Perlenfunde aus Eiszeithöhlen drückten Gruppenidentität aus

Presseldung vom 03.08.2017


Universität Tübingen und Urgeschichtliches Museum Blaubeuren präsentieren 42.000 Jahre alten Schmuck aus Mammutelfenbein: Herstellung und Tragen waren wohl nur auf der Schwäbischen Alb Tradition

Schon vor 42.000 Jahren nutzten Menschen Schmuck als Ausdruck von Gruppenidentität. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Tübingen und des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) haben in den Weltkulturerbe-Höhlen des Achtals und Lonetals Perlen aus Mammutelfenbein gefunden, die in ihrer Machart bislang ausschließlich auf der Schwäbischen Alb vorkommen. Am Fundort Hohle Fels bei Schelklingen im Achtal wurden zudem Perlenformen ausgegraben, die gänzlich einmalig für diese Höhle zu sein scheinen. Professor Nicholas Conard und sein Team präsentierten am Freitag im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (urmu) neue Schmuckfunde aus den Grabungsarbeiten ‒ mit 40 Schmuckstücken ist die Anzahl der Funde ungewöhnlich hoch.

Conard ist zugleich wissenschaftlicher Direktor des urmu, der Schmuck ist dort ab sofort als „Fund des Jahres 2017“ zu sehen. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung dazu erschien am 28. Juli in den Archäologischen Ausgrabungen Baden-Württemberg, herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg.

Die archäologischen Ausgrabungen im Hohle Fels bei Schelklingen liefern jährlich faszinierende Fundstücke aus der Jüngeren Altsteinzeit. Aus den Schichten des Aurignacien, die zwischen 42.000 und 34.000 Jahre alt sind, wurden im vergangenen Jahr wieder zahlreiche Schmuckstücke ausgegraben. „Diese Schmuckstücke sind wichtig für die Entwicklung unserer Art: neben Kunst und Musikinstrumenten dokumentieren sie als symbolische Artefakte die frühesten Schmuckfunde in dreidimensionaler Formgebung aus Elfenbein.

Sie unterstreichen die gemeinsame Kultur und soziale Einheit der Menschen im Ach- und Lonetal, die neue Formen systematisch produziert haben – eventuell als Ausdruck einer Konkurrenz-Situation zum Neandertaler oder als Reaktion auf die radikalen Umweltveränderungen in dieser Zeit“, sagte Nicholas Conard. „Und wir können sogar Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen Vorstellungen während dieser ersten Epoche der modernen Menschen in Europa ziehen.“

So haben die Grabungsteams der Universität Tübingen in den Höhlen des Achtals wie auch des Lonetals über die Jahre hunderte von doppelt durchlochten Perlen aus Mammutelfenbein geborgen. Sie sind in der Mitte verdickt und zu den Enden beidseitig abgeflacht. Die Lochungen entstanden durch das Bohren mit einem feinen Feuersteingerät oder durch wiederholtes Einschneiden. Die Perlen liegen in allen Stadien des Herstellungsprozesses vor, vom Rohling bis zum getragenen Stück. In ihrer Herstellungsart kommen sie ausschließlich auf der Schwäbischen Alb vor. Zudem sind die Schmuckstücke aus den schwäbischen Höhlen der bislang älteste Nachweis für die komplexe Herstellung von Elfenbeinperlen weltweit. Noch spezieller sind dreifach durchlochte Perlen aus Mammutelfenbein aus der ältesten aurignacienzeitlichen Schichten des Hohle Fels im Achtal. Hier laufen die Enden mehr oder weniger spitz zu, die beiden äußeren Löcher werden meist durch Einkerbungen vom mittleren Teil der Perle abgesetzt. Die Einkerbungen entstanden durch mehrfaches Ansetzen und Schneiden des entsprechenden Steinwerkzeugs. Dieser Perlentyp ist nur vom Fundort Hohle Fels bekannt und besitzt derzeit keine Parallelen zu anderen Funden.

Dass auch die doppelt durchlochten Perlen nur aus Grabungen auf der Schwäbischen Alb bekannt sind, zeigt für die Wissenschaftler, dass sie Ausdruck einer Gruppenidentität waren. „Diese Form wurde nicht mit Menschen aus anderen Regionen geteilt, obwohl europaweit Kontakte bestanden; dieser Perlentyp war offensichtlich für die Gruppen im Ach- und Lonetal bestimmt“, sagt Dr. Sibylle Wolf, wissenschaftliche Koordinatorin und Mitarbeiterin des Senckenberg Centre HEP. Zudem träten die Perlen über einen Zeitraum von 6.000 Jahren auf: „Das bezeugt, dass es eine Tradition des Herstellens und Tragens dieser sehr speziellen Form gab.“

„Neben den figürlichen Kunstwerken und Musikinstrumenten ist die Entwicklung des Schmucks als persönliches und gesellschaftliches Ausdrucksmittel ein wichtiges Element der kulturellen Entwicklung vor 40.000 Jahren. Die Bandbreite von Materialien und Formen wird bei uns im Museum vorgestellt“, sagt Dr. Stefanie Kölbl, geschäftsführende Direktorin des Urgeschichtlichen Museums in Blaubeuren.

Das Urgeschichtliche Museum Blaubeuren (urmu) liegt in unmittelbarer Nähe der Schwäbischen Steinzeithöhlen, die von der Unesco am 9. Juli 2017 zum Weltkulturerbe ernannt wurden. Als Museum für Altsteinzeit in Baden-Württemberg und Forschungsmuseum der Universität Tübingen stellt das urmu das eiszeitliche Leben am Rand der Schwäbischen Alb vor 40.000 Jahren vor. Höhepunkte sind die älteste Kunst und die ältesten Musikinstrumente der Menschheit mit Originalfunden aus der Region. Prominentestes Exponat ist das Original der „Venus vom Hohle Fels“.

Weitere Originalfundstücke aus den Höhlen zeigen neben dem Urgeschichtlichen Museum (www.urmu.de) das Museum der Universität Tübingen MUT (www.unimuseum.uni-tuebingen.de), der Archäopark Vogelherd bei Niederstotzingen (www.archaeopark-vogelherd.de/Niederstotzingen) das Landesmuseum Württemberg und das Museum Ulm (www.museum-ulm.de).


Diese Newsmeldung wurde mit Material von idw erstellt


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