Schlüsselbein


Menschlicher Schultergürtel mit Schlüsselbein und Schulterblatt

Das Schlüsselbein (lateinisch die Clavicula, eingedeutscht auch Klavikula, altgr. κλείς, Genitiv κλειδός [cleidos]) ist einer der drei ursprünglichen Knochen des Schultergürtels bei Reptilien, Vögeln und Säugetieren. Bei Knochenfischen ist das Schlüsselbein als Hautverknöcherung bereits angedeutet, bei Amphibien fehlt es.

Wortherkunft

Clavicula bedeutet lateinisch Ranke,[1] dies ist auch logischer, da die gewundene Form des Knochens eher an eine Ranke erinnert als an einen Schlüssel (lat. Clavis). Die griechische Bezeichnung (cleido) entstammt demnach von der fehlerhaften Übertragung. Dies kommt in der Anatomie auch in ähnlicher Form beim Keilbein vor.

Vergleichende Anatomie

Das beim Menschen etwa handlange Schlüsselbein ist bei einigen Säugetieren zurückgebildet (rudimentär). Gut entwickelt ist es beim Menschen, den anderen Primaten, allgemein bei Klettertieren, aber auch bei Nagetieren und Hasenartigen. Es ist in seiner Verbindung zum Brustbein (Sternoklavikulargelenk) und zum Schulterblatt die einzige gelenkige Verbindung der oberen Extremität mit dem Rumpf.

Bei Hauskatzen ist es auf einen in einen Muskel (Musculus cleidocephalicus) eingelagerten Knochen reduziert und steht nicht mehr mit dem Schulterblatt in gelenkiger Verbindung. Bei vielen anderen Säugetieren (z. B. Pferd, Paarhufer, Hund) ist es zu einem in diesen Muskel eingelagerten Sehnenstreifen zurückgebildet.

Vergleich des Gabelbeins des Dinosauriers Aerosteon mit dem einer australischen Spaltfußgans (Anseranas semipalmata)

Bei den Vögeln sind beide Schlüsselbeine zu einem V-förmigen Knochen, dem Gabelbein (Furcula), verwachsen, das als Spannfeder die beiden Schultergelenke beim Fliegen auseinanderhält. Stammesgeschichtlich tritt das Gabelbein erstmals bei theropoden Dinosauriern in Erscheinung[2]. Im englischsprachigen Kulturraum wird dieser Knochen umgangssprachlich auch als „wishbone“ bezeichnet. Diese Bezeichnung kommt von der Tradition, am Thanksgiving-Fest die getrocknete Furcula des Truthahns zwischen die zwei kleinen Finger von zwei gegenübersitzenden Personen zu klemmen und daran zu ziehen. Derjenige, dessen Knochenstück nach dem Bruch das größere ist, hat einen Wunsch (wish) frei.

Neben dem Schlüsselbein gehören das Rabenbein (Coracoid) und das Schulterblatt (Scapula) zum Schultergürtel. Bei den Säugetieren, einschließlich des Menschen, ist das Rabenbein kein eigenständiger Knochen sondern ein Fortsatz des Schulterblatts, der als Rabenschnabelfortsatz (Processus coracoideus) bezeichnet wird.

Anatomie des menschlichen Schlüsselbeins

Schlüsselbein des Menschen, Ansicht von unten
Schlüsselbein des Menschen, Ansicht von oben

Das Schlüsselbein des Menschen ist etwa 12–15 cm lang und ist S-förmig gekrümmt. Es besitzt zwei Enden und ein Mittelstück (Corpus claviculae). Das zur Körpermitte gerichtete (mediale) Ende wird als Extremitas sternalis (zum Brustbein hinzeigend) bezeichnet und besitzt eine runde Gelenkfläche, Facies articularis sternalis, die Teil des Gelenks zwischen Brust- und Schlüsselbein, Articulatio sternoclavicularis genannt, ist. Das seitliche Ende, das als Extremitas acromialis (zur Schulterhöhe hinzeigend) bezeichnet wird, bildet ein Gelenk mit der Schulterhöhe (Acromion), das Schultereckgelenk (Articulatio acromioclavicularis), die Teil des Schulterblattes ist. Die entsprechende Gelenkfläche, die sattelförmig abgeflacht ist, wird Facies articularis acromialis genannt.

