Juan Carlos Fonseca Mata / Wikimedia Commons

Primaten aus dem Eozän und Oligozän in Afrika

Kategorie:


In Sedimentablagerungen in Ägypten, genannt Fayum-Senke, etwa 60 Kilometer südlich der Pyramiden von Gizeh nahe Kairo, fanden Forscher die frühesten Altweltprimaten (Catarrhini). Die Sedimente bezeichnet man als Jebel Qatrani Formation; hier entdeckte man neben Primaten noch Fossilien zahlreicher anderer Säugetiere, Vögel, Reptilien und Pflanzen. Neue Datierungen aus den 1990-er Jahren zeigen, dass die Sedimente zwischen 31 und 40 Millionen Jahre alt sind. Die geologisch ältesten Primaten aus Fayum stammen somit aus dem späten Eozän. Zu dieser Zeit war Afrika von Eurasien durch das Urmeer Tethys abgeschnitten und die Fayum-Primaten lebten in tropischen Wäldern in der Nähe der Mündung eines großen Fluss-Systems.


Ein sehr schöner Primate aus dem Eozän: Darwinius masillae, genannt "Ida".

Primaten wurden in dieser an Fossilien reichen Gegend erstmals im Jahr 1906 entdeckt. Die Auffächerung (Radiation) der afrikanischen Primaten muss sich spätestens am Ende des Eozäns vollzogen haben - vielleicht schon viel früher - weil das Dutzend Arten aus dem Oligozän zu nicht weniger als fünf verschiedenen Familien gehört. Darüber hinaus wurden schlecht erhaltenen Exemplare, die Euprimaten sein könnten, in Marokko und Algerien gefunden.

Ende der 1980-er Jahre fand man Überreste von Primaten in Ablagerungen der Fayum-Senke, die wahrscheinlich in das späte Eozän datieren. Der Schädel einer dieser Formen, bekannt als Catopithecus, zeigt bereits markante anthropoide Merkmale, wie z.B. eine postorbitale Schließung

Ebenso ähnelt die Gehör-Region den späteren Anthropoiden. Von den in das früheste Oligozän datierten Fundstellen der Fayum stammen zwei Gattungen: Oligopithecus und Qatrania. Erstere gleicht den späteren Fayum-Anthropoiden Aegyptopithecus und Propliopithecus in der Struktur der Eckzähne und Prämolaren. Ähnlichkeiten mit älteren, aber wenig bekannten ostasiatischen Gattungen, Amphipithecus und Pondaungia (Familie Amphipithecidae) aus dem Eozän, könnten auf einen süd-eurasischen Ursprung der Fayum-Primaten hindeuten, doch die meisten Autoren halten eine afrikanische Herkunft für wahrscheinlicher. Neben dieser mögliche Gruppe von frühen Catarrhini (Altweltaffen), repräsentiert durch Oligopithecus, Catopithecus, Propliopithecus und Aegyptopithecus, gibt es eine weitere, separate und eigenständige Familie (Parapithecidae), die ebenfalls zu den Anthropoidea gehört und in der Fayum durch die Gattungen Qatrania, Parapithecus und Apidium vertreten ist.

Apidium

Die Zähne und und das postcraniale Skelett von Apidium ähneln denen von Altweltaffen. Die unteren Backenzähne von Parapithecus und dem primitiven Apidium ähneln denen von Meerkatzen (Cercopithecus). Apidium hatte Backenzähne mit mehreren, kleinen Höckern und teilweise einem Muster, das ebenfalls stark an heutige Altweltaffen erinnert. Einige Autoren sind der Meinung, dass dies gemeinsame, abgeleitete Merkmale sind. Das postcraniale Skelett von Apidium legt nahe, dass dieser Primate ein aktiver Springer war und in Fluss- und Mangrovenwäldern lebte, ein Lebensraum, wie ihn heute die südamerikanischen Springaffen (Callicebus) besetzen. Die Füße von Apidium ähnelten denen einiger heutiger Lemuren und einigen Altweltaffen. Allerdings sind viele der Ähnlichkeiten im Körperbau zwischen Apidium und Neuweltaffen nur die Beibehaltung primitiver Merkmale oder sind auf konvergente Anpassungen im Zusammenhang mit einer springenden Lebensweise zurückzuführen.

