1,50 Meter groß und wog etwa 45 Kilogramm.

Die Zähne unseres neuen Verwandten sowie die meisten anderen Eigenschaften seines Schädels ähneln denen der frühesten Vertreter unserer Gattung, wie zum Beispiel Homo habilis. „Einige Eigenschaften seiner Zähne, wie die mehrwurzeligen unteren Prämolaren (die vorderen Backenzähne), sind für unsere Gattung eher primitiv und zeigen, dass es sich bei ihm nicht um einen modernen Vertreter der menschlichen Gattung handelt“, sagt Matthew Skinner, der an der Universität Kent in Großbritannien und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht. Die Schultern hingegen ähneln eher denen von Menschenaffen. „Seine Hände konnten Werkzeuge benutzen“, sagt Tracy Kivell, die ebenfalls an der Universität Kent und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie tätig ist. „Überraschenderweise sind die Finger von Homo naledi stärker gebogen als die der meisten anderen frühen Homininen. Das deutet darauf hin, dass er klettern konnte.“

„Im Gegensatz dazu sind die Füße von Homo naledi kaum von denen eines modernen Menschen zu unterscheiden”, sagt William Harcourt-Smith vom Lehman College, CUNY, und dem American Museum of Natural History. Dies und seine langen Beine zeigen, dass er lange Strecken zu Fuß zurücklegen konnte. „Die Kombination der anatomischen Eigenschaften von Homo naledi unterscheidet ihn von allen bisher bekannten Menschenarten“, sagt Berger.

Auch die Umstände der Entdeckung waren äußerst bemerkenswert. Aus ihnen folgerten die Forscher, dass dieser eher primitiv wirkende Hominine seine Toten bewusst beseitigt hat – ein Verhalten, dass bisher als für den Menschen einzigartig betrachtet wurde. Die Fossilien, die die Forscher später Kleinkindern, Kindern, Erwachsenen und alten Personen zuordnen konnten, wurden in einem tief gelegenen Raum gefunden, der von dem Team Dinaledi-Kammer – Sesotho für „Kammer der Sterne“ – genannt wurde. Dieser Raum ist „immer von den anderen Kammern isoliert gewesen und war zur Oberfläche hin niemals direkt offen“, sagt Paul Dirks von der James Cook Universität in Australien. „Nahezu ausschließlich die fossilen Überreste von Homo naledi wurden in dieser abgelegenen Kammer gefunden, Fossilien von größeren Tieren fehlen gänzlich.“

Der Ort war so entlegen, dass von den mehr als 1.550 geborgenen Fossilienteilen nur etwa ein Dutzend nicht homininen Ursprungs ist. Diese wenigen Teile sind Überreste von Mäusen und Vögeln, die zufällig in die Kammer gerieten. „Solch eine Situation ist im Fossilbericht des Menschen einmalig“, sagt Hawks. Die Knochen tragen keinerlei Spuren von Aasfressern und Raubtieren. Nichts deutet darauf hin, dass Tiere oder natürliche Prozesse, wie zum Beispiel fließendes Wasser, diese Individuen in die Kammer transportiert haben könnten. „Wir sind zahlreiche Szenarien durchgegangen: beispielsweise ein Massensterben, ein unbekanntes Raubtier, der Transport von einem anderen Ort in die Kammer mithilfe von Wasser oder der Unfalltod in einer Todesfalle“, sagt Berger. „Nachdem wir alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen hatten, blieb uns als plausibelste Variante nur die bewusste Beseitigung der Toten durch Homo naledi.“

Die Fossilien wurden im Rahmen zweier Expeditionen, der so genannten „Rising Star Expeditions“, im November 2013 und im März 2014 geborgen. Auf der ersten Expedition, die 21 Tage dauerte, arbeiteten mehr als 60 Höhlenforscher und Wissenschaftler „unter den schwierigsten und gefährlichsten Bedingungen, die jemals bei der Suche nach den menschlichen Ursprüngen vorgefunden wurden“, so Marina Elliott, eine an der Ausgrabung beteiligte Wissenschaftlerin. Eliott war eine von sechs Frauen, die als „Untergrund-Astronauten“ aus einer weltweiten Kandidatengruppe ausgewählt wurde. Berger hatte zuvor über die sozialen Medien nach erfahrenen Wissenschaftlern und Höhlenforschern gesucht, die durch den 18 Zentimeter breiten Höhleneingang passen. Die sozialen Medien spielten auch im weiteren Verlauf des Projekts eine Rolle, als das Team die breite Öffentlichkeit, Schulkinder und Wissenschaftler über die Fortschritte der Expedition informierte.

Die Fossilien wurden im Mai 2014 im Rahmen eines ganz besonderen Workshops analysiert. Mehr als 50 erfahrene Forscher, darunter auch 35 Nachwuchswissenschaftler, untersuchten gemeinsam diese Fossilien-Schatzgrube. „Dies war das erste Mal in der Paläoanthropologie, dass Fossilien von Homininen auf diese Art und Weise erforscht wurden. Es war eine unbeschreibliche und produktive Erfahrung“, sagt Kivell, die gemeinsam mit Skinner an dem Workshop teilgenommen hat.

Die Höhle Rising Star hält noch weitere Entdeckungen bereit. „Diese Kammer hat noch nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben“, sagt Berger. „Es befinden sich dort unten möglicherweise noch hunderte, wenn nicht sogar tausende Überreste von Homo naledi“.


Diese Newsmeldung wurde mit Material von idw-online erstellt


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