Before Present


Datei:Kawaij.jpg
Kalibrierung eines 14C-Datums, erstellt mit dem Programm Oxcal

Before Present (BP, engl. für vor heute) in Jahren bezeichnet eine Zeitskala, die in der Archäologie, der Geologie und anderen Wissenschaften benutzt wird, um Ereignisse der Vergangenheit zu datieren. Weil sich das Heute zeitlich stets verändert, wurde in internationaler Übereinkunft der 1. Januar 1950 bzw. das Kalenderjahr 1950 als Bezugszeitpunkt der Skala gewählt. Die Wahl des Jahres 1950 erklärt sich mit der praktischen Nutzbarmachung der Radiokohlenstoffdatierung in den 1950er Jahren. Auch wurde das natürliche Verhältnis der Kohlenstoff-Isotope in der Atmosphäre erst nach dieser Bezugszeit durch Kernwaffentest künstlich verändert.[1][2] In diesem Sinne wurde die Abkürzung BP auch als Before Physics interpretiert (engl. vor der Physik).

Definierte Verwendung

Die zur Altersbestimmung Before Present in Jahren verwendete Radiokohlenstoffdatierung ergibt zunächst eine doppelt falsche Zeitangabe mit einer dazugehörigen natürlichen Ungenauigkeit, der Streuung x. Sie wird wie folgt notiert:

unkalibriert 14C BP ± x

Die doppelt falsche unkalibrierte Rohzeitangabe wird aus Gründen der Vergleichbarkeit mit älteren Daten angegeben. Willard Frank Libby verwendete noch die Halbwertszeit in der Radiokohlenstoffmethode, die auch hier benutzt wird. Diese Rohzeitangabe bedarf also zum Zweck der echten Vergleichbarkeit, v. a. mit geschichtlichen Ereignissen, der Kalibrierung.

Kalibrierung

Wegen der künstlich veränderten Kohlenstoff-Isotopenverhältnisse in der Atmosphäre und der im Labor verwendeten Messtechnik entstehen Ungenauigkeiten, deren Angabe zu einer korrekten Datierung gehört.

Zur Kalibrierung können verschiedene Software-Programme benutzt werden. Diese Kalibrierungs-Software, z. B. OxCal oder CalPal[3], wird im Laufe der fortschreitenden Verbesserung in verschiedenen Versionen verkauft oder herausgegeben. Sie können deshalb sowohl untereinander als auch zwischen den verschiedenen Versionen unterschiedliche kalibrierte Zeitangaben liefern. Deshalb sollte die Kalibrierungssoftware bzw. die Kalibrierungsmethode bei der Zeitangabe genannt werden. Letztendlich liefern diese Programme dann eine vergleichbare numerische Zeitangabe:

kalibriert 14C BP ± x

oder

Zeitangabe ± Ungenauigkeit nach DIN ISO 8601 (und weitere Angaben)

Zeitangaben

DIN ISO 8601

Datums- und Zeitangaben erfolgen nach der international verbindlichen DIN ISO 8601. Alternativ wird in (westlich-christlichen) Pressererzeugnissen und Publikationen die heute ungültige Angabe „v. Chr.“ bzw. „n. Chr.“ (engl. BCE bzw. CE) tradiert, um Jahresangaben vor und nach Beginn der christlichen Zeitrechnung zu unterscheiden, z.B. nach DIN 1355 von 1975.[4][5] Daneben findet sich selten auch noch die Schreibweise „v. u. Z.“ oder ähnliche.

Sehr selten findet sich in geophysikalischen Arbeiten noch das Kürzel "AP", englisch für "after present" (entspricht "nach 1950").

Die Zeitangabe Vor heute empfiehlt sich vor allem für solche Bereiche, in denen 1950 oder 2000 Jahre interdisziplinär keine Rolle spielen, z. B. geologische Angaben jenseits der 100.000 Jahre vor heute.

Die vereinzelt anzutreffende Verwendung von bp für unkalibrierte und BP für kalibrierte 14C-Zeitangaben entspricht nicht der allgemeinen modernen Praxis und wird heute kaum noch verwendet.