An der Oberseite des Schlüsselbeins setzt der Deltamuskel (Musculus deltoideus) an. Durch dessen kräftigen Zug ist die Knochenoberfläche aufgeraut. Medial an der Unterseite gibt es eine Vertiefung, Impressio ligamenti costoclaviculare, die durch Zug eines Bandes, des Ligamentum costoclaviculare hervorgerufen wird.

An der Unterseite des Mittelstücks gibt es lateral eine Rinne, Sulcus musculi subclavii, durch die der Unterschlüsselbeinmuskel (Musculus subclavius) zieht. Ebenfalls an der Unterseite des Mittelstücks befindet sich ein konstant ausgebildetes Loch, Foramen nutricium, durch das ein Blutgefäß zur Versorgung des Knochens mit Sauerstoff und Nährstoffen hindurchtritt. An der Unterseite der Extremitas acromialis befindet sich eine Rauigkeit, Tuberositas ligamenti coracoclavicularis, die weiter unterteilt werden kann in ein Tuberculum conoideum und eine Linea trapezoidea. An diesen Strukturen inseriert das Ligamentum coracoclaviculare, das aus zwei Anteilen besteht, dem Ligamentum conoideum und dem Ligamentum trapezoideum.

Erkrankungen

Beim Menschen kann es bei Stürzen auf die Schulter, direkt auf das Schlüsselbein oder selten auch auf den ausgestreckten Arm zu Brüchen des Schlüsselbeins (Klavikulafraktur) kommen. Mit etwa 15 % aller Knochenbrüche bricht die Clavicula am zweithäufigsten. Symptome sind unter anderem eine sicht- und tastbare Stufenbildung, eine scheinbare Verlängerung des Armes und Veränderungen der Kopfhaltung.

Klavikulektomie

Die Entfernung des Schlüsselbeins kann teilweise (partiell) oder komplett (total) erfolgen. Die teilweise Klavikulektomie wird gelegentlich an den Enden im Bereich des Schultereckgelenks oder des Sternoklavikulargelenks durchgeführt, vorwiegend bei chronischen Instabilitäten oder Arthrose. Meistens wird nur der kleine gelenknahe Abschnitt entfernt, während das Schlüsselbein ansonsten erhalten bleibt.

Bei der kompletten Klavikulektomie wird der gesamte Knochen entfernt, weshalb es zu einer Instabilität und einem mäßigen Funktionsverlust der Schulter und des betroffenen Arms kommt. Ursache sind in erster Linie bösartige Knochentumore, meist Osteosarkome, Ewing-Sarkome (und Primitive neuroektodermale Tumoren sowie Myelome, allerdings ist das Schlüsselbein sehr selten betroffen. Metastasen kommen praktisch nicht vor. Andere sehr seltene Ursachen für eine komplette Entfernung sind chronische Knocheninfektionen und komplexe Knochenbrüche. Die Entfernung ist schwierig und Komplikationen sind häufig, neben lokalen Infektionen vor allem Verletzungen tieferer Strukturen, besonders der Vena subclavia. Eine Rekonstruktion des Schlüsselbeins wird selten vorgenommen, da dies aufwändig und mit noch höheren Komplikationsraten verbunden ist, und die Entfernung des Schlüsselbeins nur eine mäßige Einschränkung im täglichen Leben mit sich bringt[3] .

Einzelnachweise

  1. http://www.dartmouth.edu/~humananatomy/resources/etymology/Shoulder_arm.htm
  2. Nesbitt et al. (2009): „The theropod furcula“. In: Journal of Morphology. doi:10.1002/jmor.10724
  3. Z. Li, Z. Ye, M. Zhang: ‘‘Functional and oncological outcomes after total claviculectomy for primary malignancy‘‘. Acta Orthop Belg April 2012; Band 78 (Heft 2), Seite 170 – 174

Literatur

  • Franz-Viktor Salomon und Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns: Anatomie der Vögel. In: Salomon et al. (Hrsg.): Anatomie für die Tiermedizin. Enke Stuttgart, 2. erw. Aufl. 2008, S. 754-814. ISBN 978-3-8304-1075-1

Siehe auch

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