Evolution des Menschen - Die Piltdown Fälschung

Sir Arthur Keith
Sir Arthur Keith, einer der Hauptdarsteller im Drama um den Piltdown-Menschen
Die Protagonisten der Piltdown Affäre
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Die Protagonisten der Piltdown-Affäre:v.l.n.r sitzend Arthur Keith, A.S Underwood, Ray Lankester. Stehend Charles Dawson und Arthur Smith Woodward (mit Spitzbart)
Die Piltdown Fossilien
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Die Fragmente des Piltdown-Schädels präsentierte Arthur Smith Woodward im Dezember 1912 der Öffentlichkeit
Die Piltdown Rekonstruktion
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Rekonstruierter Schädel des Piltdown-Menschen. Die dunklen Teile stellen die in Piltdown gefundenen Fragmente dar, der Rest ist Gipsrekonstruktion
Darstellung des Piltdown Mannes
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So sah ein Künstler den Piltdown-Menschen

Die frühen Funde des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts brachten handfeste Beweise für die Evolution des Menschen. Mangelhafte Ausgrabungstechniken, fehlende zuverlässige Datierungsmethoden und ungeschultes Personal erschwerten die korrekte Einordnung der Fossilien, was zu andauerndem Gelehrten-Gezänk führte. Schlimmer waren freilich gefälschte Urmenschenrelikte. Der berühmteste Fall ist der Schwindel um den Piltdown-Menschen.

Der Anatom Arthur Keith (1866-1955) gehörte dem britischen wissenschaftlichen Triumvirat an, dessen Ansichten und Veröffentlichungen die Evolutionsforschung über einen Zeitraum von fast fünfzig Jahren entscheidend beeinflussten. Seine Kollegen waren Arthur Smith Woodward (1864-1944), Paläontologe und Kustos der Geologie am British Museum of Natural History, und Grafton Elliott Smith (1871-1937), ein Anatom, dar auf die Erforschung des Gehirns spezialisiert war. Alle drei wurden für ihre Verdienste um die Wissenschaft geadelt. Besonders denkwürdig aber wurden ihre Talente in der Diskussion um die Bedeutung eines angeblich menschlichen Fossils zu Schau gestellt. Diese Funde wurden zwischen 1908 und 1915 in Piltdown, Sussex, gemacht.

Arthur Keith, der sich mit den Händen und Füßen von Affen und Menschenbabys beschäftigt hatte, glaubte, die aufrechte Haltung sei ein sehr altes Merkmal und das große Gehirn die letzte Phase der Entwicklung des Menschen. Grafton Elliott Smith vertrat eine gegensätzliche Meinung. Seine Pionierarbeit auf dem Gebiet der Wirbeltiergehirnforschung hatte ihn davon überzeugt, dass «das Gehirn den Kurs bestimmt hatte». Die frühen Primaten, so Elliott Smith, «fanden in den Ästen der Bäume ein Asyl und den Schutz, der notwendig für eine Kultivierung der Denkfähigkeit und der Beweglichkeit war». Die aufrechte Haltung habe sich dann entwickelt, als «sie stark genug sich zu behaupten und sich zu Großem zu entwickeln» geworden waren.

Arthur Smith Woodward hat am Anfang nur wenig zu der Debatte beigetragen. 1885 ließ er sich über die große Zahl von «Missing Links» in der Fossilienkette aus, aber den größten Teil seiner Karriere widmete er der Erforschung fossiler Fische; er veröffentlichte mehr als 600 Arbeiten über dieses und verwandte Themen, aber nur 30 Arbeiten über den fossilen Menschen.

