Lage von Sederichs Burg Starigard im Nordosten des braun gekennzeichneten Siedlungsgebietes der Wagrier

Sederich († nach 1020) war ein elbslawischer Fürst, der vom Jahr 967 bis zum Jahr 1020 im heutigen Ostholstein von der Burg Starigard (=Oldenburg) über den abodritischen Teilstamm der Wagrier herrschte.

Sederich war wahrscheinlich ein Sohn des ersten namentlich bekannten wagrischen Teilstammesfürsten Selibur.[1] Eine Herkunft aus Wagrien mit seiner Nähe zum Siedlungsgebiet der Dänen lässt bereits der nordische Name (wohl von Sygtrigg) vermuten.[2] Möglicherweise wuchs Sederich als vornehme Geisel des sächsischen Grafen Hermann Billung in Lüneburg auf. Jedenfalls berichtet Widukind von Corvey in seiner um das Jahr 968 entstandenen Sachsenchronik, Hermann habe Selibur abgesetzt und dessen Sohn zum Fürsten der Wagrier bestimmt, der sich in seinem Gewahrsam befunden habe.[3] Adam von Bremen schreibt dann in der von ihm um das Jahr 1075 verfassten Hamburger Kirchengeschichte von einem princeps bzw. satrapa slavorum namens Sederich, in dem die Forschung den bei Widukind erwähnten Sohn Seliburs erkennt.[4]

Nach einer heute nicht mehr nachprüfbaren Anmerkung Anton Christian Wedekinds zu dem von ihm veröffentlichten Nekrolog der Kirche St. Michael in Lüneburg soll Sederich mit der sächsischen Adligen Weldrud verheiratet gewesen sein, einer Verwandten Hermann Billungs.[5] Daraus wird Sederichs christliche Religionszugehörigkeit abgeleitet. Denn während ethnische Unterschiede für die Verbindung sächsischer und slawischer Herrscherhäuser bedeutungslos waren, galt eine Eheschließung zwischen Christen und Heiden als ausgeschlossen. Für ein Bekenntnis Sederichs zum Christentum sprechen noch zwei weitere Punkte: Bei archäologischen Ausgrabungen in den 1980er und 1990er Jahren wurden auf dem Gelände der ehemaligen Oldenburg Kirchengebäude und christliche Körpergräber aus der Mitte des 10. Jahrhunderts gefunden, die als Grablegen des ansässigen Fürstengeschlechtes interpretiert werden. Sodann wurde um das Jahr 972 auf der Oldenburg der Sitz des Bischofs eines neu gegründeten Bistums Oldenburg eingerichtet. Es wird angenommen, das der Standort mit Hinblick auf den christlichen Glauben des örtlichen Fürsten gewählt wurde.

Unter Sederich soll Adam von Bremen zufolge Frieden zwischen Wagriern und Sachsen geherrscht haben. Die Angabe ist zweifelhaft, da zumindest die Zerstörung des Bistums Oldenburg um das Jahr 990 in diese Zeit fällt. Die slawischen Aufstände müssen aber nicht unter der Führung Sederichs stattgefunden haben, der bedingt durch seine dynastischen Verbindungen offenbar auch danach noch gute Beziehungen zum sächsischen Herrscherhaus der Billunger und zur Kirche unterhielt. Noch für das Jahr 1020 ist die Teilnahme Sederichs als wagrischen Teilstammesfürsten an einer Beratung Erzbischof Unwans mit dem dänischen König Knut II. dem Großen und dem abodritischen Samtherrscher Pribignew in Hamburg belegt, an der auch der sächsische Herzog Bernhard II. aus dem Geschlecht der Billunger teilgenommen haben könnte.[6]

Quellen

  • Paul Hirsch, Hans-Eberhard Lohmann (Hrsg.): Widukindi monachi Corbeiensis rerum gestarum Saxonicarum libri tres. = Die Sachsengeschichte des Widukind von Korvei (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. 7: Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi. Bd. 60). 5. Auflage. Hahn, Hannover 1935, (Digitalisat).
  • Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum. In: Werner Trillmich, Rudolf Buchner (Hrsg.): Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches. = Fontes saeculorum noni et undecimi historiam ecclesiae Hammaburgensis necnon imperii illustrantes (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe. Bd. 11). 7., gegenüber der 6. um einen Nachtrag von Volker Scior erweiterte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-00602-X, S. 137–499.

Literatur

  • Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219, online (PDF 6,9 MB).
  • Michael Müller-Wille: Zwischen Starigard/Oldenburg und Novgorod. Beiträge zur Archäologie west- und ostslawischer Gebiete im frühen Mittelalter. (= Studien zur Siedlungsgeschichte und Archäologie der Ostseegebiete. Bd. 10), Wachholtz, Neumünster 2011, ISBN 978-3-529-01399-7.

Anmerkungen

  1. Erich Hoffmann: Beiträge zur Geschichte der Obotriten zur Zeit der Nakoniden. In: Eckhard Hübner, Ekkehard Klug, Jan Kusber (Hrsg.): Zwischen Christianisierung und Europäisierung. Beiträge Zur Geschichte Osteuropas in Mittelalter und Früher Neuzeit. Festschrift für Peter Nitsche zum 65. Geburtstag Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07266-7, S. 23–51, hier S. 28.
  2. Erich Hoffmann: Beiträge zur Geschichte der Obotriten zur Zeit der Nakoniden. In: Eckhard Hübner, Ekkehard Klug, Jan Kusber (Hrsg.): Zwischen Christianisierung und Europäisierung. Beiträge Zur Geschichte Osteuropas in Mittelalter und Früher Neuzeit. Festschrift für Peter Nitsche zum 65. Geburtstag Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07266-7, S. 23–51, hier S. 28.
  3. Widukind III, 68.
  4. Bernhard Friedmann: Untersuchungen zur Geschichte des abodritischen Fürstentums bis zum Ende des 10. Jahrhunderts. Duncker & Humblot, Berlin 1986, ISBN 3-428-05886-0, S. 256.
  5. Bernhard Friedmann: Untersuchungen zur Geschichte des abodritischen Fürstentums bis zum Ende des 10. Jahrhunderts. (= Osteuropastudien der Hochschulen des Landes Hessen. Reihe 1: Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens. Bd. 197). Duncker & Humblot, Berlin 1986, ISBN 3-428-05886-0, S. 256 mit Hinweis auf einen bei Anton Christian Wedekind: Noten zu einigen Geschichtschreibern des deutschen Mittelalters. Bd. 3: Note LXXI – XCIV und Beilagen aus theils ungedruckten Handschriften, Nr. V – LIV. Perthes und Besser, Hamburg 1836, S. 4 wiedergegebenen Eintrag im Nekrolog der Kirche St. Michael in Lüneburg; vgl. dazu auch Gerd Althoff: Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Studien zum Totengedenken der Billunger und Ottonen (= Münstersche Mittelalter-Schriften. Band 47). Fink, München 1984, ISBN 3-7705-2267-2, S. 387, der Wedekinds Anmerkung übernimmt.
  6. Adam II, 58.