Neue Erkenntnisse zu Ötzis genetischer Geschichte

Presseldung vom 14.01.2016


Vergangene Woche wurde eine Studie publiziert, die den Krankheitserreger Helicobacter pylori in Ötzis Magen nachwies und wertvolle Hinweise auf die Entwicklungsgeschichte der Spezies Mensch lieferte. Nun erzielte die Forschung zum Mann aus dem Eis einen weiteren Fortschritt: Wissenschaftler der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) konnten zeigen, dass sein mütterlicher Familienzweig aller Wahrscheinlichkeit nach ausstarb.

Dem Ursprung der mütterlichen Abstammungslinie gingen die Forscher ebenfalls auf den Grund. Das Ergebnis: Ötzis Mutter gehörte vermutlich einer kleinen, lokalen Alpenbevölkerung an. Die Studie erscheint auf Scientific Reports, dem Open-Access Journal des Nature-Verlages.

Für die Studie verglichen die Forscher das Erbgut von Ötzis Mitochondrien – den Energiekraftwerken der Zelle – mit 1077 modernen Proben. Die mitochondriale Erbsubstanz wird ausschließlich von den Müttern an die Nachkommen weitergegeben und verändert sich nur sehr langsam; Analysen der mitochondrialen DNA geben deshalb Aufschluss über die Herkunft und Verwandtschaftsbeziehungen von Menschen. „Die mitochondriale DNA erzählt uns, gemeinsam mit dem Y-Chromosom, die genetische Geschichte des Menschen“, erklärt Valentina Coia, EURAC-Biologin und Hauptautorin der Studie. „Ötzis mitochondriale DNA wurde zum ersten Mal 1994 untersucht.“

Bislang konnte allerdings nicht überzeugend geklärt werden, ob die genetische Linie der Mutter, K1f genannt, auch heute noch existiert. Zuletzt hatte sich 2008 ein britisch-italienisches Forscherteam mit dieser Frage befasst und war nach vollständiger Analyse von Ötzis mitochondrialer DNA und ihrem Vergleich mit modernen Proben zum Schluss gekommen, die genetische Linie mütterlicherseits sei bei heutigen Populationen nicht nachzuweisen. Ob die Abstammungslinie aber tatsächlich ausgestorben war oder nur extrem selten geworden ist, konnte die Studie nicht endgültig klären – dafür war die Zahl der Vergleichsproben zu gering. „Es wurden nur 85 Proben der Linie K1 – zu der auch Ötzi gehörte– zum Vergleich herangezogen; darunter waren nur wenige aus Europa und keine einzige Probe stammte aus dem Ostalpenraum, wo Ötzi vor mehr als 5300 Jahren lebte und die Bevölkerung dem Mann aus dem Eis vermutlich genetisch am nächsten ist“, erklärt Valentina Coia. „Um die Hypothese des Aussterbens zu überprüfen, mussten wir also viel mehr Proben in die Studie mit einbeziehen.“

Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität La Sapienza in Rom und der Universität von Santiago di Compostela verglich das Forschungsteam der EURAC deshalb die mitochondriale DNA Ötzis mit der von 1077 Männern und Frauen der Linie K1; dabei griff man Großteils auf Daten aus anderen Studien zurück, ergänzte sie aber durch 42 neue Proben aus dem Alpenraum: Nur so konnte ausgeschlossen werden, dass diese spezielle genetische Linie in den Alpentälern nicht doch überlebt hatte. In ihrer Untersuchung konnten die Wissenschaftler weder die genetische Linie Ötzis noch mit ihr verwandte Linien bei heute lebenden Menschen finden. Damit sehen sie die Hypothese gestärkt, dass die mütterliche Abstammungslinie Ötzis ausgestorben ist. Die genetische Linie des Vaters dagegen findet sich auch in heutigen Populationen, wie man seit 2012 aus der Analyse des gesamten Genoms der Gletschermumie weiß.

Aber warum ist die mütterliche Abstammungslinie verschwunden und die väterliche, G2a genannt, nicht? Um darauf eine Antwort zu finden, verglichen die EURAC-Forscher die DNA der Gletschermumie mit DNA-Daten zahlreicher anderer archäologischer Fundstücke aus der Jungsteinzeit (Neolithikum). Das Ergebnis: Während die väterliche Linie Ötzis im Neolithikum in ganz Europa verbreitet war, kam die mütterliche Linie wahrscheinlich nur im Alpenraum vor.

Aus der Zusammenschau all dieser Informationen ergibt sich für die Forscher folgendes Bild: Die väterliche Linie Ötzis gehört zu einer genetischen Grundausstattung, die bei den ersten jungsteinzeitlichen Wanderbewegungen, vor circa 8000 Jahren, aus dem Nahen Osten nach Europa mitgebracht wurde. Dort wurde G2a allerdings im Laufe nachfolgender Migrationsereignisse und demographischer Entwicklungen wieder durch andere Linien ersetzt – nur wenige, isolierte Regionen wie etwa Sardinien waren von diesem Prozess nicht so stark betroffen.

Die mütterliche Abstammungslinie dagegen hat ihren Ursprung in den Ostalpen. Da sie nur von einer kleinen lokalen Population weitergegeben wurde – die Bevölkerung in den Ostalpen begann erst mit der Bronzezeit signifikant zu wachsen – bedeuteten dieselben demographischen Entwicklungen, bei denen die väterliche Linie nur teilweise ersetzt wurde, für sie den Untergang.


Diese Newsmeldung wurde mit Material von idw-online erstellt


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
KRAPINA 245
KRAPINA 245

Homo neanderthalensis

Elemente: R. MT1

Krapina, Kroatien

17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
Protokolle zur Umwandlung von pluripotenten Stammzellen (iPSC) in Organoide, Mini-Organe, ermöglichen es Forschern Entwicklungsprozesse in verschiede...