In den ersten Jahren des 20sten Jahrhunderts kannte man nur wenige Fossilien von Menschen. Exemplare aus Belgien und Frankreich hatten die Existenz der Neandertaler bestätigt, es gab die rätselhaften Javafunde, und ein Unterkiefer, der bei Heidelberg 1907 in einer Sandgrube gefunden wurde, legte die Vermutung nahe, dass unsere Ahnen im späten Pleistozän sprechen konnten und mit ihren äffischen Verwandten durch das Merkmal des fliehenden Kinns verbunden waren. Diese Exemplare trugen zwar zur allgemeinen Geschichte der Menschheitsentwicklung bei, aber für die anthropologische Geschichte der Briten, die Arthur Keith zu schreiben gelobt hatte, gab es keine eindeutigen Belege.

Über die Neandertaler- und Java-Fossilien sagte Keith: «So besitzen wir Erkenntnis - eine sehr unvollständige - über lediglich zwei menschliche Individuen am Anfang des Pleistozän. Das eine war wild im Aussehen, das andere sicherlich von niederer Intelligenz.» Wenn dies die Vorfahren des modernen Menschen seien, sagte Keith, so müßten wir akzeptieren «dass im ersten Zeitabschnitt des Pleistozän, innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeit, das menschliche Gehirn eine erstaunliche, fast unglaubliche Entwicklung durchgemacht habe». Keith hielt es für vernünftiger, den Neandertaler und den Java-Menschen von der Vorfahrenschaft des Menschen auszuschließen und sie stattdessen als Zeitgenossen und entfernte Verwandte jenes Menschen anzusehen, der der Vorfahr des heutigen Menschen sei und dessen Entwicklung schon lange vorher stattgefunden hatte. «Ist es denn dann überhaupt möglich», fragte sich Keith, «dass ein menschliches Wesen, in Erscheinung und Ausstattung uns so ähnlich, schon so früh, nämlich im Pliozän, existierte?» Er kam schließlich zu dem Schluß, dass es möglich sei, und versuchte ein Bild einer weit zurückliegenden Zeit zu entwerfen, einer Zeit in der «nicht nur eine Menschenart, sondern viele verschiedene existierten, von denen alle ausgestorben sind, bis auf die Linie, die zum modernen Menschen führte. Auf der Basis unseres zur Zeit noch unvollständigen Wissens scheint es sehr wahrscheinlich, das der Mensch, wie wir ihn kennen, seinen menschlichen Charakter am Anfang des Pleistozän entwickelte.» Bei dieser Gelegenheit verlegte Grafton Elliot Smith den Sammbaum unserer Vorfahren sogar bis in Eozän und erklärte, dass die stetige und gleichförmige Entwicklung des Gehirns auf einem festgelegten Weg von den Primaten direkt bis zum Menschen ... uns die fundamentale Begründung für «Die Entstehung des Menschen und seinen Aufstieg» gibt.

Die führenden Anatomen der damaligen Zeit legten die Evolutionstheorie so aus, dass sie hoffen konnten, eines Tages würden die Paläontologen ihre Theorien durch Fossilienfunde bestätigen. Schließlich, im Dezember 1912, präsentierte Arthur Smith Woodward, wahrscheinlich der führende Paläontologe damals, den Piltdown-Menschen der Öffentlichkeit und stellte die Anatomen damit vor ein Rätsel, in dem die Erwartungen der Theorie und die Logik der beobachtbaren Fakten sich in einem wunderbaren Gleichgewicht hielten.

Gefunden hatte die Fossilien Charles Dawson, ein Amateurgeologe, der schon vorher einige wichtige paläontologische Exemplare den Sammlungen des British Museum übermittelt hatte. Dawson (1864-1916) lebte in Uckfield, Sussex, und sein Beruf als Rechtsanwalt ließ ihm viel Freizeit, die er mit den verschiedensten Aktivitäten ausfüllte. Am meisten interessierte er sich für Paläontologie und Geologie. 1885, bereits im Alter von 21 Jahren, wurde er in Anerkennung seiner Verdienste in der geologischen Gesellschaft als Mitglied aufgenommen. Allerdings veröffentlichte Dawson kaum eigene Artikel. Er zog es vor, seine Funde von wirklichen Experten wie Smith Woodward beschreiben zu lassen und so belohnte Smith Woodward diese respektvolle Achtung, indem er den Piltdown-Menschen Eoanthropus dawsoni nannte.

