Millenium-Mann war ein baumlebender Zweibeiner

Presseldung vom 05.12.2013


Analyse des Oberschenkelknochens von Orrorin tugenensis zeigt, dass er sich zweibeinig im Geäst fortbewegte

Eine neue Analyse der Oberschenkelknochen eines der ältesten Vorfahren des Menschen, dem "Millenium-Mann" (Orrorin tugenensis), zeigt, dass der Hominine zwar ein Zweibeiner war, aber trotzdem die meiste Zeit in den Bäumen verbrachte. Die Forschungsergebnisse eines internationalen Teams aus Paläoanthropologen unter der Leitung von Forschern der Stony Brook University könnten zusätzliche Einblicke in die Ursprünge des aufrechten Gangs liefern. Die Arbeit wurde in Nature Communications veröffentlicht.

Mit ihrer Forschungsarbeit mit dem Titel "The femur of Orrorin tugenensis exhibits morphometric affinities with both Micoene apes and later hominins," versuchen Dr. Sergio Almécija von der Abteilung für Anatomische Wissenschaften an der Stony Brook University School of Medicine und seine Co-Autoren den Platz von Orrorin tugenensis in der Evolution des Menschen und der Menschenaffen zu klären.

Das Team führte morphometrische 3D-Analysen über die Form und Beschaffenheit des Oberschenkelknochens von Orrorin durch, wobei sich dessen Morphologie als ein "Mittelding" zwischen fossilen Menschenaffen und späteren menschlichen Vorfahren (Homininen) entpuppte. Die Erkenntnisse eröffnen einen neuen Weg in der Evolutionsforschung hinsichtlich des aufrechten Gangs, da sie zeigen, dass sich Homininen und heutige Menschenaffen in verschiedene Richtungen aus den Menschenaffen des Miozäns (eine erdgeschichtliche Epoche vor 23 bis 5 Millionen Jahren) entwickelten.

Das Fossil Orrorin tugenensis stammt aus Ostafrika und gehört zu einem der heißesten Kandidaten, wenn es darum geht, wer der früheste Hominine war. Allerdings ist der "hominine Status" des Fossils von vielen Wissenschaftlern immer wieder in Frage gestellt worden. Die großen miozänen Primaten sind fossile Verwandte der Menschenaffen-Mensch-Linie mit Körperformen, die irgendwo zwischen den heutigen Tieraffen und Menschenaffen liegen. Ein gutes Bild liefert die Vorstellung, dass die meisten miozänen Menschenaffen auf allen Vieren entlang der Äste gingen, statt sich darunter durchzuhangeln (wie es bei heutigen Menschenaffen üblich ist).

Laut Dr. Almécija wurden in der Studie der 6 Millionen Jahre alte Femur des Millenium-Mannes zum ersten Mal mittels topmoderner morphometrischer Techniken nicht nur mit anderen homininen Fossilien verglichen, sondern auch mit großen und kleinen Menschenaffen (Hylobatidae = Siamangs und Gibbons), und vor allem mit Fossilien von Menschenaffen, die im Miozän lebten. Die Analyse umfasste mehr als 400 Proben.

"Wir entdeckten, dass der Oberschenkelknochen von Orrorin überraschenderweise ein Mittelding zwischen den miozänen, vierbeinigen Menschenaffen und den frühen zweibeinigen Vorfahren des Menschen ist - sowohl hinsichtlich des Alters als auch hinsichtlich der Anatomie", sagte Dr. Almécija. "Unsere Arbeit liefert quantitative Ergebnisse und zeigt, dass der Orrorin-Femur als einzigartiges Mosaik betrachtet werden kann, - und die Studie betont die Notwendigkeit, fossile Menschenaffen in künftige Analysen und Diskussionen über die Evolution des aufrechten Gangs mit einzubeziehen. Außerdem zeigt die Untersuchung, dass heutige Schimpansen kein gutes Standardmodell für den Ausgangspunkt der Evolution der menschlichen Zweibeinigkeit sind."

Zu einer ähnlichen Quintessenz kommen übrigens auch jene Wissenschaftler, die das postcraniale Skelett des 4,4 Millionen Jahre alten Ardipithecus ramidus aus Aramis, Äthiopien, umfangreichen Analysen unterzogen haben.

Dr. Almécija erklärte, dass Schimpansen auf der Grundlage von genetischen Daten zwar unsere nächsten lebenden Verwandten im Tierreich sind, doch dies rechtfertige nicht, dass viele Paläoanthropologen davon ausgingen, der letzte gemeinsame Vorfahre von Schimpanse und Mensch müsse genauso wie ein Schimpanse ausgesehen haben. Aus diesem Grund würden nämlich die miozänen Menschenaffen in der wissenschaftlichen Literatur über den Ursprung des Menschen weitgehend ignoriert. Obwohl Schimpansen und andere Menschenaffen recht gute Modelle für andere anatomische Regionen abgeben, beweise die neue Studie, dass dies zumindest nicht für das proximale Ende des Oberschenkelknochens gilt.

Basierend auf den morphometrischen 3D-Analysen scheint der Femur von Orrorin tugenensis die größte Ähnlichkeit mit dem miozänen Menschenaffen Proconsul nyanzae zu haben, aber auch mit "Lucy", dem berühmten Skelett eines Australopithecus afarensis.

In Bezug auf die Technik und die Gesamtergebnisse, schreiben die Autoren: "Obwohl sich die Herangehensweise unserer morphometrischen Ansätze von früheren Analysen unterscheidet, stimmen unsere Ergebnisse doch mit den meisten Schlußfolgerungen früherer Analysen überein und zeigen die feinen Unterschiede zwischen den Australopithecinen und dem fossilen Homo in Bezug auf die Form des proximalen Femurs. Unsere Ergebnisse stimmen auch damit überein, dass die äußere Anatomie des Femors von Orrorin tugenensis mehr Ähnlichkeiten mit den frühen Homininen als mit modernen Menschen aufweist. Allerdings erweitern unsere Ergebnisse - durch die Einbeziehung von frühen miozänen Menschenaffen - die früheren Rückschlüsse dahingehend, dass der 6 Millionen Jahre alte Oberschenkelknochen (BAR 1002'00) weder menschenähnlich noch ein Mittelding zwischen heutigen großen Menschenaffen und Menschen ist, sondern vielmehr in der Mitte zwischen den mehr plesiomorphen fossilen Meschenaffen und den Homininen des Plio-Pleistozäns steht."

Co-Autor Dr. William Jungers, ebenfalls an der Stony Brook University School of Medicine, betonte, dass die Ergebnisse der Studie und die Rekonstruktion auch zeigten, dass einige miozäne Menschenaffen bessere Modelle für jene frühe Morphologie abgeben, die den Ausgangspunkt zur Entwicklung der Homininen darstellt. Besser als es heutige Menschenaffen und besonders Schimpansen tun.

"Die heutigen Menschenaffen haben eine lange und unabhängige Entwicklungsgeschichte hinter sich, und ihre moderne Anatomie sollte nicht als Modell herangezogen werden, um die Anatomie unserer frühesten Vorfahren zu erklären", sagt Dr. Jungers." Wir brauchen ein besseres Verständnis der Paläobiologie der Menschenaffen aus dem Miozän, um uns ein richtiges Bild machen zu können, wann und wie das Gehen auf zwei Beinen Teil unseres Erbes wurde."


Diese Newsmeldung wurde mit Material von Science Daily erstellt


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