British North American Boundary Commission. / Public domain

Kalispel


Die Kalispel oder Lower Pend d'Oreille (nicht zu verwechseln mit den Pend d'Oreille, die auch Upper Pend d'Oreille genannt werden) sind nordamerikanische Indianer, die zur Zeit der ersten Kontakte mit Europäern am Pend Oreille River, am Priest Lake und am Lake Pend Oreille lebten. Ihr Schweifgebiet erstreckte sich von Montana bis in den Osten Washingtons und umfasste das Gebiet von Plains in Montana, das Einzugsgebiet des Clark Fork River über den Pend Oreille bis in das kanadische British Columbia. Kulturell gehören sie zu den Binnen-Salish.

Sie nannten sich Ql̓ispé (sprich: Kah-LEES-peh), was die Europäer später in Kalispel verballhornten. Die Franzosen nannten sie Pend d'Oreille oder Pend Oreille (sprich: Pon-de-RAY), was etwa soviel bedeutet wie ‘hängt am Ohr (herunter)’. Dieser Name geht auf die großen Ohrgehänge zurück, die die Kalispel trugen, und die aus Muscheln bestanden. Sie wurden auch ‘Kanu-Leute’ genannt.

Ihre Sprache war das zur Salish-Sprachfamilie gehörende Kalispel-Pend d'Oreille.

Geschichte

Lebensweise und Gruppen der Kalispel

Die Kalispel lebten im Sommer in Tipis, im Winter in Dörfern, in denen sie Hütten bauten. Sie bestanden aus Rohrkolben, aus deren Fasern Matten gewebt wurden, die Tule Mats genannt wurden. Dementsprechend hießen die Häuser Tule Huts. Solange genügend Büffel in ihrem Wohngebiet zu finden waren, lebten sie von der Jagd und tauschten die Felle gegen Pferde ein.

Die Kalispel setzten sich aus zwei Gruppen, den Lower (unteren) und den Upper (oberen) Kalispel zusammen, die jeweils einen unterschiedlichen Dialekt sprachen:

Die Lower Kalispel entwickelten auf dem Lake Pend Oreille im nördlichen Idaho ein flaches Kanu, das besonders geeignet war, mit den dortigen starken Winden zurechtzukommen. Als weitere Bezeichnung war Camas People bekannt, wobei es sich bei Camas um eine essbare Pflanze handelt, nämlich Camassia quamash, die Essbare Prärielilie.

Die Upper Kalispel wurden als People of the Confluences - ‘Volk der Zusammenflüsse’ bezeichnet, weil eines ihrer Winterdörfer am Ausgang des Lake Pend Oreille stand. Der mündlichen Überlieferung nach lebten die Upper Kalispel zeitweise östlich der Rocky Mountains, wurden aber von den Blackfeet vertrieben. Ursprünglich gehörten sie nicht zu den Kalispel, da sie aber so lange neben ihnen wohnten, nahmen sie auch deren Gewohnheiten und schließlich deren Namen an. Sie lebten östlich der eigentlichen Kalispel am Thompson Lake und den Flathead Lakes bis nach Missoula.

Ob die Chewelah im Nordosten Washingtons, die auch als Slate'use oder Tsent bezeichnet wurden, zu ihnen gehörten, ist umstritten. Sie sprachen jedenfalls einen Dialekt des Kalispel.

Für die Zeit um 1780 schätzt man die Zahl der Kalispel, also der Lower und der Upper Kalispel zusammen, auf rund 1600. 1805-1806 nimmt man eine Zahl von 853 an, um 1850 sollen es wieder rund 1000 gewesen sein.

Handelskontakte und Missionen

Im September 1809 errichtete die Pelzhandelsgesellschaft der Hudson’s Bay Company unter David Thompson eine Handelsstation namens Kullyspell House am Lake Pend Oreille. Als erster Missionar lebte hier Pierre-Jean De Smet, der 1846 eine Missionsstation namens Saint Ignatius beim heutigen Cusick einrichtete. Bereits ein Jahr zuvor hatte der Jesuit Reverend Adrian Hoecken die Saint Michael's Mission an den Albeni Falls am Pend Oreille River erbaut. Von dort wurde das Haus stromabwärts verlegt und hieß nun Saint Ignatius. Bereits 1854 wurde die Missionsstation zu den Flathead verlegt.

Während die Upper Kalispel der Missionsstation folgten, weigerten sich die Lower Kalispel, ihre Heimat zu verlassen. Auch trafen sie, im Gegensatz zu den Upper Kalispel, nicht mit dem Gouverneur des Washingtoner Territoriums Isaac Stevens zusammen. Dabei wurde in Hell Gate am 16. Juli 1855 vereinbart, dass sie mit den Kutenai und den Flathead in einem gemeinsamen Reservat leben sollten.

Als die Upper Kalispel unter Führung ihres Häuptlings Alexander den Vertrag von Hell Gate unterzeichneten, kamen die Lower Kalispel nicht dazu, weil der Yakima-Krieg ausbrach.

Die Lower Kalispel lebten hingegen in der Kalispel Indian Community, Kalispel Reservation. Dieses Reservat wurde jedoch erst am 23. März 1914 eingerichtet. Es liegt rund 60 km nördlich von Spokane am Pend Oreille. 1989 lebten dort 232 Menschen.