Die genauen Umstände von Dawsons Entdeckung sind bis heute nicht vollständig geklärt; man weiß nicht einmal das genaue Jahr. In einem Vortrag der geologischen Gesellschaft am 18. Dezember 1912 berichtete Dawson, dass er «vor mehreren Jahren» auf Ablagerungen aufmerksam wurde als er nach der Herkunft einiger ungewöhnlicher brauner Feuersteine forschte und herausfand, dass sie aus einer Kiesgrube nahe Piltdown Common, Sussex, stammten. Arbeiter übergaben ihm bei einem späteren Besuch ein kleines, konkaves, tafelförmiges Objekt. Dawson erkannte sofort, dass es sich um einen Teil eines menschlichen Schädels handelte. Als er daraufhin die Fundstelle häufiger besuchte fand er «mehrere Jahre später - im Herbst 1911» ein weiteres Fragment, das offensichtlich zum gleichen Schädel gehörte. Da er glaubte, dass sie in Größe und Form zum Heidelberger Kiefer passen könnten, brachte er im Mai 1912 die Fundstücke zum Britischen Museum, um sie genauer einschätzen zu lassen. Smith Woodward war von der Bedeutung der Funde augenblicklich so fest überzeugt, dass er sich im gleichen Sommer der Suche nach weiteren Stücken anschloß. Offensichtlich wollten die beiden ihre Entdeckung vorerst geheim halten, da sie die Suche nur in ihrer Freizeit und ohne jegliche Unterstützung des Britischen Museums fortsetzten. Später stießen noch Teilhard de Chardin und einer seiner Kollegen hinzu. Beide waren Franzosen und studierten am Jesuitencollege nahe Hastings. Diese vier, der Paläontologe, der Rechtsanwalt und die beiden frommen Männer, gruben im Sommer des Jahres 1912 weitere vier Stücke des Schädels aus (drei Stücke des rechten Scheitelbeins und ein Fragment, das in die abgebrochene Seite des Hinterhauptes passte). Doch das war noch nicht alles!

«Schließlich», so erinnerte sich Smith Woodward, «an einem warmen Sommerabend, nach erfolgloser mehrstündiger Suche, als Dawson einige unberührte Rückstände der ursprünglichen Ablagerung auf dem Boden der Grube untersuchte, geschah es. Wir sahen beide, wie plötzlich die Hälfte eines menschlichen Unterkiefers unter der Spitze seines Hammers hervorgeschleudert wurde. So wurde der bedeutendste Teil unseres Fossils entdeckt». Bei diesen Ausgrabungen kamen auch noch drei Werkzeuge, Framente eines Elefantenzahnes, eines Mastodonzahnes sowie einige Biberzähne zu Tage.

Irgendwann im Herbst 1912 beendete Smith Woodward dann die anatomische Rekonstruktion der Funde. Er arbeitete allein, ohne Rat, ohne Hilfe, ja sogar ohne Wissen seiner Mitarbeiter am Britischen Museum. Er machte einen Abguß vom Inneren des rekonstruierten Schädels und bat den Gehirnspezialisten Grafton Elliott Smith über die Gehirnkapazität des Piltdown-Menschen zu sprechen, wenn das Exemplar im Dezember der Geologischen Gesellschaft vorgestellt würde. Elliott Smith übernahm den Job, betonte aber immer wieder, dass er bei der Rekonstruktion nicht dabei war, geschweige denn geholfen hatte.

Am 18. Dezember 1912 war der Vortragsraum der Geologischen Gesellschaft brechend voll wie nie zuvor. Smith Woodwards Rekonstruktion des Piltdown-Schädels stellte eine Kreatur dar, deren Kieferpartie die eines Affen, deren Schädelform die eines Menschen war und deren Gehirnkapazität (1070 Kubikzentimeter) etwa in der Mitte zwischen Affe und Mensch lag. Es war zu schön um wahr zu sein, der Piltdown-Mensch erfüllte die vorgefassten Meinungen und Erwartungen vieler.

