Quasar Jarosz in der Wikipedia auf Englisch / CC BY-SA 3.0

Myelinscheide


Aufbau einer Nervenzelle
alt=Eine Nervenzelle mit zwei verzweigenden Massen an beiden Enden. An einem Ende befindet sich im Inneren des Körpers der Zellkern. Die vielen Verzweigungen der Masse an diesem Ende sind die Dendriten. Zum anderen Ende der Nervenzelle führt ein langer Fortsatz, das Axon. Es wird von der Myelinscheide ummantelt, die von den Schwann-Zellen gebildet wird. Zwischen diesen Zellen befinden sich Zwischenräume, die Ranvier-Schnürringe. Die kleinere Masse mit weniger Verzweigungen wird als Axonterminale bezeichnet.
Zellkörper
Zellkern
Axonterminale
Schwann-Zelle
Myelinscheide
Abbildung aus Gray’s Anatomy mit Querschnitten durch ein Axon im PNS mit einer Myelinscheide aus Schwann-Zellen

Die Myelinscheide (auch Markscheide) stellt eine um die Axone der Nervenzellen von Wirbeltieren gelagerte lipidreiche Schicht dar. Sie wirkt elektrisch isolierend. Im zentralen Nervensystem (ZNS) wird sie von Oligodendrozyten, im Bereich des peripheren Nervensystems (PNS) von den Schwann-Zellen gebildet. Sie besteht jeweils aus dem Myelin dieser Hüllzellen.

Im ZNS gehen vom Soma eines Oligodendrozyten Fortsätze aus, welche je einen Teilabschnitt eines Axons umhüllen. Deshalb kann ein Oligodendrozyt an den Myelinscheiden von etwa 10–50 Axonen beteiligt sein.[1]

Eine Schwann-Zelle im PNS hingegen umwickelt immer nur einen Teilabschnitt eines Axons, viele Schwann-Zellen liegen hintereinander mit ihrem Soma um ein Axon herum. Die Schwann-Zellen wachsen mit ihrem Soma während der Entwicklung der Myelinscheiden (Myelogenese oder Markreifung) je nach Typ der Nervenzelle 3- bis etwa 50-mal um den Nervenfortsatz herum und wickeln ihn dabei mit mehreren Lagen ein.[2] Dabei liegt eine Zellmembran­schicht unmittelbar auf der nächsten. Zwischen zwei protoplasmatischen, also inneren Blättern der Zellmembran ist normalerweise kein Cytoplasma mehr vorhanden. Sie sind miteinander zur Hauptlinie oder inneren Anlagerungslinie verschmolzen. Dort befindet sich das Myelin-Basische Protein.[1] Nicht verschmolzen sind die Zellmembranen an den Stellen der sogenannten Schmidt-Lantermann-Einkerbungen oder Myelininzisuren. Es handelt sich dabei um Reste von Cytoplasma, die sich als lichtmikroskopisch sichtbarer schmaler und schräg verlaufender Streifen durch alle Myelinschichten der Myelinscheide ziehen und für den Stoffaustausch über Gap Junctions miteinander verbunden sind.[1] Nach Ulrich Welsch haben auch die Myelinscheiden des ZNS Schmidt-Lantermann-Einkerbungen.[1]

Die in Myelinscheiden verlaufenden Nervenfasern werden als markhaltig, markreich, myelinisiert oder ummantelt bezeichnet. Die Funktion der Myelinscheide besteht im Schutz der Neuronen vor fremden Aktionspotentialen und der schnelleren Erregungs­ausbreitung durch die Saltatorische Erregungsleitung. Dabei werden die Umhüllungen der Neuronalaxone im Abstand von jeweils circa 0,2 bis 1,5 Millimeter von den sogenannten Ranvier-Schnürringen unterbrochen. Der Abschnitt zwischen jeweils zwei solchen Schnürringen wird bei peripheren Nerven entsprechend als Internodium (oder internodales Segment) bezeichnet.

Dadurch, dass Myelinscheiden isolierend wirken, verringern sie die Membrankapazität und verhindern Leckströme durch die Membran. Dadurch erfolgt die elektrotone Ausbreitung der Depolarisation innerhalb des Internodiums schneller und verlustärmer als in unmyelinisierten Nerven. Die Myelinscheide schützt das Axon ebenso vor Aktionspotentialen anderer Neuronen, die zufälligerweise dieses Neuron kreuzen.

Bei der Multiplen Sklerose und anderen demyelinisierenden Erkrankungen wird ebendiese Schutzhülle der Nervenzellen zerstört - im Fall der MS durch Autoantikörper wie Anti-MOG-Antikörper und Anti-MBP-Antikörper. Der entsprechende Vorgang wird als Demyelinisation bezeichnet.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3  Ulrich Welsch: Sobotta Lehrbuch Histologie. Zytologie, Histologie, mikroskopische Anatomie. 2., völlig überarbeitete Auflage. Elsevier, Urban & Fischer, München u. a. 2006, ISBN 3-437-44430-1, S. 189.
  2.  Ulrich Welsch: Sobotta Lehrbuch Histologie. Zytologie, Histologie, mikroskopische Anatomie. 2., völlig überarbeitete Auflage. Elsevier, Urban & Fischer, München u. a. 2006, ISBN 3-437-44430-1, S. 186–188.

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.