Die Lower Kalispel unter Victor (auch Happy Man genannt) lebten weiter an der alten Missionsstation, wie bereits unter seinem Vorgänger, dem römisch-katholischen Häuptling Loyola oder Standing Grizzly. Sie weigerten sich, mit anderen Stämmen ein Reservat zu teilen, obwohl zahlreiche Flathead und Spokane mit ihnen zusammen lebten. 1872 lehnten sie ein Vertragsangebot ab, und 1874 beendete der Kongress seine Vertragspolitik vollständig. 1875 lebten hier rund 400 Indianer, die sich aus den Kriegen der 1850er Jahre weitgehend heraushielten.

1864 erwarb die Northern Pacific Railroad Landrechte in ihrem Gebiet. 1881 bestanden bereits mehr als 120 km Gleise am Lake Pend Oreille. Die Eisenbahn verkaufte ihr Land an weiße Siedler, so dass Häuptling Victor 1884 einen Ausgleich für das entwendete Land verlangte. Dennoch gingen 1886 die Landvermessungen weiter, und eine Gruppe von 63 Kalispel unter Führung von Häuptling Michel erklärte sich 1887 angesichts von zusammengezogenen Truppen einverstanden, ihr Land zu verkaufen und ins Flathead-Reservat zu gehen. Marcella, Sohn und Nachfolger Victors, weigerte sich jedoch und verlangte ein eigenes Reservat. Sein Stamm saß hauptsächlich am Ostufer des Pend Oreille gegenüber von Usk. Der Siedlungsdruck durch weiße Zuwanderer stieg jedoch weiter, und so errichtete man 1914 ein eigenes Reservat für den Stamm, dessen Mitgliederzahl 1911 auf rund 100 geschätzt wurde. Erst 1924 und 1933 kam es zu größeren Ansiedlungen.

Heutige Situation

1934 akzeptierten die Lower Kalispel den Indian Reorganization Act mit 36 zu 2 Stimmen. 1939 entstand der Kalispel Indian Council, ihr Stammesrat. Die Stammesverfassung wurde 1967 überarbeitet. 1974 unterstellten sie sich dem Indianeragenten der Spokane Indian Agency - vorher gehörten sie hinsichtlich der Stammesrechtsprechung zur Northern Idaho Indian Agency.

1963 erhielt der Stamm für 2.247.000 Acre verlorenen Landes 3 Millionen Dollar. Zusammen mit 24 anderen Stämmen des Nordwestens verklagten die Kalispel 1970 die Indianeragentur wegen Missmanagements. 1981 erhielten sie dafür 114.127,80 Dollar Entschädigung. In Wiedergutmachung für den völligen Verlust des Landstreifens am Pend Oreille River zwischen Usk und Cusick, der rund 16 km lang war, und auf dem 1955 der Box Canyon Dam gebaut worden war, die Zusage einer Kompensation durch den Obersten Gerichtshof. 436 Acre Land wurden bereits für ein Wildschutzgebiet zugesagt. Der Stamm entwickelte, zusammen mit anderen Stämmen am oberen Columbia, einen Managementplan zum Schutz des Gebiets. Zugleich züchteten die Lower Kalispel wieder Büffel.

1965 hatte nur ein einziger Kalispel einen Highschool-Abschluss gemacht, bei Stammesversammlungen brauchte man einen Dolmetscher. Nur ein Haus hatte fließendes Wasser, das Jahreseinkommen lag bei 1.400 Dollar pro Kopf, es existierte ein einziges Telefon. 1974 erhielten die Lower Kalispel 12 Büffel vom U.S. Park Service. 1979 errichtete der Stamm einen ersten General Store namens Sen-tu-me, doch konnte er sich, ähnlich wie die 1974 gegründete Kalispel Metal Products nur bis 1984 halten. 1987 entstand als Organisation für die Büffelzucht das Kalispel Agricultural Enterprise. Die Herde umfasste 1993 wieder 100 Tiere.

1996 wurde das Reservat um 40 Acre „trust land“ in Airway Heights vergrößert. Seit 1998 erhält der Stamm eine Kompensation für die Nutzung seines Landes durch den Box-Canyon-Stausee. 2001 eröffnete das Northern Quest Casino, 2004 wurde es vergrößert und im nächsten Jahr folgte ein Wellness-Center in Usk.

Reservationen

Heute gehört der Stamm der Upper Kalispel zu den Confederated Salish and Kootenai Tribes of the Flathead Nation, der aus vier Ethnien besteht. Der Hauptteil des heutigen Reservats der Upper Kalispel liegt nordwestlich von Newport in Washington. Es handelt sich um ein Gebiet von 18,638 km² entlang des Pend Oreille westlich der Grenze zwischen Washington und Idaho. Dazu kommt ein kleines Gebiet von 0,202 km² bei Spokane, genauer in Airway Heights. Dort befindet sich das vom Stamm betriebene Northern Quest Casino.

Die Lower Kalispel haben hingegen ein eigenes Gebiet. Im Jahr 2000 lebten 202 Menschen im Reservat.[1]

Siehe auch

Literatur

  • Robert C. Carriker: The Kalispel People, Phoenix, Arizona: Indian Tribal Series 1973
  • John Fahey: The Kalispel Indians, Norman: University of Oklahoma Press 1986.
  • Robert H. Ruby/John A. Brown: A Guide to the Indian Tribes of the Pacific Northwest, University of Oklahoma Press 1992, S. 86-89

Weblinks

Anmerkungen

  1. Kalispel Reservation, Washington United States Census Bureau

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