Arthur Keith dagegen war unter denjenigen, die Zweifel hegten. Zwar pries Keith den Piltdown-Menschen bei der Versammlung der Geologischen Gesellschaft als die vielleicht wichtigste Entdeckung menschlicher Fossilien, die je gemacht wurde, erhob aber als Anthropologe Einwände gegen die Rekonstruktion des Paläontologen Smith Woodward. Im Juni 1913 besorgte sich Keith Abgüsse der Fundstücke und erstellte eine eigene Rekonstruktion. Nach anatomischen Prinzipien fertigte Keith die fehlenden Stücke so an, dass sie mit seiner Theorie vom hohen Alter des Homo sapiens konform gingen. Im August des gleichen Jahres wurden die beiden gegensätzlichen Theorien, die des Anatomen und die des Paläontologen, auf einem Internationalen Kongress in London diskutiert.

Während sich die Experten in London über Form und Größe des Piltdown-Schädels die Köpfe zerbrachen, setzte Charles Dawson seine Suche fort. Die Kiesgrube schien erschöpft zu sein, und er sah sich in der Umgebung um. Seine Bemühungen waren auch diesmal von außergewöhnlichem Erfolg gekrönt: Irgendwann vor dem 20. Januar 1915, ungefähr dreieinhalb Kilometer von der ursprünglichen Fundstelle entfernt, fand Dawson in einem Feld ein Stück eines fossilen Knochens. Er war sicher, dass dieses zu einem zweiten Piltdown-Menschen gehören musste. Es handelte sich um ein Stück Stirnpartie, mit Augenbrauenwulst und Nasenwurzel. Im Juli fand er an der gleichen Stelle einen Backenzahn und später einen Teil des Hinterhauptes.

Unglücklicherweise wurde Dawson im Herbst 1915 schwer krank und starb im August 1916. Seine letzten Funde wurden im Februar 1917 der Geologischen Gesellschaft von Smith Woodward präsentiert. Man kam zu dem Schluß, dass mit diesen neuen Beweisen die Behauptung gestützt werde, dass der Eoanthropus dawsoni eine eigenständige und ausgestorbene Spezies des frühen Menschen sei. Denn, so führte Smith Woodward aus, das Auffinden des gleichen Knochentyps und des gleichen Backenzahntyps an zwei verschiedenen Stellen musste die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass beide Exemplare zur selben Spezies gehörten. Das britische Triumvirat der Paläoanthropologie war nun also vereint in dem Glauben, dass die Piltdown-Funde den frühesten bekannten Vorfahren von Homo sapiens repräsentierten, eine einmalige Verbindung zwischen Menschheit und affenähnlichen Kreaturen, aus denen er sich entwickelt hatte. Die Tatsache, dass alle drei geadelt wurden (Sir Arthur Keith 1921, Sir Arthur Smith Woodward 1924, Sir Grafton Elliott Smith 1934) reflektiert vielleicht ein bißchen den patriotischen Stolz auf die Überzeugung, dass der Vorfahre des modernen Menschen ein Engländer war.

Während die drei Experten nun vereint um den Piltdown-Menschen versammelt waren, wurde die Kreatur jetzt von anderen Seiten angegriffen. Und diesmal ging es nicht um das Gehirnvolumen, sondern um die Frage, ob Schädel und Kiefer überhaupt zusammenpaßten. Schon bei der ersten Präsentation hatte Smith Woodward auf dieses Problem hingewiesen und Professor Watertson hatte dazu angemerkt, es sei schwer zu glauben, dass beide Teile von einem einzigen Individuum stammten. Ähnliche Ansichten wurden auch anderswo laut. In Amerika verglich Gerrit Miller die Abgüsse der Piltdown-Fossilien mit Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans. Miller kam daraufhin zu dem Schluß, dass es sich um zwei verschiedene Individuen handeln musste und schuf eine völlig neue Schimpansenart (Pan vetus), um die Eigenarten des Piltdown-Kiefers erklären zu können.

