Marianne Schmidl


Marianne Schmidl (* 3. August 1890 in Berchtesgaden; † 1942) war eine österreichische Ethnologin und Bibliothekarin.

Leben

Sie war jüdischer Abstammung, ihr Vater Joseph Bernhard Wilhelm Schmidl (1852–1916) war Rechtsanwalt in Wien. Nach ihrer 1910 in Graz ablegten Matura nahm sie an der Universität Wien zunächst ein Studium der Mathematik und theoretischen Physik auf, wechselte zum Wintersemester 1913/1914 jedoch auf die Studienfächer Ethnographie, Volkskunde und Anthropologie. Zu ihren Lehrern zählten Michael Haberlandt und Rudolf Pöch. 1916 wurde sie als erste Frau ihres Studiengangs promoviert. Danach arbeitete sie zunächst am Berliner Museum für Völkerkunde, ab Herbst 1917 dann als Assistentin von Theodor Koch-Grünberg am Linden-Museum in Stuttgart. Ab März 1921 war sie an der Österreichischen Nationalbibliothek tätig und wurde 1924 zur Beamtin ernannt. Sie war an der Bibliothek als Referentin für Anthropologie, Naturwissenschaft, Mathematik und Medizin tätig. Daneben setzte sie ihre wissenschaftlichen Forschungen auf dem Gebiet der afrikanischen Kulturgeschichte fort, wobei sie sich insbesondere auf Korbflechterei spezialisierte. Ab 1926 arbeitete sie an einem Forschungsprojekt, in dessen Verlauf sie Recherchen in ethnographischen Museen in der Schweiz, Frankreich, England, Belgien, Deutschland und Italien betrieb. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde sie im Zuge der Repressionen gegen jüdische Beamte unter Halbierung ihrer Bezüge in den „dauernden Ruhestand“ versetzt. Ihr Forschungsprojekt konnte sie aus Krankheitsgründen nicht zum Abschluss bringen, worauf der Projektleiter Otto Reche von ihr die Rückzahlung von Fördermitteln verlangte. Im März 1939 musste sie ihre gesamten Arbeitsunterlagen abliefern, die Ergebnisse wurden nicht publiziert. Um die sogenannte Judenvermögensabgabe bezahlen zu können, war sie gezwungen, im Familienbesitz befindliche Kunstwerke zu verkaufen. Freunde legten ihr nahe zu emigrieren, dazu fehlten ihr jedoch die finanziellen Mittel. Im April 1942 wurde sie in das polnische Ghetto Izbica deportiert, ihr letztes Lebenszeichen datiert vom Mai 1942. Die Umstände und das genaue Datum ihres Todes sind unbekannt.

Werke

Ihr erster veröffentlichter Aufsatz Flachs-Bau und Flachs-Bereitung in Umhausen erschien in der Zeitschrift für Österreichische Volkskunde. Band 19, 1913, S. 122–125. Ihre Dissertation Zahl und Zählen in Afrika wurde veröffentlicht in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Band 45, 1915, S. 166–209. 1928 erschien ihr Aufsatz Altägyptische Techniken an afrikanischen Spiralwulstkörben in der Festschrift für Wilhelm Schmidt, S. 645–654. Der letzte von ihr veröffentlichte Aufsatz, Die Grundlagen der Nilotenkultur, erschien in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Band 65, 1935, S. 86–125.

Literatur

  • Susanne Blumesberger: Verlorenes Wissen. Ein gewaltsam abgebrochener Lebenslauf am Beispiel von Marianne Schmidl. In: Helmut W. Lang (Hrsg.): Mirabilia artium librorum recreant te tuosque ebriant. Phoibos, Wien 2001, ISBN 3-901232-27-3, S. 9–19
  • Doris Byer: Marianne Schmidl. In: Brigitta Keintzel (Hrsg.): Wissenschaftlerinnen in und aus Österreich. Böhlau, Wien 2002, ISBN 3-205-99467-1, S. 655–658
  • Katja Geisenhainer: Marianne Schmidl (1890–1942). In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 127, 2002, S. 269–300
  • Katja Geisenhainer: Marianne Schmidl (1890–1942). Das unvollendete Leben und Werk einer Ethnologin. Universitätsverlag, Leipzig 2005, ISBN 3-86583-087-0 (enthält auch Schmidls unvollendet gebliebene Arbeit über afrikanische Spiralwulstkörbe)
  • Ilse Korotin: „[...] vorbehaltlich eines jederzeit zulässigen Widerrufes genehmigt“. Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Wissenschafterinnen und Bibliothekarinnen. In: Österreichische Bibliothekarinnen auf der Flucht. Verfolgt, verdrängt, vergessen? Praesens, Wien 2007, ISBN 978-3-7069-0408-7, S. 103–126

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