BP in der Dendrochronologie

In der Archäologie sowie der Vor- und Frühgeschichte und der dendrochronologisch kalibrierbaren Zeitrechnung, die in Mitteleuropa derzeit bis -10.461[6] zurückreicht, verwendet man Datumsangaben nach DIN ISO 8601. Datums- und Zeitangaben, die in der Vorgeschichte älter als das frühe europäisch-mediterrane Neolithikum sind werden auf der Zeitskala Before Present in Jahren angegeben.

BP in der Warvenchronologie

Abweichung kalibrierter von unkalibrierten Angaben

Die undefinierte Verwendung der Angabe BP führt auch bei der Warvenchronologie zu Verwirrung, sofern sie - was in der Regel wegen Unvollständigkeit der Archive notwendig ist - mittels eines oder mehrerer 14C-datierter Bezugspunkte kalibriert wurde.[7][8] [9][10][11] Für ein richtiges Verständnis der Chronologie ist es daher sehr wichtig, die für die benutzten BP-Angaben erforderlichen umfangreichen Zusätze zu dokumentieren, nämlich sowohl unkalibriert mit Streuung und Laborkürzel, sowie kalibriert mit Angabe des benutzten Programms, da diese in nicht geringem Maße differieren.

Siehe auch

  • Jahr Null behandelt die internationale Normenproblematik
  • Datumsformat behandelt vorwiegend die deutschen Normen
  • V. u. Z. behandelt die eher weltanschauliche Zeitrechnung
  • v. Chr. behandelt die eher glaubensmäßige Zeitrechnung
  • mya behandelt die Zeiteinheit (million years ago)
  • Anthropozän

Literatur

  •  Willem G. Mook, Johannes van der Plicht: Reporting 14C Activities and Concentrations. In: Radiocarbon. 41, Nr. 3, 1999, ISSN 0033-8222, S. 227–239.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Taylor RE: The beginnings of radiocarbon dating in American Antiquity: a historical perspective. In: American Antiquity: Journal of the Society for American Archaeology. 50, Nr. 2, 1985, S. 309–325. doi:10.2307/280489.
  2. Dena Dincauze: Measuring time with isotopes and magnetism. In: Environmental Archaeology: Principles and Practice. Cambridge University Press, Cambridge, England 2000, ISBN 978-0-5213-1077-2.
  3. www.CalPal.de
  4. Editorial: The use of time units in Quaternary Science Reviews. Quaternary Science Reviews, Bd. 26(9-10), S. 1193, Mai 2007:
  5. IUPAC-IUGS Task Group 2006. Recommendation for isotope data in geosciences.
  6. Michael Friedrich, Sabine Remmele, Bernd Kromer, Jutta Hofmann, Marco Spurk, Klaus Felix Kaiser, Christian Orcel,Manfred Küppers (2004): The 12,460-year Hohenheim oak and pine tree-ring chronology from Central Europe—A unique annual record for radiocarbon calibration and paleoenvironment reconstructions, In: Radiocarbon 46-3: 1111–1122
  7. Eric W. Wolff: When is „Present“. In: Quaternary Science Reviews, Bd. 29(25-28), S. 3623–3624, 2007
  8. Chr. Blöss; H. U. Niemitz: Postglaziale Warvenchronologien. Kritik der Altersbestimmungen für das Quartär II. in: Zeitensprünge 10 (Heft 3), 388–409. Siehe auch Blöss & Niemitz 2000 (Literatur)
  9. Mike Walker et al: Formal definition and dating of the GSSP (Global Stratotype Section and Point) for the base of the Holocene using the Greenland NGRIP ice core, and selected auxiliary records. Journal of Quaternary Science, 24/1, 2008, S. 3–17, speziell S. 12 doi:10.1002/jqs.1227
  10. Georg Menting: Die kurze Geschichte des Waldes. Plädoyer für eine drastische Kürzung der nacheiszeitlichen Waldgeschichte. Mantis Verlag, Andernach 2002, ISBN 3-928852-23-X
  11. Hanspeter Holzhauser im Historischen Lexikon der Schweiz, online-Auszug http://hls-dhs-dss.ch/textes/d/D7770-3-4.php Jan 2009

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