Im Jahre 1921 beschäftigte sich Marcellin Boule aus Frankreich, eine Autorität auf dem Gebiet der Steinzeitforschung, mit der "paradoxen Verbindung eines grundsätzlich menschlichen Schädels mit einem grundsätzlich affenähnlichen Kiefer". Boule sichtete die Fossilien und kam zu dem Schluß, dass der Piltdown-Mensch zusammengesetzt (wenn nicht sogar künstlich) war. In Amerika und Frankreich wurden Miller und Boule von vielen Wissenschaftlern unterstützt. Einwände gegen die paradoxe Verbindung wurden auch in Italien und Deutschland laut. Insgeamt schien der anatomische Befund unwiderlegbar. Wären Kiefer und Schädel bei zwei verschiedenen Ausgrabungen gefunden worden, hätte niemand im Traum daran gedacht, den Vorschlag zu machen, die beiden gehörten zusammen.

Doch trotz aller Kontroversen bleibt festzuhalten, dass sich die Experten in einem Punkt einig waren. Die Experten mögen zwar Dispute über die Verbindung von Kiefer und Schädel geführt haben, sie mögen sich über das Gehirnvolumen gestritten haben, aber einer Sache waren sich alle sicher: Die Piltdown-Funde bewiesen, dass die Menschheit schon am Anfang des Pleistozän über ein erstaunlich großes Gehirn verfügte. Bedeutend waren vor allem auch die Verflechtungen, die dahinter standen. Erstens mußte ein Gehirn, das schon zu pleistozänen Zeiten so groß war, seine Entwicklung schon viel früher begonnen haben, was darauf hindeutete, dass der Mensch wirklich sehr, sehr alt wäre. Und zweitens, da die Piltdown-Funde der «wirklichen Menschen» sehr viel älter waren als die Java- oder Neandertaler-Fossilien (so glaubte man zumindest), schlossen sie diese «brutalen» Kreaturen kurzerhand vom direkten Stammbaum des Menschen aus und machten sie zu «abgeirrten Sprößlingen», zu evolutionären Experimenten, die zum Aussterben verurteilt waren; entfernte Verwandte des Menschen vielleicht, aber keine Vorfahren.

Auf diese Art und Weise trug der Piltdown-Mensch zum intellektuellen Klima der 1920er und 1930er Jahre bei, einer Zeit, in der bedeutende Entdeckungen zurückgewiesen wurden, weil sie mit den Vorstellungen und Theorien unvereinbar waren, während andere allein deshalb akzeptiert wurden, weil sie eben diese Vorstellugen bekräftigten. Trotz aller Kontroversen wurden die Piltdwon-Funde zu einem Standard, an dem alle neuen Entdeckungen gemessen wurden und der häufig in Abhandlungen erwähnt wurde. Der sogennete Piltdown-Effekt zeigt sich unter anderem in der Arbeit von Louis Leakey (1903-1972), der in den 1920ern Anthropologie in Cambridge studierte und ein begeisterter Schüler von Sir Arthur Keith war. 1934 veröffentlichte er ein populärwissenschaftliches Buch über den Steinzeitmenschen mit dem Titel Adam's Ancestors (Adams Vorfahren). Er unterstützte darin Keith in seinen Einschätzungen und beschrieb den Piltdown-Menschen als einen guten Kanditaten für die Vorfahrenschaft des modernen Menschen. «Der Piltdown Schädel ist wahrscheinlich viel näher mit Homo sapiens verwandt als mit irgendeinem sonst bekannten Typus», schrieb Leakey.

