Chagnulf, auch Chainulfus, (* um 598; † 641 in Augers-en-Brie) war ein fränkischer Adliger und unter der Herrschaft der Merowinger Comes im Pagus Meldensis um den Hauptort Meaux.

Leben

Die Existenz des Chagnulf ist neben den namentlichen Erwähnungen in der Chronik des Fredegar und der Vita Faronis des Hildegar von Meaux insbesondere noch durch mehrere merowingische Urkunden belegt.

Chagnulf wurde im fränkischen Teilreich Austrasien geboren, vermutlich auf dem Landgut Villa Pipimisiacum, dem heutigen Poincy. Er war ein Sohn von Chagnerich, Comes im Pagus Meldensis um den Hauptort Meaux und seiner Frau Leudegundis. Chagnulf entstammte dem Adelsgeschlecht der Burgundofarones, die als herausragende Familie der austrasischen Führungsschicht bis zum Aufstieg der Pippiniden und Arnulfinger gilt und den Sippen der Agilolfinger und Waltriche verwandtschaftlich verbunden war.

Durch ein Privileg des fränkischen Königs Dagobert I. ist Chagnulf als Amtsträger im Pagus Meldensis zum 1. Oktober 635 nachzuweisen – es steht aber zu vermuten, dass er das Amt des Comes bereits schon kurz nach dem Tod seines Vaters im Jahr 633 übernommen hatte. Mit dem Comitat geriet Chagnulf in eine erbitterte Gegnerschaft zu dem neustrischen Hausmeier Aegas, der die Abtei Faremoutiers hart bedrängte, welche von seiner Schwester Burgundofara gegründet worden war. Einer der Gründe der Übergriffe des Aegas auf Besitz und Mönche der Abtei ist in deren engen religiösen Verbindung zum Kloster Luxeuil zu suchen – die Vita sancti Columbani des Jonas von Bobbio benennt Aegas ausdrücklich als einen der Hauptwidersacher der burgundischen Mönchsgemeinschaft.[1] Der Hauptgrund für die Fehde zwischen den Adelsparteien dürfte jedoch in dem Umstand zu finden sein, dass Chagnulfs Vater Chagnerich durch König Chlothar II. Besitz im Brie übertragen wurde. Diese Übernahme von neustrischem Besitz durch die austrasische Sippe der Burgundofarones versuchte Aegas durch seine wiederholten Attacken auf die Familienabtei von Faremoutiers wohl zu revidieren.[2]

Da die Übergriffe des neustrischen Hausmeiers auf die Abtei auch im Lauf der folgenden Jahre nicht nachließen, nutzte Chagnulf im Jahr 641 eine Versammlung des neustrischen Adels in Augers-en-Brie, um Klage gegen Aegas zu erheben. Im Rahmen dieser Mallus genannten Gerichtsverhandlung[3] gerieten Chagnulf und Aegas Schwiegersohn Ermenfred derart aneinander, dass der Comes in Folge der blutigen Auseinandersetzung von seinem Widersacher mit dem Schwert erschlagen wurde.

Die Ermordung Chagnulfs während des Mallus führte daraufhin zu einer schwerwiegende Auseinandersetzung zwischen Ermenfred und den Burgundofarones. Da sein Schwiegervater Aegas noch im selben Jahr verstarb, verfügte Ermenfred nicht mehr über einen nennenswerten Rückhalt unter den neustrischen Großen. Dieser Umstand und die offene Unterstützung der Verwandten des Chagnulf durch Nantechild, der Witwe König Dagoberts I., führten schließlich dazu, dass der Mörder des Chagnulf in das nahe austrasische Reims fliehen musste, um der Blutrache durch die Burgundofarones zu entgehen.

Geschwister

Chagnulf hatte noch vier Brüder und Schwestern:

  • Chagnoald (vor 627–vor 633/34 Bischof von Laon)
  • Burgundofaro (Referendar Dagoberts I. Nach 633–um 672 Bischof von Meaux und dort Gründer des Klosters St-Faron)
  • Burgundofara (Gründerin der Abtei Faremoutiers, † nach 633/34)
  • Agnetrade († nach 633/34)

Quellenausgaben

  • Chronik des Fregedar – Diese Reihe der Monumenta Germaniae Historica ist nicht bekannt
  • Vita Faronis – Diese Reihe der Monumenta Germaniae Historica ist nicht bekannt
  • Vita Columbani – Diese Reihe der Monumenta Germaniae Historica ist nicht bekannt

Literatur

  • Yaniv Fox: Power and Religion in Merovingian Gaul: Columbanian Monasticism and the Formation of the Frankish Aristocracy. Cambridge University Press, Cambridge 2014, ISBN 978-1-107-58764-9, S. 68–69, 206, 213, 217.
  • Jo Ann McNamara, John E. Halborg, E. Gordon Whatley (Hrsg.): Sainted Women of the Dark Ages Duke University Press, Durham 1992, ISBN 978-0-822-31216-1, S. 157, 159.
  • Margarete Weidemann: Adelfamilien im Chlotharreich. Verwandschaftliche Beziehungen der fränkischen Aristokratie im 1. Drittel des 7. Jahrhunderts in: Beihefte der Francia, Band 15, Paris 1987, S. 844, 849.
  • Horst Ebeling: Prosopographie der Amtsträger des Merowingerreiches von Chlotar II. (613) bis Karl Martell (741) (= Beihefte der Francia. Band 2). Fink, München 1974, S. 97–98.
  • Horst Ebling: Burgundofarones in: Lexikon des Mittelalters, Band II, Spalte 1098/99.
  • Eugen Ewig: Die Merowinger und das Frankenreich. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart, Berlin, Köln, 1993, S. 124.
  • Martin Heinzelmann: L’aristocratie et les évêchés entre Loire et Rhin, jusqu’à la fin du VIIe siècle, in: Revue d’histoire de l’Église de France, tome 62, n°168, 1976. La christianisation des pays entre Loire et Rhin (IVe-VIIe siècle) S. 88.
  • Alexander O’Hara: Jonas of Bobbio and the Legacy of Columbanus – Sanctity and Community in the Seventh Century. Oxford University Press, Oxford 2018, ISBN 978-0-19-085801-8.
  • Frans Theuws, Mayke B. de Jong, Carine Van Rhijn: Topographies of Power in the Early Middle Ages, in: Transformation of the Roman World Band 6. Brill, Leiden 2001, ISBN 978-9-004-11734-1, S. 253.
  • Erich Zöllner: Die Herkunft der Agilulfinger. In: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, 1951 S. 3
  • John Michael Wallace-Hadrill: The Long-Haired Kings: And Other Studies in Frankish History. Routledge, London 2019, ISBN 978-0-429-58887-7, S. 142.

Einzelnachweise

  1. Horst Ebeling: Prosopographie der Amtsträger des Merowingerreiches von Chlotar II. (613) bis Karl Martell (741) (= Beihefte der Francia. Band 2). Fink, München 1974, S. 38–40.
  2. Yaniv Fox: Power and Religion in Merovingian Gaul: Columbanian Monasticism and the Formation of the Frankish Aristocracy. Cambridge University Press, Cambridge 2014, ISBN 978-1-107-58764-9, S. 250–255.
  3. Georg Waitz: Das alte Recht der salischen Franken: eine Beilage zur deutschen Verfassungsgeschichte. Schwers’sche Buchhandlung, Kiel 1846, S. 143–154.