Aegyptopithecus

Aegyptopithecus und Propliopithecus aus der Fayum erinnern in Bezug auf ihr Gebiss an Menschenaffen und werden von einigen Autoren als die frühesten Mitglieder der Hominoidea bezeichnet, eine taxonomische Gruppe, zu der Menschenaffen und Menschen gehören, andere stufen sie schlicht als primitive Catarrhini ein. Aegyptopithecus ist der bekannteste, oligozäne Anthropoide. Zähne und Skelett deuten darauf hin, dass er (oder ein ähnlicher Primat) ein Vorläufer von Proconsul war, der heute weitgehend als Vorfahr der Menschenaffen akzeptiert ist. Die Familie Proconsulidae scheint der Mainstream der Menschenaffenevolution zu sein, aus dem auch die menschliche Abstammungslinie im späten Miozän oder Pliozän hervorging. Aegyptopithecus lebte mit Sicherheit in den hohen Bäumen eines Monsunregenwalds, wo es Früchte im Überfluss gab. Er war also ein frugivorer Vierbeiner mit Anpassungen für das Klettern und Springen. Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Körperbau, der Eckzähne und der Größe der Kiefer legen nahe, dass Aegyptopithecus in einem polygynen, sozialen System lebte.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
KNM-RU 1803
KNM-RU 1803

Proconsul nyanzae

Elemente: UI1-M2

Rusinga Island, Kenia

04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
Protokolle zur Umwandlung von pluripotenten Stammzellen (iPSC) in Organoide, Mini-Organe, ermöglichen es Forschern Entwicklungsprozesse in verschiede...
17.06.2020
Ein Neandertaler aus der Tschagyrskaja-Höhle
Bisher hatten Forschende die Genome von zwei Neandertalern in einer hohen Qualität sequenziert. Einer dieser beiden Neandertaler stammte aus der Vind...
17.06.2020
Beeindruckende Zeugnisse des Krieges
Schon vor mehr als 3000 Jahren gab es Krieg: Der nun abgeschlossene LOEWE-Schwerpunkt „Prähistorische Konfliktforschung“ von Goethe-Universität ...
17.06.2020
Historisches Superfood: Grünkern wussten schon die Kelten zu schätzen
Bislang ältester Grünkernfund: Forschung der Uni Hohenheim weist erstmals nach, dass es sich bei Funden aus Keltensiedlung von Hochdorf um bis heute...
29.05.2020
Wer waren die Kanaaniter?
Die Menschen, die in dem als Südlevante bekannten Gebiet – das heute als Israel, Jordanien, Libanon und Teile Syriens bekannt ist – um 3.500 bis ...
29.05.2020
Frauen mit Neandertal-Gen bringen mehr Kinder zur Welt
Eine von drei Frauen in Europa hat den Rezeptor für Progesteron von Neandertalern geerbt - eine Genvariante, die mit erhöhter Fruchtbarkeit, weniger...
20.05.2020
300.000 Jahre alter Elefant aus Schöningen fast vollständig erhalten
Was am Seeufer geschah: Archäologen dokumentieren Spuren von Steinzeitmenschen und Fußabdrücke von Elefanten.
12.05.2020
Ältester Homo sapiens Europas lebte im Jungpaläolithikum
Ein internationales Forschungsteam berichtet über neue Fossilien des Homo sapiens aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien. Diese wurden auf ein Alter ...
23.04.2020
Evolutionäre Wurzeln des Sprachnetzwerks im Gehirn entdeckt
Das Sprachnetzwerk im Gehirn von Menschen hat einen früheren evolutionären Ursprung als bislang angenommen. Die Wurzeln der für die Sprache entsche...
21.04.2020
Das menschliche Gebiss als Spiegel unserer Evolution
Wissenschaftler der Universität Tübingen ermitteln, welche Eigenschaften der Zähne zur Rekonstruktion genetischer Verwandtschaft genutzt werden kö...
21.04.2020
300.000 Jahre alter Wurfstock dokumentiert die Evolution der Jagd
Eiszeitmenschen aus Schöningen setzten Holzwaffen bei der Jagd auf Wasservögel und Pferde ein.
09.04.2020
Landwirtschaft begann im Amazonas vor 10.000 Jahren
Wie eine neue Studie zeigt, begannen die Menschen vor mehr als 10’000 Jahren im Südwesten des Amazonas mit dem Anbau von Maniok und Kürbissen, 8&#...
27.03.2020
Auch Neandertaler aßen Muscheln, Fisch und Robben
Bereits die Neandertaler ernährten sich vor über 80.000 Jahren regelmäßig von Muscheln, Fisch und anderen Meeresbewohnern. Den ersten umfangreiche...