Bis jetzt haben wir den Piltdown-Menschen aus dem Blickwinkel der Anatomen und dem der Paläontologen gesehen, aber es gab noch einen dritten Ansatz, den der Geologen, und aus dieser Richtung wurde das Rätsel schließlich gelöst. Charles Dawson hatte gesagt, er hätte die Fossilien in einer Kiesablagerung ungefähr 24 Meter über dem Bett des Flusses Ouse gefunden. Er hatte behauptet, dass diese Ablagerungen Teil eines Plateaus darstellten, das 30 Meter über dem Meeresspiegel lag, und hatte die Höhe der Ablagerungen in Relation zu diesem Plateau eingeschätzt. Diese Schätzung wurde von anderen Autoritäten als Tatsache hingenommen und erhielt zusätzlich Gewicht durch die Unterstützung von W.J. Sollas, Geologieprofessor in Oxford, der die Höhenangaben sogar noch anhob. Doch das Kiesbett gehört zu einer ausgeprägten Terrasse, die in einer konstanten Höhe von 15 Metern über der Ouse liegt. Der Teil, in dem die Fossilien gefunden wurden, bildet keine Ausnahme, wie eine Übersichtskarte aus dem Jahre 1911 eindeutig zeigt. Wäre dies 1913 berücksichtigt worden und hätte man die Stratigraphie des Gebietes untersucht, wäre man wohl eher dazu gekommen, die Piltdown-Ablagerung mit den 15-Meter-Ablagerungen der Themse zu vergleichen als mit anderen älteren. In diesem Falle hätten die Piltdown-Fossilien höchstens aus dem späten, aber nicht aus dem frühen Pleistozän stammen können und das Interesse an ihnen wäre wäre sicher ziemlich schnell erloschen.

Tatsächlich wurde der Fehler erst 1936 erwähnt, als es schwierig erschien, den Piltdown-Schädel mit einem anderen Schädelfund aus Swanscombe in Einklang zu bringen. Der Swanscombe-Fund stammte aus einer Kiesablagerung in einer der ca. 30 Meter hoch gelegenen Themseterrassen und wurde von Alvan T. Maston gemacht, einem Zahnarzt, dessen Hobby Fossilien waren. Die gefundenen Bruchstücke stellten die hintere Hälfte eines Schädels dar, es gibt keinerlei Hinweise auf Gesichtform, Kinn- oder Stirnpartie. Der Schädelinhalt wurde auf 1325 Kubikzentimeter geschätzt, und die Anatomen konnten nur wenig Unterschiedliches im Vergleich zu Homo sapiens finden. Und doch waren die Ablagerungen, in denen der Schädel gefunden worden war, nicht jünger als die von Piltdown. Der Piltdown-Schädel wurde aber für so alt und so deutlich abgesetzt von Homo sapiens eingestuft, dass sogar eine neue Gattung geschaffen wurde, Eonanthropus. Irgendetwas war eindeutig schiefgelaufen. Swanscombe war geologisch eindeutig beschrieben worden, und während der 1930er Jahre wurde durch weitere Funde aus anderen Teilen der Welt immer klarer, dass das Gehirn den Weg der Evolution nicht bestimmt hatte. Fossilien, die mindestens genauso alt waren wie die von Piltdown, weisen ausgesprochen menschenähnliche Kiefer und Zähne auf, während das Gehirn ziemlich klein war. Es wurde immer schwieriger, die ausgeprägten Merkmale der Piltdown-Fossilien mit einer neuen Interpretation der Evolutionsgeschichte, wie sie von diesen Funden angeregt wurde, in Einklang zu bringen. Die Wahrheit über Piltdown konnte nur in den Fossilien selbst stecken. Die Frage war nur: Konnte man sie jemals ans Licht bringen?

Kenneth Oakley, Geologe am British Museum, hatte bereits 1935 angefangen, diese Frage zu beantworten, als er nämlich darauf hingewiesen hatte, dass Dawsons Berechnungen falsch waren. Die Bedeutung von Dawsons Fehler war klar: Das Alter des Piltdown-Menschen war nur über die ausgestorbene Fauna des frühen Pleistozän aus der gleichen Kiesgrube bestimmt worden; wenn die Ablagerungen aber jünger waren, mußten die älteren Fossilien von irgendwo anders herkommen, und es gab keinen zwingenden Grund anzunehmen, dass alle Piltdown-Funde gleich alt waren. Nach dem Krieg begann Kenneth Oakley mit einem Forschungsprogramm, das sich der Frage widmete: Gibt es eine Möglichkeit festzustellen, ob Knochen, die nahe beieinander in der gleichen Schicht gefunden wurden, tatsächlich auch gleich alt sind?

