Gorillas als Nussknacker

Presseldung vom 06.08.2019


Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Washington University in St. Louis haben im Rahmen einer Langzeitstudie eine Population von westlichen Flachlandgorillas im Loango Nationalpark, Gabun, dabei beobachtet, wie sie mit ihren Zähnen die harten Schalen von Coula edulis-Nüssen aufbrechen. Indem sie Daten aus Freilandbeobachtungen und aus mechanischen Tests an Nussschalen miteinander kombinierten, belegten die Forscher: um Zugang zu dieser energiereichen Nahrungsquelle zu erhalten, ist das Gebiss der Gorillas einer extrem starken Beanspruchung ausgesetzt.

Trotz ihrer beeindruckenden Körpergröße sind Gorillas dafür bekannt, dass sie sich vegetarisch ernähren und dabei fast ausschließlich Blätter und Obst zu sich nehmen. Ihre Backenzähne sind im Vergleich zu denen anderer Menschenaffenarten größer und besitzen höhere Höcker mit schärferen Scherkanten, was als Anpassung an das langanhaltende Kauen faserigen Pflanzenmaterials gilt. Andererseits sind ihre Zähne nicht gut für den Verzehr von harter und spröder Nahrung geeignet, wie zum Beispiel von Nüssen, die von einer verholzten Schale umschlossen sind. Die hohen Scherkanten ihrer Backenzähne können dadurch beschädigt werden.


Im Loango Nationalpark in Gabun haben Wissenschaftler eine Population von westlichen Flachlandgorillas dabei beobachtet, wie sie mit ihren Zähnen die harten Schalen von Nüssen aufbrechen.

Publikation:


Adam van Casteren, Edward Wright, Kornelius Kupczik, Martha Robbins
Unexpected hard‐object feeding in Western lowland gorillas
American Journal of Physical Anthropology, 02 August 2019

DOI: 10.1002/ajpa.23911



"Ich war erstaunt, als wir die Gorillas zum ersten Mal dabei beobachteten, wie sie Nüsse fraßen", sagt Martha Robbins, Seniorautorin der Studie. "Wir können es nicht nur sehen, sondern auch hören, wenn die Nussschale unter der unglaublichen Stärke des Bisses nachgibt. Gorillas haben offensichtlich große, kräftige Kiefer; trotzdem hatten wir dieses Verhalten eigentlich nicht erwartet, weil ihre Zähne dafür nicht gut geeignet sind."

Die Nüsse von Coula edulis sind von einer harten, verholzten Schale umgeben. Um sie zu knacken, muss ein Gewicht von etwa 270 Kilogramm auf die Schale einwirken, was einer Kraft von 2.648 Newton entspricht. Für die drei Monate, in denen die Nüsse übers Jahr verfügbar sind, konzentriert sich die Ernährung der Gorillas im Loango Nationalpark in Gabun auf diese energiereichen Nusskerne. Sie verbringen dabei bis zu drei Stunden täglich, um sich zu dem weichen Kern durchzubeißen. Das ist überraschend, denn Tiere, die sehr harte Nahrung zu sich nehmen, haben in der Regel starke, abgerundete Backenzähne, die wie Mörser und Stößel wirken und spröde Nahrung sehr effizient aufknacken.



Wie bei anderen Laubfressern haben Gorillazähne hohe Zahnhöcker mit zusätzlichen Kanten zum Zerschneiden von zäher Nahrung. Unter der gewaltigen Beißkraft, die zum Knacken von Nüssen erforderlich ist, können scharfkantige Zähne leicht brechen und nutzen sich schneller ab. Dass Gorillas in Loango regelmäßig ihre Zähne aufs Spiel setzen und bis an ihre mechanische Belastungsgrenze bringen, hat die Forscher überrascht. Während andere Primaten, wie Schimpansen, ihre Zähne schützen, indem sie zum Nüsse knacken Werkzeug benutzen, scheinen Gorillas im Loango Nationalpark hingegen rohe Gewalt anzuwenden, um die verholzten Schalen der Coula edulis-Nüsse zu durchbrechen. Dass sie dies Jahr für Jahr tun zeigt: Gorillazähne sind wohl stärker als bisher angenommen.

Die Studie lässt außerdem darauf schließen, dass westliche Flachlandgorillas eine viel größere Nahrungspalette haben, als bisher angenommen. Da andere Gorillapopulationen keine Nüsse knacken, obwohl diese in ihrem Lebensraum ebenfalls vorkommen, könnte es sich dabei um ein kulturelles Verhalten handeln, das Gorillas bei anderen Gruppenmitgliedern beobachten und das von ihnen erlernen. "Dass wir das Nüsse essen in Loango beobachten, aber nicht in anderen Wäldern Zentralafrikas, in denen auch Nüsse vorkommen, verdeutlicht noch einmal mehr, wie wichtig die Erforschung und der Schutz von Gorillas in ihrem gesamten natürlichen Verbreitungsgebiet ist", sagt Robbins.

Die Entdeckung, dass einige Gorillas regelmäßig Nüsse mit ihren Zähnen knacken, könnte auch Auswirkungen darauf haben, wie Forscher zukünftig die fossilen Überreste unserer menschlichen Vorfahren interpretieren. Obwohl ihre Zähne scheinbar nur für eine blattreiche Ernährungsweise geeignet sind, zeigt die Studie, dass westliche Flachlandgorillas durchaus in der Lage sind, regelmäßig Nüsse zu knacken. Auch für die Rekonstruktion der Ernährung unserer menschlichen Vorfahren anhand der Beschaffenheit ihrer Zähne könnten diese neuen Erkenntnisse relevant sein.


Diese Newsmeldung wurde mit Material von idw erstellt


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
STW 408
STW 408

Australopithecus africanus

Elemente: L. UP3 or P4

Sterkfontein, Südafrika

24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...