Savannenkorridor in der Eiszeit förderte die Ausbreitung großer Säugetiere in Südostasien

Presseldung vom 22.08.2019


Tübinger Forschungsteam findet Hinweise auf eine früher offene Landschaft auf der Malaiischen Halbinsel, die Mensch und Tier den Weg auf die heutigen Inseln Indonesiens öffnete.

Die Malaiische Halbinsel, deren Gebiete heute zu Myanmar, Thailand und Malaysia gehören, muss in der Eiszeit zumindest teilweise von einer offenen Savannenlandschaft geprägt gewesen sein. Sie gehörte damals zu einem sehr viel größeren Landstück, dem Sundaland. Über die offene Landschaft konnten große Säugetiere vermutlich erstmals vor 120.000 bis 70.000 Jahren wie durch einen Korridor vom südostasiatischen Festland auf die heutigen Inseln Sumatra, Borneo und Java gelangen.


Heute ausgestorbene Art der Tüpfelhyänen auf der Malaiischen Halbinsel in einer Umwelt wie vor 100.000 Jahren. Illustration:

Publikation:


Kantapon Suraprasit, Sutee Jongautchariyakul, Chotima Yamee, Cherdchan Pothichaiya, and Hervé Bocherens
New fossil and isotope evidence for the Pleistocene zoogeographic transition and hypothesized savanna corridor in Peninsular Thailand
Quaternary Science Reviews

DOI: 10.1016/j.quascirev.2019.105861



Zu diesem Schluss kommen der Alexander von Humboldt-Stipendiat an der Universität Tübingen Dr. Kantapon Suraprasit, der als Wissenschaftler an der Chulalongkorn University (Thailand) arbeitet, und Professor Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen im Team mit weiteren thailändischen Forscherinnen und Forschern. Das Team führte Isotopenanalysen an Säugetierzähnen aus der Eiszeit durch, die bei Ausgrabungen auf der Malaiischen Halbinsel geborgen wurden. Wie die Wanderungsbewegungen von Tieren und frühen Menschen zwischen dem Festland und den Inseln Südostasiens verliefen, ist in der Wissenschaft stark umstritten. Die neuen Ergebnisse stärken die Hypothese von einem Savannenkorridor in der Eiszeit, über den Mensch und Tier relativ leicht vom südostasiatischen Festland weiter Richtung Süden und Osten gelangen konnten. Die Studie ist in den Quaternary Science Reviews erschienen.

Die Höhle Yai Ruak, die auf der Malaiischen Halbinsel in der Provinz Krabi liegt, wurde 2017 von einem thailändischen Paläontologenteam der Chulalongkorn University und dem Department of Mineral Resources (Bangkok) mit Unterstützung der Bevölkerung vor Ort ausgegraben. Aus den Höhlensedimenten bargen die Ausgräberinnen und Ausgräber einige weitgehend vollständige Unterkieferknochen, einzelne Zähne und Knochen. Die Fossilien konnte das Forschungsteam dem Malaiischen Stachelschwein, dem Java-Nashorn, dem Sambarhirsch und ausgestorbenen Verwandten der Tüpfelhyäne zuordnen. „Für diese Art der Tüpfelhyäne ist das der am weitesten südlich gefundene Nachweis in Südostasien“, sagt Hervé Bocherens. Dies stütze die Hypothese, dass sich im Pleistozän die Säugetiere weiter nach Süden ausbreiten konnten. Die heutigen Inseln Sumatra, Borneo und Java auf der Sundaplatte waren in der Eiszeit aufgrund des deutlich niedrigeren Meeresspiegels über Landbrücken zugänglich. Menschliche Fossilien seien in den Höhlensedimenten aus der Eiszeit nicht gefunden worden, wahrscheinlich habe es jedoch zu dieser Zeit anatomisch moderne Menschen in dem Gebiet gegeben, sagen die Wissenschaftler.


Unterkiefer eines Java-Nashorns (Rhinoceros sondaicus) am Fundort in der Höhle Yai Ruak in Thailand.

Vielfältige Ökosysteme

Kantapon Suraprasit führte im Biogeologielabor der Universität Tübingen am Zahnschmelz der fossilen Zähne aller Tierarten aus der Höhle Yai Ruak Kohlenstoff- und Sauerstoffisotopenanalysen durch. Als Isotope werden Atome des gleichen chemischen Elements mit unterschiedlichem Gewicht bezeichnet. Aus ihrer Häufigkeitsverteilung, auch Isotopensignatur genannt, können die Wissenschaftler Rückschlüsse auf die Art der Nahrung und die Umweltbedingungen zur Lebenszeit des Tieres ziehen. „Die Region des Fundorts der Fossilien ist heute von Regenwald bedeckt. Wir waren daher überrascht, dass die Isotopensignaturen der Zähne von Tüpfelhyänen und Sambarhirschen auf eine offene Graslandschaft hindeuten“, sagt Suraprasit.

Hingegen hätten die Zähne von Java-Nashorn und Stachelschweinen Isotopensignaturen ergeben, die zu Wäldern passen. Daher sei insgesamt von einer großen Vielfalt der Ökosysteme auszugehen, darunter auch einem offenen Gelände. „Diese Ergebnisse bestätigen, dass damals ein Savannenkorridor entlang der tropischen Monsunregionen existierte, der sich bis in den Süden des heutigen Thailands erstreckte bis zum Breitengrad des früher freiliegenden Sundalands“, sagt Bocherens.



Wälder als Barrieren

Von allen Tieren, die während des niedrigeren Meeresspiegels Richtung Süden wanderten, waren die Grasland bewohnenden Hyänen unter den wenigen Arten, die sich von dem Regenwaldgürtel aufhalten ließen. Dieser verlief vom nördlichen Sundaland über das heutige Borneo und Sumatra und durchschnitt den Savannenkorridor. Bis heute wurden keine Fossilien der Tüpfelhyänen südlich der Höhle Yai Ruak gefunden. „Wahrscheinlich bildeten dichte Regenwälder eine Barriere.

In dieser Zeit konnten die Hyänen nicht weiter südlich in das Land vordringen, das heute aus Inseln besteht. Anderen Säugetierarten, die aus Yai Ruak bekannt sind, war das hingegen möglich wie wahrscheinlich auch Menschen“, erklärt Bocherens. Pollenanalysen deuteten für diese Zeit auf eine geschlossene Waldvegetation von Sumatra bis Borneo und in Teilen der Malaiischen Halbinsel hin. Von den noch andauernden Ausgrabungen in der Höhle Yai Ruak erhofft sich das Forschungsteam weiteren Aufschluss darüber, welchen Einfluss die vielfältigen Ökosysteme auf die Faunen des südostasiatischen Festlands und der Inseln hatten.


Diese Newsmeldung wurde mit Material von idw erstellt


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
L 338y-6
L 338y-6

Australopithecus aethiopicus

Elemente: CRA (calotte), ENDOCAST, L. PAR, OCC (2 pieces), R. PAR

Omo, Äthiopien

17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
Protokolle zur Umwandlung von pluripotenten Stammzellen (iPSC) in Organoide, Mini-Organe, ermöglichen es Forschern Entwicklungsprozesse in verschiede...