Oakley ging es wohl nicht in erster Linie darum, das Piltdown-Rätsel zu lösen, dies war aber ein bedeutender Erfolg seiner Arbeit. Fossilien absorbieren Fluor aus der Erdschicht, in der sie liegen, und Oakleys Forschung machte sich die Tatsache zunutze, dass die aufgenommene Flourmenge mit größerem Alter ansteigt. J. Middleton hatte bereits 1844 zum ersten Male über das Phänomen berichtet, dass «die Ansammlung von Flour ein zeitliches Element zu beinhalten scheint, was sehr interessant für geologische Untersuchungen ist». Middletons Untersuchungen wurden nicht fortgeführt, die Bedeutung des Flourgehalts in Fossilien geriet in Vergessenheit, bis sie 1892 von Adolf Carnot, einem französichen Mineralogen, wiederentdeckt wurde. Doch auch seine Arbeiten blieben ohne Resonanz, und so war es Kenneth Oakley, der sich nun zum dritten Mal mit dieser Methode der Altersbestimmung von Fossilien beschäftigte.

Im Oktober 1948 schließlich erhielt Oakley die Genehmigung, die Piltdown-Fossilien zu testen. Als Referenzmaterial untersuchte er Stücke der ausgestorbenen Tierwelt des frühen Pleistozäns, nach der man das Alter des Eoanthropus bestimmt hatte. Der Flourgehalt der gesamten Zusammenstellung reichte von einem Minimum von 0,1 Prozent bis zu einem Maximum von 3,1 Prozent. Die höheren Werte wurden alle in der ausgestorbenen Fauna registriert, womit ihr hohes Alter bestätigt wurde. Die Piltdown-Knochen enthielten durchschnittlich 0,2 Prozent. Sie waren also eindeutig nicht so alt wie die Fauna des frühen Pleistozäns, mit der sie in Verbindung gebracht worden waren. Eoanthropus war möglicherweise nicht älter als Überreste des modernen europäischen Homo sapiens.

Oakleys Ergebnisse wurden im März 1950 veröffentlicht. «Dass die Resultate kaum Unterschiede zwischen Eoanthropus und neueren Knochen aufweisen, verlangt nach einer Erklärung», schrieb er, doch die ganze Tragweite seiner Beobachtungen wurde erst drei Jahre später erkannt. 1950 war die Debatte längst nicht mehr so heftig, da einige Vertreter der verschiedenen Theorien gestorben waren oder im Ruhestand waren. Obwohl der Piltdown-Mensch sich überhaupt nicht mit den kleinhirnigen Fossilienfunden mit menschenähnlichen Kiefern aus Afrika und dem Fernen Osten vereinbaren ließ, warteten die meisten Anthropologen einfach ab, bis sich das Rätsel von alleine lösen würde, kaum jemand suchte aktiv nach einer solchen Lösung.

Im Jahre 1953 wurde Joseph Weiner, ein Anatom, der mit Professor le Gros Clark in Oxford arbeitete, durch eine zufällige Bemerkung von Oakley erneut auf dieses Problem aufmersam. Als er abends nach Hause fuhr, fing er an, darüber nachzudenken und am frühen Morgen hatte er die Lösung. Wenn der Piltdown-Mensch jünger als behauptet war, wenn der merkwürdige Kiefer zu keinem lebenden oder ausgestorbenen Affen passt, wenn er weder zum Schädel noch in die Ablagerung, in der die Exemplare gefunden wurden, gehörte, dann gab es keine «natürliche» Erklärung für das Piltdown-Phänomen. Es gab dann nur noch eine «unnatürliche» Alternative, argumentierte Weiner. War es möglich, dass der Kiefer künstlich hergestellt wurde und dass die ganzen Knochen in der Ablagerung vergraben worden waren, damit ihre Entdecker zu dem Schluß kamen, der Mensch des frühen Pleistozäns hätte so ausgesehen?

