Paläo-Fundorte: Neuwarendorf

Fundort: Neuwarendorf, Warendorf, Westfalen-Lippe, Kottruper Seen, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
Spezies: Homo neanderthalensis
Fossil: rechtes Scheitelbein
Geschätztes Alter: 31.790 Jahre
Koordinaten: 51.963001° N, 7.945000° E

An den heutigen Kottruper Seen wird seit 1899 Sand abgebaut. Nachdem immer wieder archäologische Funde geborgen wurden, fanden in den 1950er-Jahren die ersten systematischen Grabungen statt.

Die Auswertungen der Ausgrabungen zeigen, dass Menschen das Gebiet um Neuwarendorf seit 115.000 Jahren immer wieder aufsuchten. Damit ist Neuwarendorf ein Fundort, an dem Erkenntnisse zu vielen verschiedenen Epochen möglich sind.

Der Neandertaler von Neuwarendorf

1995 fand ein Privatsammler aufseheneregende Knochen: Auf einem seiner Streifzüge stieß er auf eiszeitliche Überreste von Moschusochsen, Wollnashörnern, Wildpferden und Mammuts. Seine wichtigsten Funde aber waren ein Fragment eines menschlichen Schädels sowie mittelpaläolithische Steinwerkzeuge.

Das Schädelfragment identifizierte man als rechtes Scheitelbein (Os parietale). Nach genauen Untersuchungen stellte man sogar eine große Ähnlichkeit mit dem Schädeldach aus dem Neandertal fest, das 1856 in der Kleinen Feldhofer Grotte gefunden wurde. Das Neuwarendorfer Schädelfragment gehörte einem Menschen, der nur 20 bis 30 Jahre alt geworden ist. Das Fragment weist auf eine Verletzung der Kopfhaut mit anschließender Hirnhautentzündung hin. Ob er daran auch gestorben ist, muß Spekulation bleiben. Der Neandertaler von Neuwarendorf lebte in einer Warmphase der letzen Eiszeit und gehört zu den nordlichsten Nachweisen für diese Menschenform in Europa

Jüngere Funde

Ausstellung Neuwarendorf
Das Gräberfeld von Neuwarendorf im LWL-Archäologiemuseum in Herne.

Neben den Funden des Mittelpaläolithikums fand man in Neuwarendorf das größte zusammenhängende Gräberfeld der Bronze- und Eisenzeit (3000 bis 50 v. Chr.) in Nordwesteuropa. Es wurde auf einer Fläche von über acht Hektar von 1975 bis 1987 freigelegt. Hier verbrannten Angehörige ihre Toten und bestatteten sie in Urnen aus Ton. Die Gräber kennzeichneten sie mit Hügeln und Grabenanlagen. Die größten sind 35 Meter lang. In einigen Anlagen fanden die Archäologen auch Reste von aufwändigen Holzbauten. Durch das Gräberfeld führte eine rund zehn Meter breite Straße, an der sich viele der aufwändigeren Grabanlagen ausrichteten.

Die unterschiedlichen Bestattungsarten, Knochen und Grabbeigaben wie Schmuck, Keramikgefäße, Waffen, Bernstein und Brot erzählen den Archäologen die Geschichten einzelner Verstorbener und geben Hinweise auf die Entwicklung der Gemeinschaft insgesamt. So lag in einem Grab der Leichenbrand einer jungen Frau, die im Alter von etwa 20 Jahren gestorben ist. Sie hatte starke Karies und litt an Eisenmangel. Als sie vor 3000 Jahren starb, wurde sie verbrannt und in einer Urne in einem kleinen Totentempel beigesetzt. Darüber häufte man einen Erdhügel und fasste diesen mit einem Graben ein.

Aufgrund seiner Größe und seiner überregionalen Bedeutung ist das Neuwarendorfer Gräberfeld im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne ausgestellt. Hier ist der Friedhof als begehbares Modell gestaltet.

Weblink: André de Saint-Paul's Foto von der Fundumgebung.

Weblink: Pressemitteilung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe: Die Toten von Neuwarendorf.


Literatur

  • Czarnetzky, A., Rüschoff-Thale, B. 2006. Schädelfragment eines Neandertalers aus Neuwarendorf, Nordrhein-Westfalen (Deutschland) In: Roots/Wurzeln der Menscheit, Katalog zur Ausstellung im Rheinischen LandesMuseum Bonn, p 319. ISBN-10: 3-8053-3602-0

Koordinaten von fossilized.org


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
STW 409
STW 409

Australopithecus africanus

Elemente: L. LM1

Sterkfontein , Südafrika

08.04.2021
Erbgut der frühesten Europäer
Alte Genome werfen neues Licht auf die frühesten Europäer und ihre Beziehungen zu den Neandertalern.
08.04.2021
Bisher ältestes Genom moderner Menschen rekonstruiert
Team zweier Max-Planck-Institute und der Universität Tübingen datiert fossilen Schädel aus Tschechien anhand von eingekreuzten Neandertalergenen. Alter von mehr als 45.000 Jahren bestimmt.
07.04.2021
Auf der Suche nach dem ersten Bakterium
Wie sah der Ahnherr aller Bakterien aus, wo lebte er und wie ernährte er sich Auf diese Fragen fand nun ein Forschungsteam Antworten.
05.04.2021
Menschheitsgeschichte: Früher Homo sapiens im Outback Afrikas
Ein internationales Forschungsteam liefert erstmals mehr als 100.000 Jahre alte Belege für moderne Menschen in der Kalahari-Wüste im Landesinneren Afrikas.
02.04.2021
Voraussetzungen für Leben schon vor 3,5 Milliarden Jahren
Mikrobielles Leben hatte auf unserem Planeten bereits vor 3,5 Milliarden Jahren die nötigen Rahmenbedingungen, um zu existieren.
02.04.2021
Jäger und Sammler, aber keine Fischer
Eine Eiszeit trieb Menschen vor 27.000 Jahren nach Südeuropa – Anhand detaillierter Knochenanalysen konnte nun ihr Speiseplan rekonstruiert werden.
30.03.2021
Menschenaffen erfinden das Rad immer wieder neu
Menschenaffen geben ihre Verhaltensweisen nicht an die nächste Generation weiter.
30.03.2021
Das Hirnareal, mit dem wir die Welt interpretieren
Sprache, Einfühlungsvermögen, Aufmerksamkeit – so unterschiedlich diese Fähigkeiten auch sein mögen, eine Hirnregion ist eingebunden in all diese Prozesse: Der Lobus parietalis inferior, kurz IPL.