Anthropometrie


Der vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci - eine der ersten und berühmtesten anthropometrischen Zeichnungen

Anthropometrie ist die Lehre der Ermittlung und Anwendung der Maße des menschlichen Körpers. Anthropometrie wird vor allem in der Ergonomie zur Gestaltung von Arbeitsplätzen, Fahrzeugen, Werkzeug und Möbeln gebraucht sowie im Arbeitsschutz zur Festlegung von Sicherheitsmaßnahmen zum Beispiel Bemessungen von Schutzabdeckungen oder Abständen zu gefahrenträchtigen Teilen verwendet. Wirtschaftsgeschichtler nutzen die Körpergrößen-Angaben als angeblichen Indikator für den Lebensstandard. In früherer Zeit versuchte die Anthropometrie, angeblich vorhandene Zusammenhänge zwischen Körpermerkmalen und Charaktermerkmalen zu belegen.

Normen

Beispiel[1] einer anthropometrischen Betrachtung

Normen haben das Problem, dass sich Menschen in ihren Körpermaßen erheblich voneinander unterscheiden. Üblicherweise betrachten daher Normen nur einen eingeschränkten Bereich der Bevölkerung. Die Ergebnisse der Anthropometrie werden meist nicht direkt verwendet, sondern in Datentabellen oder Normen abgelegt, um dort z. B. der Klassifikation von Bewegungen zu dienen. Dort liegen die mit der Anthropometrie erhobenen Daten zur Umsetzung durch andere Fachbereiche bereit. In den Tabellen werden nicht nur die Durchschnittswerte, sondern vor allem das fünfte und das fünfundneunzigste Perzentil als statistische Extremwerte für die technische Gestaltung angegeben.

Bei der Körpergröße bedeuten die Hinweise:

  • 5. Perzentil: nur 5 % sind kleiner
  • 50. Perzentil: 50 % sind kleiner bzw. größer (Medianwert)
  • 95. Perzentil: nur 5 % sind größer

Das gezeigte Beispiel entstammt dem NASA-Standard 3000T[2], wird aber in ähnlicher Form auch in anderen Normen verwendet. In Deutschland sind das die folgenden Normen:

  • EN ISO 7250 Wesentliche Maße des menschlichen Körpers für die technische Gestaltung
  • DIN 33402 Körpermaße des Menschen
    • Teil 1 Begriffe
    • Teil 2 Werte
  • DIN 33408 Körperumrißschablone
  • DIN 33411 Körperkräfte des Menschen

Bei der Anwendung dieser Normenwerke ist zu beachten, dass die jeweiligen Werte nur eingeschränkte Gültigkeit für die praktische Anwendung aufweisen. Einerseits wird jede Person(engruppe) hinsichtlich ihrer Alterszusammensetzung, ethnischer Herkunft und den jeweiligen Lebensbedingungen Unterschiede zur Probandengruppe der Normmessung aufweisen. Diese Aspekte sowie die Akzeleration der Körpermaße bedingen immer Abweichungen zu den normierten Maßen und erfordern von Zeit zu Zeit neue statistische Datenerhebungen der Körpermaße einer Bevölkerung.

Körperbautypen

Durch die gesamte Kulturgeschichte des Menschen hindurch haben sich auch darstellende Künstler wie beispielsweise Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer oder Le Corbusier mit der Anthropometrie beschäftigt. Eines der Forschungsziele dieser Künstler war die Ermittlung einer natürlichen oder göttlichen Gesetzmäßigkeit in den Proportionsverhältnissen des menschlichen Körpers. Erst in den vergangenen Jahrzehnten führten anthropologische Forschungsarbeiten vor allem durch Holle Greil zu der Bestätigung, dass viele Körpermaße der Menschen keine festen Verhältnisgrößen zueinander besitzen, sondern unterschiedliche Körperbautypen existieren. So weisen vor allem die Körperhöhe, das Proportionsverhältnis zwischen Oberkörper und Beinlänge, die Körperumfangsmaße und die Kopfgröße keinen eindeutigen Zusammenhang auf. Alltagserfahrungen, dass sowohl kleine als auch große Menschen entweder schlank oder korpulent sein können, verdeutlichen dies. Menschen jeder Körperhöhe können in Ihren jeweiligen Proportionen zwischen der Ausprägung eines Sitzriesen, also mit längerem Oberkörper und kürzeren Beinen, und der eines Sitzzwergen, mit kürzerem Oberkörper und längeren Beinen, liegen. Dieses ausgeprägte Variationsspektrum des menschlichen Körperbaus in mehreren Dimensionen wird beispielsweise in der Bekleidungsindustrie noch sehr wenig berücksichtigt.

Körperbewegung

Aus der angewandten Anthropometrie kommend, gibt es einige Möglichkeiten, Bewegungen zu klassifizieren und einzuteilen. Einige Beispiele für Körperbewegungen aus dem Bereich der Motorik:

  • Flexion (beugen)
  • Extension (strecken, dehnen)
  • Abduktion (von der Körpermitte fort)
  • Adduktion (zur Körpermitte hin)
  • Rotation (drehen der Körperachse)
  • Circumdation (Kreis- oder halbkreisförmige Bewegung)

Körperachsen

Körperbewegungen oder -fehlhaltungen erfolgen bzw. sind fixiert um Körperachsen, aus denen sich auch Mischachsen ergeben können:

  • Longitudinalachse (Längsachse des Körpers oder einer Extremität) – benannt auch in Anlehnung an die allgemeine technische Nomenklatur „y-Achse“
  • Transversalachse (Querachse des Körpers oder einer Extremität) – „x-Achse“
  • Sagittalachse (Frontal- bzw. „Pfeil“-Achse des Körpers oder einer Extremität)- „z-Achse“

Modelle

Oft angewandte Modelle [3]:

  • ANTHROPOS ErgoMAX[4]
  • DELMIA
  • IDO:Ergonomics - „Interactive Ergonomic simulation system“[5]
  • JACK - von Tecnomatix Human Performance
  • Manikin
  • RAMSIS und
  • SAFEWORK[6]

Siehe auch

Literatur

  • B. Flügel, H. Greil und K. Sommer: Anthropologischer Atlas ISBN 3-925831-00-2
  • Alvin R. Tilley, Henry Dreyfuss Associates: The Measure of Man and Woman: Human Factors in Design ISBN 0-471-09955-4

Quellen

  1. AMRL-TR-74-102 Churchill, E. Sampling and Data Gathering Strategies for Future USAF Anthropometry Webb Associates, Inc. A/F Aerospace Medical Res 2-76
  2. NASA Man-Systems Integration Standards: Anthropometry and Biomechanics
  3. Die Simulation des Menschen für die ergonomische Gestaltung, abgelesen am 30. April 2010.
  4. ANTHROPOS ErgoMAX, abgelesen am 30. April 2010.
  5. ICIDO:Ergonomie, abgelesen am 30. April 2010.
  6. Human Modeling Technology, abgelesen am 30. April 2010.

Weblinks

 <Lang> Commons: Anthropometry – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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