Zunächst erschien diese Vorstellung empörend, doch als Weiner die Fakten genauer betrachtete, wurde sein Verdacht von mehreren Seiten bekräftigt. Dass die zweiten Piltdown-Funde unter den gleichen Umständen wie die ersten ein paar Jahre früher gemacht wurden, sprach dafür, dass es sich nicht um einen Zufall handeln konnte. Die Tatsache, dass die Kinnpartie und das Kiefergelenk fehlten, wies darauf hin, dass diese beiden entscheidenden diagnostischen Merkmale absichtlich entfernt worden waren. Das Puzzle nahm langsam Gestalt an.

Am nächsten Tag untersuchte Weiner die Piltdown-Abgüsse der Anatomieabteilung in Oxford und besprach seine Theorie mit Professor le Gros Clark (1895-1971). Selbst auf den Abdrücken erschienen die Abnutzngserscheinungen an den Backenzähnen eher vergleichbar mit künstlichen Abschleifungen als mit natürlicher Abnutzung. Das gleiche galt für den Eckzahn. Künstliche Abschleifung würde auch das Paradoxon klären, das einem Zahnarzt 1916 zum ersten Male aufgefallen war: ungewöhnlich starke Abnutzung an einem relativ unentwickelten Zahn.

Weiner und le Gros Clark stellten ihre Beobachtungen dem Britisch Museum vor, und im Herbst 1953 wurde das Rätsel endgültig gelöst - vierundvierzig Jahre nachdem es aufgetaucht war. Die Zähne bestätigten Weiners und le Gros Clarks erste Annahmen. Weitere Flourtests ergaben, dass der Kiefer nicht nur ziemlich jung war, sondern sogar einem kürzlich Verstorbenen gehörte, der Schädel war etwas älter. Man hatte die Knochen chemisch behandelt, damit sie die gleiche Farbe wie die Ablagerung erhielten, das gleiche war mit den Säugetierfossilien des gleichen Fundorts gemacht worden. Der Schwindel war genial geplant, sorgfältig ausgeführt und absolut unerwartet.

Als die Neuigkeit im November 1953 veröffentlicht wurde, wurde sie von den unterschiedlichsten Seiten kommentiert. Der Tenor der Frage lautete: Wer war es? Dawson, Smith Woodward, Elliott Smith, Teilhard de Chardin? Sie alle wurden von den einen angeklagt und von anderen verteidigt. Mehrere Bücher und unzählige Artikel setzten sich mit der Frage auseinander und von Zeit zu Zeit wird «neues Beweismaterial» angeführt, um die Angelegenheit ans Licht zu bringen, aber bis heute gibt es keine unwiderlegbare Antwort.

Die Undurchsichtigkeit der Piltdown-Affäre zeigt sehr deutlich ein Problem, das die gesamte Wissenschaft der Paläoanthopologie betrifft; Fossilienfunde als Beweise für die menschliche Evolution bieten kaum jemals eine eindeutige Interpretation. Gleichzeitig lassen sich aus dieser Affäre aber auch zwei wichtige Schlußfolgerungen ziehen: Erstens, dass präzise geologische und stratigraphische Bestimmungen zwingend notwendig sind, und zweitens, dass, wenn Vorerwartungen so ausgeprägt, so einfach reproduzierbar und so begeistert aufgenommen und gepflegt werden, wie im Fall Piltdown, die Wissenschaft eine merkwürdige Tendenz zeigt, Glauben vor Erforschung zu stellen. Vielleicht war es die Absicht des Fälschers, dies deutlich zu machen.

Artikel: Hans-Peter Willig

© Hans-Peter Willig, München User online 5   gestern 896   heute 45 Glossar LinklisteSitemapMail